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Hilfe, M(Eine) Schule zieht um! - Teil 2: Der Giftschrank als Zeitmaschine

Marko Hofmann
Umzug für das Chemie-Kabinett ...
Umzug für das Chemie-Kabinett ...
Dienstag, 2. Februar. Der Umzug des Immanuel-Kant-Gymnasiums ins Interim in Grünau ist im vollen Gang. Noch vier Tage, dann müssen alle Kartons gepackt sein. Es gibt viel zu tun, lassen wir es krachen …

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Ja, auch heute plagten mich wieder die Zweifel, ob das mit der Psychologie und mir etwas wird und auch heute schob ich im Rahmen einer „Lernpause“ einen Besuch beim Immanual-Kant-Gymnasium in der Scharnhorststraße ein.

Gestern wie heute stöhnen die Physiker über den Gang und auch beim Fachbereich Kunst türmen sich Schülerarbeiten vor den Zimmern. Alles und alle arbeiten dem großen Umzug entgegen. Nach dem ich mich gestern zur Physik traute, will ich heute selbstbewusst einen draufsetzen und gehe zum ehemaligen „Hassfach“ Chemie.

Erstaunliche Funde kommen beim Einpacken der Chemikalien ans Licht.
Erstaunliche Funde kommen beim Einpacken der Chemikalien ans Licht.
Foto: Marko Hofmann

Das Vorbereitungszimmer steht weit offen und schon von Weitem kann ich zwei „Weißkittel“ umherlaufen sehen, jeder hat mindestens eine potenzielle Flasche für den Braunglas-Container in der Hand. Marlies Lippert und Astrid Sonnenburg sind heute das Pack-Kommando des Fachbereichs Chemie und heißen mich spontan herzlich willkommen. Auch sie haben schon wie die Physiker zusammen mit anderen Chemiekollegen allerhand Zeit mit Kartons verbracht.
„Ungefähr 180 könnten es bis jetzt schon sein“, sagt Marlies Lippert. "Im November haben wir mit den ersten Arbeiten angefangen.“ Mit weißem Kittel, aber ohne Schutzhandschuhe („Die sind freiwillig.“) sortiert sie mutig die Gefäße auf dem langgezogenen Tisch des Vorbereitungszimmers. Dieses wirkt wie eine kleine, sterile Apotheke und wenn ich genau hinschauen würde, fände ich bestimmt auch etwas, was dort hingehört. „Etwas Besonderes haben wir noch nicht gesichtet“, gesteht Astrid Sonnenburg – mit Schutzhandschuhen. „Aber so ein Umzug ist auch immer eine große Inventur und auch wenn wir nichts Wertvolles gefunden haben, so haben wir doch Unmengen an Chemikalien gefunden, die wir nicht brauchen und nun aussortieren können.“

Astrid Sonnenburg und Marlies Lippert beim Ausräumen der Chemie-Schränke.
Astrid Sonnenburg und Marlies Lippert beim Ausräumen der Chemie-Schränke.
Foto: Marko Hofmann
Im zum Lagerraum umfunktionierten Klassenzimmer stehen 15 schwarze Fässer auf den Bänken, daneben ein Dutzend Flaschen jeglicher Form. „Das ist reichlich Ammoniumnitrat“, wird mir Chemiepfeife von beiden erklärt. Ich schaue genau hin und lese „VEB Jenapharm Laborchemie Apolda“. Auf einigen Etiketten steht sogar noch das Datum: 1.4.1980, 9.3.1975… Daneben auch viele Flaschen mit polnischer oder russischer Aufschrift. „Zu der Zeit hat die Kosmetikindustrie viel an Schulen gesendet“, so Lippert. Die älteste Chemikalie, so wird mir versichert, ist von 1962.

„Wofür sind die Fässer?“, frage ich und kann es mir eigentlich selbst beantworten. „Für die Flüssigkeiten, die wir ganz sicher transportieren müssen“, bekomme ich auch prompt als Antwort. Dieses Nitrat ist übrigens nicht das Einzige, was während der Umzugsvorbereitungen in Massen aufgetaucht ist. Kurz nach der Wende haben viele Laboratorien vor Toresschluss ihre Chemikalien an Schulen verschenkt. Weil keiner wusste, was mal wird, haben alle Schulen reichlich zugegriffen. Zusammen mit dem DDR-Altbestand ergab das eine unübersichtliche Mischung, die nun aufgelöst wird. Dasselbe System wird dabei beim Kant-Umzug angewandt. „Alles was wir nicht brauchen, können andere Schulen bekommen“, so Sonnenburg. Was diese dann nicht nehmen, wird von Amts wegen entsorgt. Ganz oben auf dem Zettel steht neben Ammominumnitrat auch Calciumsulfat.

Im Vorbereitungszimmer kommt dann doch ein kleiner Schatz ans Licht. Bernstein im Glas mit einem Flaschenetikett das „schätzungsweise 80 Jahre alt ist“. Es kündet von einer Drogerie Dröbig in Leipzig. Ein neuer Chemikalien-Alterspräsident also. Liegen hier vielleicht die Reste des Bernsteinzimmers lieblos in Einzelteile gehackt und in eine Flasche gestopft?

Die Fässer für den Transport der gefährlichen Chemikalien.
Die Fässer für den Transport der gefährlichen Chemikalien.
Foto: Marko Hofmann
Sonnenburg steigt auf die Leiter sucht nach mehr und nimmt sich die nächsten Fächer vor. Die nächste Überraschung: Kohle in rauen Mengen – Jodkohle beispielsweise. Achtung Hausfrauen und –männer: Mit Jodkohle kann man Quecksilber aus Teppichen entfernen.

Sonnenburg gibt jetzt die Flaschen herunter, Lippert nimmt ab, auch wenn ihr manch’ „Ekeldose“ widerstrebt. Nach nicht mal einer Minute ist das Tablett voll und das Fach noch immer. Aluminiumspäne, Kupfersulfat und Carbid kommen noch ans Licht. Letzteres ist bekanntlich explosiv. In der Oberlausitz gibt es das traditionelle Osterschießen mit Carbid, hier gibt es eine Warnung. Sonnenburg steigt eigenfüßig von der Leiter und stellt die gefährliche Chemikalie in den Abzug.

Den gibt’s auch im Interim. Auch wenn der Umzug noch hart wird, ist der Ausblick gar nicht schlecht, denn die Verhältnisse im Interim „sind für Chemiker wunderbar“. Der Countdown läuft. Noch sind es etwas mehr als drei Tage, um die Chemikalien sicher zu verstauen. Nicht alle werden mitgenommen, ein Teil wird auch im ehemaligen Georg-Christoph-Lichtenberg-Gymnasium zusammen mit den nicht benötigten „Kant“-Möbeln eingelagert.

Ich entziehe mich allmählich der Explosionsgefahr. Ein Jammer, dass die Biologen heute nicht packen…


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