Überlebensfrage Geruch: Was ein Gehirnvergleich mit dem Neandertaler übers Riechen verrät
Ralf Julke
19.12.2011
Darstellung eines Neanderthaler-Gehirns.
Quelle: Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie / Philipp Gunz
Hat der Homo sapiens am Ende deshalb das Rennen gegen den Neanderthaler gemacht, weil er besser riechen konnte? Dass er besser riechen kann, belegen jetzt Studien, an denen auch Leipziger Forscher teilnahmen. Aber wie das so ist mit dem menschlichen Gehirn: Alles hängt mit allem zusammen. Und Riechen ist ein Teil der Gehirnarbeit.
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Wir bilden uns ja Einiges ein auf das große Denkorgan in unserem Schädel. Und irgendwie scheint ja die Zunahme der Hirngröße im Lauf der menschlichen Evolution eine Menge mit der zunehmenden Eroberung technischer Fertigkeiten und damit dem Entstehen der Zivilisation zu tun zu haben. Die Größe allein natürlich nicht. Das ist der Forschung seit Längerem bewusst. Mancher schleppt seine 1,375 Kilo Gehirn durchs Leben und begreift trotzdem nicht mal die simpelsten Dinge und wäre ohne das kleine quirlige Wesen mit seinen durchschnittlich 1,245 Kilogramm Gehirn an seiner Seite völlig lebensunfähig. Andere benehmen sich mit dem gewaltigen Denkapparat trotzdem wie Höhlenbewohner.
Die Neanderthaler hatten, wenn man so die Forschungsergebnisse der jüngeren Zeit betrachtet, sogar ein ähnlich großes Gehirn. Und wahrscheinlich würde man sie beleidigen, wenn man ihnen unterstellte, sie hätten sich wie der Homo sapiens benommen.
Bei beiden verschiedenen Menschenarten entwickelten sich unabhängig voneinander etwa gleich große Gehirne. Doch der Unterschied steckt - wie immer - im Detail: Die Gehirne unterschieden sich in ihrer Gestalt.
Gehirne von Neanderthaler (links) und Homo sapiens im Vergleich.
Quelle: Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie / Philipp Gunz
Dies könnte, so vermuten nun unter anderem auch Forscher vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, auf Unterschiede in der Organisation des Hirns hindeuten.
In einer Studie, die in der letzten Woche in der Fachzeitschrift "Nature Communications" veröffentlicht wurde, wendeten Markus Bastir und Antonio Rosas vom Spanischen Museum für Naturgeschichte, das dem Wissenschaftsrat (Consejo Superior de Investigaciones Científicas, CSIC) angeschlossen ist, und ihre Kollegen modernste bildgebende Verfahren aus der Medizin an, um die inneren Strukturen fossiler menschlicher Schädel zu durchleuchten. Denn das Problem ist ja: Ein richtiges Neanderthaler-Gehirn hat sich nicht erhalten. Die Spezies starb so ungefähr vor 39.000 Jahren aus. Oder besser: verschwand von der Bildfläche. Der Homo sapiens dominierte fortan allein das Geschehen.
Was man von den Neanderthalern finden konnte, waren Schädel. Die nutzte man in der Vergangenheit zumeist dazu, um das Aussehen dieser Menschenart zu rekonstruieren. Mehrfach zu rekonstruieren. Neuere Arbeiten dazu zeigen durchaus Wesen, die dem Homo sapiens sehr ähnlich waren.
Doch die Schädelkalotten zeigen ja auch als Gehirngefäß, welche Form das Gehirn des Schädelbesitzers mal hatte. Im Wissenschaftsdeutsch der Forscher: "Die Forscher nutzten hochentwickelte 3D-Analyse-Methoden und bestimmten die Gestalt des Basalhirns, die sich in der Morphologie des Schädelbasis-Skeletts widerspiegelt."
Die bildlich gemachten Unterschiede zwischen dem Gehirn eines Neanderthalers (oben) und eines Homo sapiens.
Quelle: Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie / Philipp Gunz
Schädelbasis-Skelett also. Das Innere der Knochenhülle, die unser großartiges Denkorgan umschließt. Während die Max-Planck-Forscher aus dem Nachbarinstitut für Kognitions- und Neurowissenschaften mit Kernspintomografie mittlerweile begonnen haben, dem zuzuschauen, was im menschlichen Gehirn so passiert - zum Beispiel beim Träumen - versuchen die Kollegen vom Deutschen Platz zu rekonstruieren, wie das Gehirn unserer Neanderthaler-Konkurrenz funktioniert haben könnte. Indem sie aus der Schädelkalotte ihr Gehirn plastisch rekonstruieren.
Was sieht man da? Die Schläfenlappen, die an Sprache, Gedächtnis und sozialen Funktionen beteiligt sind, und auch die Riechlappen sind beim Homo sapiens größer sind als beim Neandertaler. Nicht das Gehirn ist größer, sondern einzelne Bereiche sind es, die wir - die letzten 30.000 Jahre haben es ja gezeigt - gut gebrauchen konnten, um solche nützlichen Dinge wie Sprache, Gedächtnis und so eine Art funktionierendes Sozialleben zu entwickeln. Unsere zivilisatorischen Krücken. Und irgendwie scheint auch das Riechen wichtig zu sein, um auf dem mühsamen Weg der Zivilisation voranzukommen.
