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Zehn Jahre Bologna-Prozess in Sachsen: Die Reform ging erfolgreich nach hinten los

Ralf Julke
Andreas Schmalfuß.
Andreas Schmalfuß.
Foto: FDP Fraktion Sachsen
Immer mehr mehren sich in Sachsen die Zeichen, dass der Bologna-Prozess für das Bildungsland Sachsen zum Desaster wird. Am 30. April gab's dazu erstmals eine von der FDP-Fraktion beantragte Anhörung im Sächsischen Landtag.

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„Zehn Jahre nach Beginn des Bologna-Prozesses wurden wesentliche, damit verbundene hochschulpolitische Ziele in Sachsen nur teilweise oder überhaupt nicht erreicht", bilanziert Prof. Dr. Andreas Schmalfuß, hochschulpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Sächsischen Landtag. „Umsetzer der Bologna-Reformen sind zwar die Hochschulen – Aufgabe der sächsischen Hochschulpolitik muss es aber sein, diesen komplexen Prozess zu begleiten und die notwendige Unterstützung zu gewähren. Dabei gibt es jedoch offenbar noch erhebliche Mängel."

Er beschreibt sogar recht vorsichtig, was die 1999 in Bologna von 29 europäischen Bildungsministern unterzeichnete, völkerrechtlich nicht bindende Bologna-Erklärung in ihrer sächsischen Umsetzungsvariante an Ergebnissen zeitigte.

Nach wie vor bestünden Probleme bei der Zahl der Studienabbrecher und der Studiendauer. Auch habe sich die Arbeitsmarktakzeptanz der neuen Abschlüsse bisher nur in Teilen etabliert. Studenten klagten über eine 'Verschulung' des Studiums und über eine hohe Prüfungsintensität.

Als problematisch stellte sich zudem heraus, dass die Nichtanerkennung erbrachter Studienleistungen als starkes Mobilitätshindernis für Studenten wirke – und dies sogar beim innerdeutschen Hochschulwechsel. „Die Bachelor/Master-Reform droht als dogmatischer Akt der Bürokratie die Situation damit sogar teilweise zu verschlechtern. Hier muss gegengesteuert werden", fordert Schmalfuß.

Das sieht denn auch die sächsische Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange so. „Der Bachelor muss qualitativ besser ausgestaltet werden", sagte sie noch am Donnerstag. „Sechs Semester sind offenbar zu kurz um den Ansprüchen des Bologna Prozesses zu genügen." Sie sprach sich in diesem Zusammenhang für eine Verlängerung der Bachelor Phase aus, vor allem, um die Qualität der Abschlüsse durch ein Auslands- oder Praxissemester zu erhöhen.

In ihrer Einschätzung geht sie sogar noch einen Schritt weiter als die Landtagsopposition: Entgegen des ursprünglichen Mobilisierungsgedankens des Bologna-Prozesses, habe die Mobilität der Studierenden im Bachelor Studium sogar deutlich abgenommen. Dies gehe auch aus dem erst kürzlich vorgelegten Bericht der Bundesregierung an die Bologna Konferenz hervor.

„Dort, wo versucht wurde, das Pensum eines vier oder fünfjährigen Diplomstudienganges in einen sechssemestrigen Bachelorstudiengang zu pressen, ist die Arbeitsbelastung für die Studierenden zu hoch", sagt Stange. Andere Länder seien da deutlich großzügiger und räumten jungen Menschen in der ersten Studienphase mehr Zeit ein. Und nennt als Beispiel England, wo sieben Semester gewährt werden.

Doch die standartisierte Kürze des Bachelor-Studiums ist nicht das einzige Problem. „Die KMK muss hier ihre Empfehlungen an die Hochschulen korrigieren und die Hochschulen müssen ihre Studiengänge qualitativ überprüfen", meint Stange. Das betreffe auch die viel zu hohe Zahl der Prüfungen.

Und schickt gleich die Mahnung hinterher: An den Kernzielen des Bologna-Prozesses – Qualitätssteigerung, Mobilität und Berufsbefähigung (employability) – werde es in Sachsen keine Abstriche geben, da der Freistaat sonst im europäischen Wettbewerb den Anschluss verliere.

Dumm nur, dass alle drei Kernziele mit dem unterfinanzierten und unflexiblen Bachelor-System derzeit unterlaufen werden. Wieviel Werihwasse will man da noch über das heilige Kind austräufeln? Geht es jetzt nicht eher darin, die qualitativen Stärken des sächsischen Hochschulsystems zu stärken und zu sichern – und sei es unter Verzicht auf das niemals verbindlich verabschiedete, schmalbrüstige Bologna-System?

An Sachsens staatlichen Hochschulen studierten im Wintersemester 08/09 über 40.000 Studierende im Bachelor-/Master System – nicht einmal 40 Prozent der 103.000 Studierende. Nur wenige Universitäten haben den Umbau so rigide vollzogen wie die Universität Leipzig, die sich damit aktuell heftige – und berechtigte Studenten-Demonstrationen eingehandelt hat. Über zwei Drittel aller sächsischen Studiengänge sind derzeit bereits auf Bachelor-/Master Abschluss umgestellt. Das heißt: Viele Probleme werden in den nächsten Jahren erst so richtig zum Ausbruch kommen.

„Sächsische Universitäten haben eine lange akademische Geschichte und zählen zu den ältesten Bildungsstätten der Welt", beklagt Andreas Schmalfuß den unsensiblen und zumeist ahnungslos vollzogenen Umbau traditioneller Studienfächer. „Auch besitzen traditionelle deutsche Studienabschlüsse, wie das Ingenieur-Diplom, ein hohes nationales und internationales Renommee. Diese akademischen Traditionen müssen auch in einem europäischen Hochschulraum bewahrt werden – ohne auf dessen Chancen zu verzichten."

Doch ein "Bildungsland", das so unkritisch einen – nicht bindenden Minister-Vertrag übernimmt – hat seine Chancen, künftig gefragter Bildungsort in Europa zu bleiben, vielleicht schon verspielt. Schlechte Organisation, Geld- und Personalmangel und rigide Studieneinschränkungen sind nicht wirklich gute Voraussetzungen, junge Leute für ein Studium in Sachsen zu gewinnen.


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