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Bologna als Pferdefuß: Uni Leipzig versucht Studienanfängerzahl von 2005 trotzdem zu schaffen

Ralf Julke.
Website zum 600. Screenshot: LIZ
Website zum 600. Screenshot: LIZ
Nicht nur der Rektor der Universität Leipzig, Franz Häuser, hat seine Baustelle, die ihn in Atem hält. Auch der Prorektor für für Lehre und Studium, Wolfgang Fach, hat seine. Und es gibt Reden der sächsischen Wissenschaftsministerin, die ärgern ihn maßlos.

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Etwa wenn Eva-Maria Stange davon spricht, mit dem Bezug des neuen Uni-Campus würden auch noch ein paar andere Probleme der Leipziger Universität gelöst. Dann gäbe es auch hier wieder hervorragende Studienbedingungen. - Der Prorektor ist unter Kollegen und Studenten mittlerweile ein wenig als Zyniker verschrien.

Auch wenn er nichts dafür kann. Denn eigentlich hat die Uni Leipzig alles richtig gemacht, hat seit 2005 konsequent den Bologna-Prozess durchgezogen und Studiengang um Studiengang auf die modularen Einheiten für die Bachelor- und Masterstudiengänge umgestellt. Dass die Organisation nicht reibungslos über die Bühne gehen würde, hatte man erwartet. Dass der zwischen Bund und Ländern geschlossene Hochschulpakt alle Pläne in Makulatur verwandeln würde, nicht. Denn Grundbedingung einer flotten modularen Ausbildung war eigentlich auch die Verkleinerung der Seminargruppen. Ziel: bessere Betreuung für die Studenten.

So startete man ins Wintersemester 2006/ 2007 mit fast 1.000 Studienanfängern weniger als im Hochjahr 2005. Und hatte schon alles "falsch" gemacht. Gleich 2007 gab's den Rüffel aus Dresden: Leipzig hatte das Soll für seine Studentenzahlen nicht gebracht. „Der Hochschulpakt hat uns völlig auf dem falschen Fuß erwischt", sagt Fach. „Denn 2005 war ein Rekordjahr. Diese Zahlen wollten wir niemals halten, das wollten wir unseren Studenten nicht antun."

Aber wer sagt Politikern, welche Folgen ihre Beschlüsse haben? - Nach dem "Rüffel" steigen die Immatrikulationszahlen in Leipzig wieder. Der Betreuungsschlüssel verschlechtert sich wieder. 4.648 Erstsemester begannen 2007/2008 ihr Studium an der Uni, fast so viele wie im "Rekordjahr" 2005. Und auch 2008/2009 wird man wieder auf etwa 4.600 kommen, knapp 100 unter der Sprunglatte.

Die neuen Räume im neuen Campus werden an den Betreuungsproblemen wenig ändern, denn die haben nichts mit Räumen zu tun, sondern mit betreuenden Dozenten. Der Freistaat Sachsen hätte im Gefolge des Bologna-Prozesses die Dozentenzahl in Sachsen deutlich erhöhen müssen. Stattdessen wurde das Streichprogramm der Vorjahre fortgesetzt.

Foto: Ralf Julke
Foto: Ralf Julke
Der neue Uni-Campous im Bau.

Ergebnis: Studienverhältnisse, von denen Studierende zu recht frustriert sind. Nach drei Jahres Praxistest stellt sich auch heraus, dass eine Vorgabe des Wissenschaftsministeriums nicht wirklich funktioniert: an der Uni Leipzig nur eingleisige Basisstudiengänge zu installieren. Damit werden alle Studierenden vor den Kopf gestoßen, die neben dem Basisstudiengang eine Ergänzung anstreben, ein zweites oder gar drittes komplettes Fach.

Das ist nicht komplett unmöglich. Doch es hat sich gezeigt, wie wenig Puffer die Universität Leipzig hat, ihren Studierenden solche Wünsche zu erfüllen. Noch in der letzten Woche hatte Prof. Wolfgang Fach über 800 solcher Problemfälle auf dem Tisch. Die meisten, so sagt er, habe man mittlerweile nach intensiven Gesprächen lösen können. Und auch mit den letzten 20 werde man versuchen, noch eine Lösung zu finden. Nur sei das in der Regel nicht genau der Fächerwunsch, den die Studierenden geäußert haben.

Man hört ihm an, wie mühsam das Geschäft ist mit den knappen Ressourcen. Und auch auf einem anderen Feld scheint sich der Bologna-Prozess in Leipzig zum Pferdefuß zu entwickeln: bei der 2. Exzellenzinitiative der Bundesregierung, die diesmal die Hochschullehre fördern soll.

Doch "Bologna" scheint in den Wettbewerbskriterien nicht vorzukommen. Stattdessen wolle die Bundesregierung Merkmale auszeichnen, die eigentlich zur klassischen Hochschulausbildung gehören - besonders herausragende Lehrer, finanziell gut unterfütterte Coaching-Programme und eine gute Ausstattung mit Technik. Alles Dinge, die viel Geld kosten. Und die sich vor allem Universitäten leisten können, die schon vorher finanziell besser aufgestellt waren und vielleicht sogar mit der 1. Exzellenzinitiative schon richtig abgeräumt haben.

„Wenn das so kommt", sagt Fach, „rechnen wir uns nicht wirklich viele Chancen aus." Bewerben wolle sich die Uni Leipzig trotzdem in der Hoffnung, die Arbeit im Bologna-Prozess würde am Ende doch honoriert. „Dann", so Fach, „sind wir gut dabei. Aber nur dann." Denn dass die modularen Studiengänge in der Universität für dermaßen viele Probleme sorgen, habe ja auch damit zu tun, dass Leipzig Vorreiter sei und vorbildlich alle Studiengänge umgestellt habe.

„Dass sich die Probleme nun so häufen", sagt Fach, „damit haben wir natürlich nicht gerechnet." Nicht nur die Vermittlung von Zweit- und Drittfächern erweist sich innerhalb der Vorgaben als Kraftakt, auch an der Technik fehlt's. Drei Jahre nach Start fehlt noch immer die Software, die zur Verwaltung der modularen Studiengänge vonnöten wäre.

Was dann wieder eine Geldfrage ist. Aber wenn Wolfgang Fachs Befürchtungen eintreten, gewinnen auch bei der 2. Exzellenzinitiative des Bundes jene Hochschulen, "die eh schon haben". Er zitiert dazu einen deutlich drastischeren Spruch, den ein Leidenskollege aus einer genau betroffenen Universität gefällt hat.
„Die Probleme sind im Grunde überall dieselben", sagt er. "Darüber beklagen wir uns auch nicht. Aber gesagt werden muss es."

www.uni-leipzig.de


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