Hilfe, (M)Eine Schule zieht um! - Teil 1: Das "Kant" packt ein
Marko Hofmann
02.02.2010
Eine Schule zieht um: Das Kant-Gymnasium vor der Sanierung.
Foto: Marko Hofmann
Montag, 1. Februar. „Lehrerparadigmen, Fluide Intelligenz, Lernstrategien, Rubikon-Modell“ – Fachbegriffe aus der pädagogischen Psychologie schwirren durch mein Gehirn. Noch drei Tage bis zur Prüfung. Der Lernplan steht und ist das Damoklesschwert, das über mir hängt. Allerdings gibt es da ein Problem: Meine (ehemalige) Schule zieht um.
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Das Immanuel-Kant-Gymnasium im Leipziger Süden wird im Rahmen des Konjunkturpakets II saniert und zieht dafür bis Sommer 2012 nach Grünau ins Interim. Die ehemalige 55. Mittelschule in der Ratzelstraße wird neues Haus und neuer Hof und muss nach den Ferien unterrichtsbereit sein.
Meine Schule zieht nur einmal um und deswegen schaufele ich mir Zeit für die Dokumentation frei. Wenn ich die Psychologie-Klausur bestehe, habe ich alles richtig gemacht, bestehe ich sie nicht, habe ich wenigstens hiermit solide die Gründe des Scheiterns dokumentiert.
Es herrscht Betrieb in den mittlerweile kühlen Gängen des Gymnasiums. Die bekannte Kant-Kunst ist bis auf Ausnahmen von den Wänden verschwunden, Skulpturen stehen nicht mehr im Gang. Mancher Kunstgegenstand wurde am vergangenen Samstag zum gut besuchten Tag der offenen Tür versteigert.
Dafür stapeln sich die Physik-Kartons im Französischzimmer.
Foto: Marko Hofmann
Stöhnende Lehrer statt neugierige Eltern wimmeln heute über die Gänge. Seit 11:30 Uhr ist der Unterricht vorbei. Nur die Abiturschüler brüten im dritten Stock über dem Vorabitur, während ihre Lehrer darunter wuseln.
Wen sollte ich bloß zuerst bei der Arbeit belästigen? Das Physikkabinett steht offen. Gleich drei ehemalige Lehrer tigern um offene Kartons herum. Ich stehe in der Tür und überlege mir das Ganze noch einmal. Zuerst sollte ich mit einem Fach beginnen, was mir immer Spaß machte. Was macht eigentlich einer meiner alten Geschichtslehrer?
Es klappert. In der äußersten Ecke steht eine Metalleiter, Herr Neuse versucht sich am klettern. Gar nicht so leicht und vor allem gefährlich, denn die Leiter wackelt bedenklich. Ich will eigentlich nicht lange stören und bin plötzlich Leiterhalter. „Das, was ich zusammenpacken muss, ist im Vergleich zur Physik oder Chemie in wenigen Stunden erledigt“, raunt Herr Neuse, während er den Kampf mit dem Kartenhalter an der Wand aufnimmt und beide Hände für den Schraubendreher braucht. „Da machst du den Schrank auf, Zeug in den Karton und Deckel drauf. Die Lehrer der Naturwissenschaft haben Glas, Chemikalien und so weiter. Das dauert ewig.“
Der Geschichtslehrer ist froh: Er hat nicht so viel einzupacken.
Foto: Marko Hofmann
Oben auf der Leiter wird gestöhnt, unten schaue ich mich leiterhaltend ein wenig um. „Ja, es wird Zeit, dass die Sanierung kommt“, denke ich. Die letzte war vor der Wiedervereinigung. Die Wände in diesem Zimmer sind frei von Plakaten und zeigen schonungslos den Verfall. Die Tapete ist nicht nur angegraut, sondern auch an vielen Stellen eingerissen. Farbe besaß sie zu meiner Zeit auch schon nicht mehr, teilweise ist die blanke Wand zu sehen. Der Fußboden hat seine Tücken, nur die Fenster wurden 2009 erneuert „und bleiben auch drin“, so Neuse.
Nach vier Minuten ist der Kartenhalter befreit. „Warum nehmen Sie den eigentlich ab?“, frage ich. „So gehe ich sicher, dass er auch wieder bei mir landet. Bei einem Umzug kommt ja schließlich immer etwas weg.“ Unbedingt muss auch wieder seine Rollwand in sein Zimmer. Er ist der einzige im Schulhaus, der diese Projektionsfläche für den Polylux hat. „Die Schüler sollen alle sehen, was auf dem Polylux steht und so musste die damals in die Mitte.“ Die Halterung, so zeigt er mir mit einem Lächeln, „ist Marke Eigenbau und besteht aus zwei Stuhlbeinen.“
Die Umzugstransporter für Grünau werden gepackt.
Foto: Marko Hofmann
Im Vorbereitungszimmer blättert der Putz von der Decke, Risse in der Wand zeugen vom Alter des 125 Jahre alten Gebäudes. Schrammen an jeder Wand. In einer Ecke hängt noch ein Kartenhalter. Der antike, massive Schornsteinschacht blockiert die Hälfte des Zimmers. Meine Aufgabe ist klar. Werkzeug gebe ich zu, nehme die Schrauben ab und halte die Leiter meines ehemaligen Lehrers. Wer hätte das vor 15 Jahren gedacht und hätte ich das damals gemacht?
Nachdem wir fertig sind, treffe ich auf dem Gang mit dem geflickten Belag eine ehemalige Physiklehrerin. Das Wägelchen, auf dem sonst der Fernseher steht, ist voll mit Kartons. Frau Walbe sieht aus, als wenn es heute die 137. Fuhre ist. Gemeinsam laden wir die Kartons ab. Rein in mein ehemaliges Französischzimmer in dem ich von jungen, hübschen Französinnen träumte und der älteren Realität in die Augen schauen musste. Nur ein Jahr hatten wir eine hübsche französische Referendarin. Schade. Nun steht das Zimmer voll mit Umzugskisten. In der Mitte die Physik. Schätzungsweise 50 Kisten haben die Physiker schon gepackt. „Das machen wir alles in unserer Freizeit“, seufzt Frau Walbe „und ein Ende ist noch nicht in Sicht.“ Denkt man an einen möglichen Umzug, wenn man sein Studienfach wählt? Vielleicht ja ein Grund, dass Deutschland die Lehrer in den Naturwissenschaften ausgehen und so viele Deutsch und Geschichte studieren.
Die Kollegen arbeiten im Kabinett, wo jede Menge Strommesser herumstehen und auf Kartons warten. Das Fachkabinett ist wie alle dieser Art im Haus erst vor zehn Jahren saniert worden. Sie werden nun abgebaut und kommen mit in das Interim. Frau Walbe wischt nach unserer Rückkehr die Schränke aus. „Jetzt sind sie ja einmal leer“. Frau Gunst-König schleppte mich einst durch den Physikgrundkurs und hofft nun im Umzugstrubel, „dass die Kisten alle im richtigen Zimmer landen.“ Das Interim ist ein sehr schöner Bau. „Was es wert ist, wird der Betrieb zeigen“, sagt meine Physikretterin.
Für heute ist genug gepackt, aber bis Freitag muss alles im Karton oder in der Mülltonne verschwunden sein. Deswegen ziehen sich Walbe und Gunst-König auch bald wieder ins volle Vorbereitungszimmer zurück. Apropos Vorbereitung: Mein Psychologiehefter ruft.
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