600 Jahre Universität Leipzig: Feiern im Schatten von Bologna
Ralf Julke
11.05.2009
Ovationen für Universitätschor, Universitätsorchester und Uni-Bigband.
Foto: Tom Schulze / Uni Leipzig
Am Samstag, 9. Mai, begann die Universität Leipzig ihren Festreigen zum 600-jährigen Jubiläum. Mit großem Konzert im Gewandhaus. Und eigentlich zu erwartenden Studentenprotesten. Denn 600 Jahre stolze Geschichte täuschen nicht darüber hinweg, dass auch Gegenwart ihre handwerklichen Kunstfehler hat.
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Das ist nicht neu. Das sorgt seit 2005 für heftige Diskussionen. Nur geben jene, die das Chaos verursacht haben, keine Antwort. Und die sitzen in diesem Fall in der sächsischen Staatsregierung, die zwar den Hochschulpakt 2020 unterschrieben hat – sich aber nicht bemüßigt fühlt, die daraus abzuleitende Finanzierung des sächsischen Studienbetriebes zu sichern. Hochschulen, die wie die Universität Leipzig, von Anfang an ihr komplettes Fächerangebot "modularisiert" haben, haben seit 2006 massive Probleme – nicht nur bei der Gewährleistung der eigentlich avisierten Studienqualität. Nicht ohne Grund haben andere Hochschulen den Umstellungsprozess schon in der Startphase gebremst: Die Einführung von Bachelor und Master macht keinen Sinn, wenn die Qualität des Studiums leidet und auch noch der Ruf der Hochschule.
Das thematisierte denn im weihevollen Jubiläumskonzert der Sprecher des StudentInnenRates (StuRa), Thomas Dudzak, der den Hochschulpakt 2020 kritisierte, der die ursprünglichen Bemühungen der Bologna-Reform konterkariere. Danach verpflichteten sich die Hochschulen, die Zahl der Erstimmatrikulierten bis 2010 auf dem Stand von 2005 zu halten – ein Rekordjahr an der Universität Leipzig. Nun sei die Universität in der Zwickmühle und müsse Studenten über ihre Kapazitäten aufnehmen, sonst drohten weitere Kürzungen. Und zwar nicht aus Bologna, sondern aus Dresden, wo Bildungspolitik nach wie vor als Sparpolitik verstanden wird.
Zumindest Uni-Rektor Franz Häuser ging auf den Beitrag der Studenten ein: „Wir wissen, dass der Prozess noch nicht abgeschlossen und schwierig ist." Nach wie vor sei die Öffnung zur Welt, zur scientific community, die Internationalisierung von Studentenschaft und Lehrkörper, ein vorrangiges Ziel.
Während Ministerpräsident Stanislaw Tillich dieses heikle Thema lieber mied und ein nicht ganz so heikles als Bonbon brachte: Er versprach – nachdem auch hier in den letzten Jahren scheinbar unverrückbare Mauern gezogen wurden – den Hochschulen mehr Autonomie. "Gute Bildung und exzellente Fachkräfte sind unsere Zukunft", sagte er auch noch. „Deshalb stehen wir zu unserem Versprechen: Keine Studiengebühren bis zum Masterabschluss."
Auch so ein heißes Eisen. Das heißt zumindest, dass es innerhalb der Bachelor- und Master-Regelstudienzeiten keine Gebühren geben wird. Das "Aber" in diesem Satz ist freilich nicht zu überhören. Und gar nicht zu hören ist die Einsicht, dass der Freistaat mit seinem kontraproduktiven Sparprogramm gerade einigen tausend Studenten die reguläre Absolvierung des Studiums unmöglich gemacht wird.
Sieht die Schwierigkeiten des Bologna-Umbaus: Rektor Franz Häuser.
Foto: Tom Schulze / Uni Leipzig
Die werden dann freilich auch keine Gebühren zahlen: Sie tauchen in der Masse der Studienabbrecher unter, die für den so erfolgsorientierten Freistaat dann einfach im statistischen Nirwana verschwinden. Ganz ähnlich, wie es fast 20 Jahre lang mit den Schulabbrechern geschah. Ein Denken, dass "Ausschuss" im Bildungsprozess als selbstverständliche Randerscheinung betrachtet.
„Ganz Sachsen ist stolz auf 600 Jahre Universität Leipzig", sagte er noch. Ist eine Festrede kein Anlass, Fehler zu analysieren?
„Ich wünsche mir eine Universität, die sich mit Lehrenden und Studierenden ins städtische Leben einmischt und einbringt", sagte der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung in seiner Festrede. Den Studenten warf er vor, mit ihrer Kritik zu kurzfristig zu denken. „Wir müssen dieses Jubiläum nutzen, um in den internationalen Blickpunkt zu kommen." Dabei versuchen die Studenten eigentlich nur, in den Blickpunkt der Verantwortlichen im Freistaat zu kommen. Denn ihre Zeit läuft ab – mit jeder nicht bestandenen Prüfung, mit jedem nicht erlangten Modul im Bachelor-Studiengang. Ganz zu schweigen davon, dass Bachelor-Abschlüsse in einigen Fächern nicht einmal zum Master-Studium berechtigen.
Ging auf die Nöte der Studenten nicht weiter ein: Stanislaw Tillich.
Foto: Tom Schulze / Uni Leipzig
Bologna ist eher ein Sieg der Schubladen-Weisheit über den lebendigen, freien Lernprozess.
„Wissenschaft wirkt langfristig, deswegen sind Universitäten auf Tradition gebaut", sagte Ministerpräsident Stanislaw Tillich. Eine Tradition, in der es immer um die notwendige Finanzierung ging. Zur Universität mit Weltgeltung wurde die Leipziger Alma mater erst, als sich das Land bequemte, in Ausstattung und Lehrpersonal kräftig zu investieren.
Zumindest der OBM von Leipzig weiß das. „Ohne starke, exzellente gut ausgestattete Hochschulen hat man keine Chance im Wettbewerb der Städte", sagte Burkhard Jung. Er weiß es aus seiner eigenen Stadt-Statistik: Erst die Hochschulen machen Leipzig zur Wachstumsstadt. Wer mit Sparkurs die wichtigste Hochschule knapp hält, gängelt auch Leipzig und er unterbindet auch, was der Bologna-Prozess eigentlich vorantreiben sollte.
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