Bologna-Debakel: Studenten schreiben offenen Brief ans Rektorat der Uni Leipzig
Redaktion
11.05.2009

Besetzt! Klare Ansage und Dialog seit heute an der Beethovenstraße 15
Foto: Swen Reihhold | www.swenreichhold.de
Während sich die Universität am Samstag, 8. Mai, mit dem Festkonzert im Gewandhaus anschickte, würdevoll in den den Jubiläumsreigen zu wandeln, verteilte der Studierendenrat der Universiät einen Offenen Brief der Studenten an die Medien. Er fordert die Absage der Jubiläumsveranstaltungen.
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Der Brief im Wortlaut:
"An die Mitglieder des Rektorats,
mit diesem offenen Brief fordern wir die Absage der Jubiläumsveranstaltungen zur 600-Jahr-Feier der Universität Leipzig.
Es gibt angesichts der herrschenden Bedingungen nichts zu feiern. Durch die Studienreform wurde die Hochschullandschaft verändert, ohne dass eine kritische Grundsatzdiskussion über Universität und ihre gesellschaftliche Rolle geführt wurde. Unter anderem ist der freie Zugang zu Bildung und adäquate Selbstbestimmung im Studium durch die Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge in noch weitere Ferne gerückt als zuvor. Die bestehenden problematischen Verhältnisse lassen sich jedoch nicht allein auf den so genannten 'Bologna-Prozess' reduzieren, sondern sind das Ergebnis einer andauernden gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, die Bildung in zunehmenden Maße an wirtschaftlicher Verwertbarkeit orientiert und die Menschen kapitalistischen Zwängen unterwirft. Bildung sollte die Mitglieder einer Gesellschaft befähigen, diese zu verbessern. Dieses Ideal hat die Universität vollständig aus den Augen verloren.
Mit dem unreflektierten Begehen des Jubiläums versucht die Universität ein identitätsstiftendes Moment zu schaffen, ohne eine Auseinandersetzung über ihre Rolle in Vergangenheit und Gegenwart zu führen. Der Jahrestag wird genutzt,um aus der Vergangenheit schöpfend ein Bewusstsein von Tradition und Prestige zu konstruieren. Zukunftsgewandte Lösungen für die derzeitige inakzeptable Lage erarbeiten wird dabei leider stark vernachlässigt.

Die ersten Klagen auf Leinen: Die Diskussion um Bologna-Fehler beginnt an der Leipziger Universität
Foto: Swen Reichhold | www.swenreichhold.de
Rufe nach besserer finanzieller Ausstattung der Universität sind angesichts der 6,4 Millionen teuren Jubelfeierlichkeiten – gut die Hälfte der Kosten trägt das Land, das ansonsten für die Finanzierung der Universität keine Gelder zu haben vorgibt – kaum mehr fadenscheinig. Die von vielen Seiten bemängelte finanzielle Ausstattung der Hochschulen zu beheben, wäre zwar ein erster Schritt, allerdings nicht die Lösung der Gesamtproblematik. Trotzdem werden mit Stellenstreichungen und Kürzungen von Finanzmitteln weder Reform, noch Revision oder eine Alternative zum Bachelor/Master durchzuführen sein.
Sie, Herr Häuser, haben in ihren Äußerungen zum studentischen Protest an der Uni Leipzig auf 'die Politik' verwiesen, in der Hoffnung, dieser könnte dort etwas bewirken. Eine Absage des Jubiläums wäre deshalb ein deutliches Zeichen dafür, dass im Rektorat die Probleme erkannt wurden und der Wille besteht, Druck auf 'die Politik' auszuüben.
Die Absage des Jubiläums soll aber nicht dazu führen, Geld, Zeit und Raum ungenutzt zu lassen. Eine Debatte um die momentane Situation und die Zukunft der Hochschulen in ihrem gesellschaftlichen und politischen Kontext ist dringend notwendig. Dabei könnte mit den nun freigewordenen Mitteln eine Diskussion angeregt werden, die unter der Beteiligung der Studierenden, Lehrenden und sonstigen Bildungsinteressierten stattfindet. Begriffe wie Selbstbestimmung und Wahlfreiheit, aber auch Aufgabe und Stellung der Hochschule in der Gesellschaft sowie der oft zur Phrase verkommende Begriff der Bildung müssen dann inhaltlich gefüllt und kritisch diskutiert werden.
Im Zentrum unseres Protestes steht die Reflexion und Diskussion der zu kritisierenden Zustände an den Hochschulen, vor allem in ihren gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen. Die Forderung nach der Absage der Jubiläumsfeierlichkeiten ist logische Konsequenz unserer Überlegungen.
Mit erwartungsvollen Grüßen,
die Protestierenden."
www.stura.uni-leipzig.de
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