Kita-Betreuung in Sachsen: Selbst im Bundesvergleich ein mieser Betreuungsschlüssel
Ralf Julke
06.02.2010

Bertelsmann-Studie.
7,5. Das ist die Zahl, um die es seit Jahren geht, wenn über Betreuung in deutschen Kindergärten diskutiert wird. Das ist der Betreuungsschlüssel, den die Bertelsmann Stiftung empfiehlt. Und die Studie, die die Stiftung am 3. Februar veröffentlichte, zeigt, dass es damit gerade in Sachsen nicht gut aussieht.
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„Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme“ nannte die Bertelsmann Stiftung ihre Studie. Und die zugehörige Meldung betitelte sie "Qualität frühkindlicher Bildung in Deutschland muss verbessert werden".
"Die Qualität frühkindlicher Bildung für Kinder ab drei Jahren lässt in Deutschland immer noch zu wünschen übrig", heißt es darin. "Die wesentliche Ursache dafür liegt vor allem an der unzureichenden Personalausstattung in den Kindertageseinrichtungen. Dabei gibt es erhebliche Unterschiede. In Ostdeutschland ist die Betreuungsrelation deutlich ungünstiger als im Westen."
Und das, obwohl die einschlägigen Karten Jahr für Jahr zeigen, dass der Osten der Republik mit Kinderbetreuungseinrichtungen besser ausgestattet ist als der Westen. Doch Kita-Platz ist nicht gleich Kita-Platz. Die hohe Betreuungsquote ist teuer erkauft – durch einen größeren Betreuungsschlüssel: Die Erzieherinnen sind von vornherein für mehr Kinder zuständig. In Sachsens Kindergärten offiziell für 13 Kinder.
Das ist auch die Quote, die die Bertelsmann Stiftung ihrer Studie zugrunde legte. Und selbst damit landet Sachsen auf dem vorletzten Platz.
Insgesamt erreicht kein Bundesland den von der Bertelsmann Stiftung empfohlenen Personalschlüssel von 1 zu 7,5, der auf internationalen Erfahrungen basiert, so die Stiftung. "Der Personalschlüssel ist das wichtigste Kriterium für die Bildungsqualität in Kindertageseinrichtungen", sagte Vorstandsmitglied Dr. Jörg Dräger bei der Vorstellung der Studie. "Nur wenn genügend Erzieherinnen in den Kitas sind, können Kinder tatsächlich individuell gefördert werden."

Kita-Betreuungsschlüssel in Sachsen ist unterdurchschnittlich.
Foto: Ralf Julke
Und wenn Betreuungsquote mit Bildungschancen korrespondiert, dann steht es nicht so gut um die ostdeutschen Kinder ab 3 Jahre. Die vergleichsweise besten Personalschlüssel in Kindergartengruppen bestehen in Bremen (1 zu 8), in Rheinland-Pfalz (1 zu 8,2) und in Baden-Württemberg (1 zu 8,9). Die restlichen westlichen Bundesländer liegen mit einem Betreuungsschlüssel zwischen 9,1 und 9,8 allesamt noch deutlich unterm bundesdeutschen Durchschnitt von 12,4.
Das ist einer der wenigen Fälle im Ost-West-Vergleich, wo der Osten mit seiner höheren Betreuungsquote das Übergewicht hat. Aber die hohe Quote leidet unter den Sparvorgaben der ostdeutschen Länder, die das Personal knapp halten, um die Kosten zu drücken.
In Sachsen-Anhalt liegt der Betreuungsschlüssel bei 1 zu 11,6, in Brandenburg bei 1 zu 12,1, in Thüringen bei 1 zu 12,6, in Sachsen bei 12,6 gefolgt von Schlusslicht Mecklenburg-Vorpommern mit 1 zu 13,4.
Und der sächsische Schlüssel hat auch noch einen kräftigen Haken: Er beinhaltet weder Teilzeitarbeit der Erzieherinnen noch Weiterbildung oder Krankheit. Tatsächlich kommen auf eine Erzieherin (und da und dort auch einen Erzieher) durchschnittlich 18 zu betreuende Kinder.

Bertelsmann-Studie: Länderreport Frühkindliche Bildungssysteme 2009.
"Doch jedes Kind mehr in einer Gruppe bedeutet für das Erzieherpersonal, noch weniger Zeit für die individuelle Förderung des einzelnen Kindes zu haben", kritisiert Annekatrin Klepsch, jugendpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Sächsischen Landtag, die Misere. "Mit dem Wahlwerbegeschenk kostenfreies Vorschuljahr ist weder den Kindern noch den Erzieherinnen und Erziehern geholfen, stattdessen fehlt das Geld für die schrittweise Verbesserung des Betreuungsschlüssels, wie er von Erzieher/innen, den Wohlfahrtsverbänden und der Linken seit Jahren gefordert wird. Die ausschließliche Evaluation der naturwissenschaftlichen und mathematischen Bildung in den Kindertagesstätten, wie von CDU und FDP im Dezember 2009 beschlossen, ist ein Feigenblatt und ignoriert die wirklichen Probleme der Kinderbetreuung in Sachsen."
Und das nächste Problem wächst schon heran: Schon jetzt fehlt eigentlich das Personal für zusätzliche vorschulische Bildung. Und demnächst wird es auch an Erzieherinnen fehlen. Die Ausbildung hinkt hinterher. "Darüber hinaus müssen endlich Strukturen geschaffen werden, um genügend Erzieherinnen und Erzieher in Sachsen auszubilden und so dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken", fordert Klepsch. Doch das wird ein Spagat, der schwer zu stemmen sein wird. Denn schon jetzt sind die geburtenschwachen Jahrgänge in der Berufsausbildung eingetroffen. Auch hier wird der Freistaat zu spät kommen, ein Personaldefizit auszubügeln, das über Jahre gewachsen ist. Und da auch die westlichen Bundesländer kräftig ihre vorschulische Betreuung ausbauen, ist absehbar, dass auch hier der Personalnachwuchs auf Reisen gehen wird. Aussitzen ist wirklich keine kluge Politik, nicht einmal mittelfristig.
www.bertelsmann-stiftung.de
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