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Leipziger Forscher helfen beim Einsortieren: Der Homo erectus war keineswegs allein

Redaktion
Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie.
Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie.
Foto: MPI für Evolutionäre Anthropologie
Die neueren Forschungen, an denen das Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie beteiligt war, führen zwei Millionen Jahre in die Vergangenheit, an einen Punkt in der Menschheitsgeschichte, an dem der damals lebende Homo erectus keineswegs so allein war, wie die Forschung lange glaubte. Es gab mindestens noch zwei weitere Arten, die mit ihm lebten oder gar konkurrierten.


Die Fossilien, die das belegen, wurden im Osten des Turkana-Sees in Kenia entdeckt. Sie bestätigen, dass dort vor zwei Millionen Jahren neben unserem direkten Vorfahren Homo erectus zwei weitere Arten der Gattung Homo lebten. Die Funde – ein Gesichtsschädel, ein bemerkenswert vollständiger Unterkiefer und der Teil eines zweiten Unterkiefers – werden in der renommierten Fachzeitschrift Nature am heutigen 9. August 2012 beschrieben.

Ausgegraben wurden die Fossilien zwischen 2007 und 2009 im Rahmen des von Meave und Louise Leakey geleiteten Koobi Fora Forschungsprojekts (Koobi Fora Research Project, KFRP). Unterstützung bei der Feldforschungsarbeit leisteten das Turkana Basin Institute (TBI) sowie die National Geographic Society, die das KFRP seit 1968 finanziert. Das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig unterstützte das KFRP bei der wissenschaftlichen Analyse der Fossilien.

Vor 40 Jahren entdeckte das KFRP das rätselhafte Fossil mit der Registriernummer KNM-ER 1470 (kurz: “1470”). Dieser Schädel, der sich durch ein großes Gehirn und ein langes flaches Gesicht auszeichnet, entzündete eine langjährige Debatte darüber, wie viele verschiedene Arten des frühen Homo es neben Homo erectus während des Pleistozäns außerdem noch gab. Die ungewöhnlichen morphologischen Eigenschaften des Fossils 1470 wurden von einigen Wissenschaftlern auf sexuelle Unterschiede und die natürliche Variation innerhalb ein und derselben Art zurückgeführt. Andere Forscher hingegen sahen in diesem Fossil Hinweise auf eine andere Spezies.

Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie.
Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie.
Foto: MPI für Evolutionäre Anthropologie

Dieses Jahrzehnte andauernde Dilemma blieb aus zwei Gründen bestehen: Zum einen waren Vergleiche mit anderen Fossilien nur bedingt möglich, da das Fossil 1470 keine Zähne und keinen Unterkiefer enthielt. Zum anderen fand man keine weiteren fossilen Schädel mit ähnlich flachen und langen Gesichtern wie beim Fossil 1470, sodass angezweifelt wurde, wie repräsentativ diese Eigenschaften tatsächlich sind. Die neu entdeckten Fossilien helfen nun bei der Auflösung dieses Dilemmas.

„In den vergangenen 40 Jahren haben wir in den gewaltigen Sedimentflächen rund um den Turkana-See angestrengt nach Fossilien gesucht, die die einzigartigen Merkmale des Gesichts von Fossil 1470 teilen und uns zeigen, wie seine Zähne und sein Unterkiefer ausgesehen hätten”, sagt Meave Leakey, eine der Leiterinnen des KFRP und Forscherin für National Geographic. „Endlich haben wir einige Antworten gefunden.“

„Zusammengenommen geben uns die drei neuen Fossilien Aufschluss darüber, wie Fossil 1470 tatsächlich ausgesehen hat”, sagt Fred Spoor, Leiter der wissenschaftlichen Analysen und Wissenschaftler in der Abteilung Humanevolution am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. „Jetzt ist klar, dass zwei weitere frühe Vertreter der Gattung Homo neben Homo erectus lebten. Die neuen Fossilien werden uns dabei helfen aufzudecken, wie unser Zweig der menschlichen Evolution vor fast zwei Millionen Jahren entstand und zu blühen begann.“

Die drei neuen Fossilien wurden in einem Radius von etwa zehn Kilometer von der Fundstelle des Fossils 1470 gefunden und werden auf ein Alter von 1,78 bis 1,95 Millionen Jahre datiert. Das Gesicht KNM-ER 62000, das im Jahre 2008 von Elgite Lokorimudang, einem Mitglied des Feldforschungsteams, entdeckt wurde, ist dem von Fossil 1470 sehr ähnlich und zeigt, dass Letzteres nicht lediglich ein Individuum war, das hinsichtlich seiner morphologischen Eigenschaften „aus der Reihe tanzte“. Darüber hinaus enthält der gut erhaltene Oberkiefer des Gesichtsschädels noch fast alle Backenzähne.

Dies ermöglicht den Forschern nun erstmals zu schlussfolgern, wie der Unterkiefer des Fossils 1470 beschaffen gewesen sein könnte. Eine besonders gute Entsprechung findet sich auch bei den anderen beiden neuen Fossilien, dem Unterkiefer KNM-ER 60000, der im Jahre 2009 von Cyprian Nyete gefunden wurde und dem Teil eines weiteren Unterkiefers, KNM-ER 62003, den Robert Moru im Jahre 2007 fand. KNM-ER 60000 ist der am vollständigsten erhaltene Unterkiefer eines frühen Vertreters der Gattung Homo, der jemals entdeckt wurde.

Dem Team, das die neuen Funde untersuchte, gehörten unter anderem an: Christopher Kiarie (TBI), der die Fossilien im Labor für weitere Untersuchungen vorbereitete, Craig Feibel (Rutgers University), der das Alter der Fossilien bestimmte und Susan Antón (New York University), Christopher Dean (UCL, University College London), Meave und Louise Leakey (TBI, Kenia; und Stony Brook University, New York) sowie Fred Spoor (Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig und UCL), die die Fossilien wissenschaftlich untersuchten. Die National Geographic Society finanzierte die Feldforschungsarbeiten, die Leakey Foundation finanzierte die geologischen Studien und die Max-Planck-Gesellschaft unterstützte die Laborarbeiten.

Quelle: SJ/HR, Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie

www.turkanabasin.org/discovery/knmer60000
www.eva.mpg.de


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