„Die Strukturen, die olfaktorischen Input erhalten, sind beim modernen Menschen etwa 12 Prozent größer sind als beim Neandertaler“, stellen die Autoren fest. Das könnte ja einer gute Botschaft für alle Parfümhersteller sein. Ihr Geschäft ist gesichert.
Die neuen Erkenntnisse könnten, so meinen die Forscher, erhebliche Auswirkungen auf die Erforschung von Geruchssinn und menschlichem Verhalten haben. Da denkt man sofort an den Spruch: "Ich kann dich nicht riechen." Geruch hat ja was mit unserem sozialen Verhalten zu tun. Und weil wir nicht jeden riechen können, mancher aber gern akzeptiert werden will, sprüht er sich Parfüm unter die Achseln.
Denn: Bei modernen Menschen ist die Größe der Riechlappen mit der Fähigkeit verbunden, verschiedene Gerüche zu erkennen und zu unterscheiden. Der Geruchssinn ist einer der ältesten Sinne bei Wirbeltieren.
"Er ist zudem der einzige, der eine direkte Verbindung zwischen dem Gehirn und seiner Umgebung herstellt“, erklärt Markus Bastir, Erstautor der Studie. Während andere Sinne erst verschiedene Filter im Gehirn passieren müssen, gehen Gerüche direkt von der Umgebung in die höchsten Zentren des Hirns.
Darüber hinaus schlafe der Geruchssinn auch nie, "weil wir immer atmen und Gerüche wahrnehmen“, wie Rosas erklärt.
Die neuronalen Schaltkreise des Geruchssinns stimmen mit denen überein, die für das Gedächtnis und Emotionen (das limbische System) zuständig sind. Rosas: „Dies erklärt, warum wir uns an Ereignisse, bei denen wir extremen Gerüchen ausgesetzt waren, so lange und intensiv erinnern können.“
Der moderne Mensch ist also ein nachtragendes Wesen. Er merkt sich, wen er nicht riechen mag. Und Gerüche rufen bei ihm Erinnerungen wach - er verknüpft den Geruch, den er erspürt, mit gespeicherten Erlebnissen. Wenn das zutrifft, ist das natürlich ein echter Vorteil in der Konkurrenz. Die neue Situation bekommt sofort ein Deutungs- und Handlungsmuster zugeteilt. Aha, sagt das Gehirn. Kenn ich.
Und das Ganze scheint schon in der frühen Entwicklung angelegt, gleich nach der Geburt. Forscher vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, die ebenfalls zur Studie beigetragen haben, konnten kürzlich Unterschiede in den Hirnentwicklungsmustern bei modernen Menschen und Neandertalern während einer für die kognitive Entwicklung kritischen Phase nachweisen.
"Im ersten Lebensjahr entwickeln sich die Gehirne von Neandertalern und modernen Menschen unterschiedlich“, erklärt Philipp Gunz. „Moderne Menschen haben kleinere Gesichter und kleinere Nasen als ihre Verwandten, die Neandertaler. Dennoch ist der Teil des Gehirns, der Gerüche verarbeitet, bei modernen Menschen größer als beim Neandertaler.“
Für Jean-Jacques Hublin, Direktor der Abteilung für Humanevolution am Leipziger MPI, zeigt das, dass sich die Wege der beiden Vertreter der Gattung Mensch schon recht früh trennten. "Die Beweise mehren sich, dass sich bei Neandertalern und modernen Menschen unabhängig voneinander große Gehirne herausgebildet haben und dass diese Gehirne unterschiedlich funktionieren“, sagt er. "Unsere neue Studie gibt erste Einblicke in die funktionale Bedeutung dieser Entwicklungsunterschiede.“
Man begegnete sich dann eben nicht mehr auf Augenhöhe, wenn man sich irgendwo in der europäischen Tundra begegnete. Die einen waren im Vorteil: die mit den größeren Riechlappen.
In der Erklärung der Wissenschaftler: Eine Geruchsinformation wird an solche Hirnfunktionen weitergeleitet, die Emotionen, Motivation, Angst, Gedächtnis, Freude und Attraktion direkt verarbeiten. Neurowissenschaftler verwenden die Bezeichnung „höhere olfaktorische Funktionen“, um die Gehirnfunktionen zu beschreiben, die Denkvermögen (Gedächtnis, Intuition, Wahrnehmung, Urteilsvermögen) und Geruchssinn kombinieren.
Und dann geben sie sich ganz vorsichtig in der Interpretation: Die bei Homo sapiens im Vergleich zu anderen Menschenarten jeweils größeren Riech- und Schläfenlappen deuten auf einen verbesserten und sich unterscheidenden Geruchssinn hin, der möglicherweise mit der Evolution verschiedener Verhaltensaspekte und sozialer Funktionen in Verbindung steht.
Möglicherweise. Aber sehr gut vorstellbar. Deswegen sollte man Leuten, die intensiv nach guten Parfüms riechen, doch wohl besser misstrauen. Der Geruch sortiert sie wahrscheinlich für unser Gehirn ins falsche Handlungsmuster ein, denkt "Blume", wo es vielleicht besser doch gedacht hätte "Säbelzahntiger".
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels stand die Abkürzung CSIC noch für Museum der Naturgeschichte. Das haben wir nach einem freundlichen Leserhinweis geändert. CSIC steht für Wissenschaftsrat (Consejo Superior de Investigaciones Científicas). Im Internet zu finden unter:
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