Hilfe, M(Eine) Schule zieht um! Teil 3: Stress greift um sich
Marko Hofmann
04.02.2010
Endlich sind die Bücherregale leer, freut sich Freizeitpädagogin Wildenauer.
Foto: Marko Hofmann
Lehrer und Schüler am Kant-Gymnasium in der Leipziger Südvorstadt haben noch eine halbe Woche in ihrem 125 Jahre alten und unsanierten Schulgebäude, dann heißt es Abschied nehmen.
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Er ist der Mann, der in diesen Tagen wohl am meisten gefragt ist. Hausmeister Böhme ist momentan Hansdampf in allen Gassen und schwer greifbar. Wenn man aktiv durchs Schulhaus geht und ihn sucht, ist er überall und nirgends und das zur selben Zeit. Ich versuche es trotzdem, werde aber vorher gewarnt, dass er gerade ganz besonders im Stress ist. Ich nehme mich zusammen und suche in vorsichtigster Abwehrhaltung im Schulhaus. Immerhin habe ich mir zu Schülerzeiten, als er auch schon Hausmeister war, natürlich nie etwas zu Schulden kommen lassen. Normalerweise findet man einen Hausmeister dort, wo man Arbeit hört. In meinem Falle kommt der Lärm aber aus dem Physikkabinett, was allerdings gerade von einer Firma in Einzelteile zerlegt wird.
Im dritten Stock ist er dann und schließt mit einem Korb unter dem Arm gerade ein Zimmer auf. Wie jeder Hausmeister hat auch er ein respektables Schlüsselbund. „Eigentlich habe ich keine Zeit“, raunt er mir nach meiner Vorstellung entgegen und wendet sich wieder seinem Kollegen zu, dem er einen Vierkant für den Seifenspender borgt. „Na los, fragen Sie“-sagend, dreht sich wieder zu mir um.
Alles ist wie ein eigener Umzug, nur zehn Mal schlimmer.
Foto: Marko Hofmann
Wir sind plötzlich im Gespräch. Er lädt den Seifenspender in seinen Korb, sein Kollege holt die Gardinen mit einem Ruck von der Stange und ich stehe daneben und stelle Fragen. Vielleicht ein wenig unfair, aber ich hatte auch den emotionalen Stress, ihn anzusprechen. „Sie können schreiben, dass das Ganze hier wie ein eigener Umzug ist, nur zehn Mal schlimmer.“ Der Mann kennt sich aus, ist er doch selbst erst im Dezember umgezogen. Ich will nicht mit ihm tauschen, viele wird es nicht geben, die das wollen. Hinzu kommt jetzt, dass nicht nur er im Stress ist, sondern dass er auch immer blitzartig an verschiedenen Stellen anpacken muss.
Ein richtiger Plan sei zwecklos, denn „es klingelt sowieso gleich wieder das Handy und dann muss ich dort sein ‚wo es brennt“, so der langjährige Hausmeister. Hausmeister-like ist er für alles zuständig: Möbel zusammenräumen, Seifenspender abbauen, Gardinen abmachen, Türschilder entfernen, seine eigene Werkstatt verpacken. Es ist wahrscheinlich eine endlos lange Liste, die sich “Arbeitsbereich“ nennt. Dazu nimmt er die Möbel für das Interim in Empfang, verschafft sich dort gerade einen Überblick und macht sich mit dem dortigen Schließsystem vertraut. Dass er dort schon jetzt regelmäßig hinfährt, passiert “noch zusätzlich zu dem Wahnsinn hier“. Eine Lieblingsaufgabe hat er nicht, gibt stattdessen mit einem Augenzwinkern zu Protokoll, dass “er alles super gern“ macht. Mit der Sanierung selbst wird er nichts am Hut haben, sondern auch in Grünau der Hausmeister des “Kant“ sein. „Erfahrungswerte mit dem Gebäude habe ich keine, irgendwie wird es schon klappen“, erklärt er. „Herr Böhme, könnten Sie mal bitte…:“. Ein Lehrer ist gekommen und erbittet Hilfe. Ich mache mich lieber aus dem Staub und verlasse den kernigen, aber gestressten Hausmeister.
Alles muss zum Transport in Einezelteile zerlegt werden.
Foto: Marko Hofmann
In einem Mathezimmer werden die geometrischen Körper eingepackt. Ob blau, grün, rot oder gelb. Zylinder und Co kommen in einen transparenten Sack. Schublade für Schublade wird so geleert und nebenbei gebrummt. „Nur in Sachsen müssen wir das machen, woanders wird eine Umzugsfirma für das Packen bezahlt“, dringt es zu mir. „Aber wir in Sachsen arbeiten ja gerne und auch 50 Stunden, wenn es sein muss. Anerkennung kriegen wir sowieso keine.“ Der nächste Sack landet im Karton. „Ganz zu schweigen von der Frage, wer denn zahlt, wenn ich von der Leiter falle“, wird hinzugefügt. Eine rechtliche Grauzone. Ohne die Namen der brummenden Kollegen aufzunehmen, beginne ich die Suche nach einem Ort der Zufriedenheit und Ruhe.
Die Schulbibliothek ist eigentlich seit Montag geschlossen, trotzdem strömen gerade Schüler hinein. Meine Chance, mal zu sehen, ob wenigstens dort heute Zufriedenheit herrscht. Jessica Wildenauer steht zumindest ruhig hinter dem Empfang und winkt die Kinder durch. Geht es hier zur Oase der Ruhe? Ein paar Schüler spielen mit ihren Magickarten, die Bücherregale sind leer. „In drei Tagen habe ich das erledigt“, erklärt Wildenauer „aber irgendwann macht die monotone Arbeit kirre“. Staubhände hatte sie am Ende auch.
Eigentlich ist sie nur die Vertretung für die Bibliothekarin. Normalerweise ist sie als Freizeitpädagogin angestellt und kümmert sich unter anderem darum, dass den Schülern in den Hofpausen nicht langweilig wird, verteilt Sportgeräte und macht Spiele.
Die Bibliothek ist wirklich ein kleines Idyll in der gestressten Schule. „Eigentlich haben wir zu, aber irgendwo müssen die Schüler ja hin“, so die Freizeitpädagogin. Durch den zeitigen Unterrichtsschluss aufgrund der Umzugsvorbereitungen wären viele Schüler zeitig zu Hause und allein. Manche wollen wohl auch gar nicht nach Hause, sondern lieber mit ihren Freunden zusammen sein.
Emotionaler Stress steigt dann doch wieder in mir auf. Wir unterhalten uns über die sächsische Bildungspolitik und ich denke schlagartig an meine Psychologieklausur und an die Lehrer im Mathezimmer. Ich muss weg!
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