Freie Schule Leipzig: Wer keine Lust auf Stochastik hat, nimmt eben ein Buch
Marko Hofmann
24.04.2010
Schüler und Lehrer der Freien Schule.
Foto: Marko Hofmann
Seit 1990 bereichert die Freie Schule Leipzig die Schullandschaft der Messestadt. Durch ihr alternatives Schulkonzept lockt die Schule neugierige oder von „normalen“ Schulen enttäuschte Eltern an, muss aber regelmäßig mit Vorurteilen kämpfen. L-IZ.de hat einmal hineingeschnuppert.
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Große Gegensätze tun sich am Ende der Grünauer Parkallee auf. Zur Linken das knallorange Bischöfliche Maria-Montessori-Schulzentrum, zur Rechten die Freie Schule Leipzig (FSL), ein grauer, unsanierter Plattenbau. Dabei liegen die beiden Schulen in pädagogischen Fragen nur einen Wimpernschlag auseinander. „Hilf mir, es selbst zu tun!“, ist die Montessorische Lösung und auf Selbstständigkeit setzt auch die FSL, von deren Schlag es in ganz Deutschland nur 10 gibt.
Dass ihr Haus so grau aussieht, hat, wie alles andere, einen Grund. „Wir sind erst im Sommer hierher gezogen und der Mietvertrag läuft erstmal drei Jahre. Wir wollen erstmal abwarten, bevor wir die Hausfassade sanieren“, klärt mich Lehrer Henrik Ebenbeck, der mich durch das Haus führt, auf. Seit 16 Jahren arbeitet Ebenbeck an der FSL, die bis letzten Sommer im Lindenhof in Connewitz beheimatet war. „Aber die Villa ist mittlerweile zu klein.“ 100 Schüler und zehn Lehrer sowie eine handvoll Honorarkräfte finden sich täglich in der etwas anderen Schule ein, die nur von außen grau ist. Innen tanzen die Farben durchs Gebäude.
Ein Blick ins Zimmer: Russland oder Amerika?
Foto: Marko Hofmann
Wir stehen im Erdgeschoss, das nicht Erdgeschoss, sondern „Amerika“ heißt. Jedes Zimmer ist nach einem geografischen Fixpunkt Amerikas benannt. Es gibt „Feuerland“, „Kanada“ oder auch „Jamaika“. In „Jamaika“ versammeln sich am Morgen und Nachmittag die Hortkinder.
Von 8:30 Uhr bis 13:00 Uhr müssen alle Schüler anwesend sein. Wenn die Schüler die Schule betreten, drehen sie an der Anwesenheitstafel den Klotz mit ihrem Namen um. Zum Vorschein kommt ein Foto von ihnen. So wissen die Lehrer immer, wer anwesend ist. Denn anders als an staatlichen Schulen rücken die Schüler nicht gemeinsam von Klassenzimmer zu Klassenzimmer und von Fach zu Fach. Jeder kann frei wählen, was er tut oder lässt. „Wer keine Lust auf Stochastik hat, nimmt eben ein Buch“, so Mathelehrer Ebenbeck. Dabei können sich die Schüler nicht nur in Klassenzimmern verlustieren, sondern auch beispielsweise in der sogenannten Kinderküche. „Dazu brauchen sie die Erlaubnis der Eltern und eines Lehrers und dann können sie dort allein Essen kochen oder Kuchen backen.“ Ähnlich funktioniert es mit der Holzwerkstatt.
Im Keller, „Afrika“, genannt, zeigt mir Ebenbeck einen Raum mit mehreren Werktischen. Jeder hat einen Schraubstock, an manchen gibt es elektrische Sägen. „Hier können die Schüler selbstständig basteln und bauen – nur die elektrischen Geräte dürfen sie allein nicht benutzen.“ Auf Selbstständigkeit, dies wird schnell klar, legt die Schule ihr Hauptaugenmerk in pädagogischen Fragen.
Zusammen schauen wir uns die Klassenzimmer in „Amerika“ an, in dem die Erst- bis Drittklässer lernen und leben. Mehrere Tische sind immer zusammengestellt, so dass mindestens sechs Schüler an einem großen Tisch sitzen können. Abseits und zwischendrin stehen Regale, eine Tafel hängt an der Wand und in fast allen Räumen befindet sich eine Spielwiese mit Bauklötzern. Einen Lehrertisch gibt es nicht. „Wenn ich die Kinder unterrichte, setze ich mich mitten unter sie“, so Ebenbeck, der wie alle anderen Lehrer von den Kindern geduzt wird.
Im 1. Stock, „Asien“, befindet sich „Russland“. Das Theater-Zimmer mit vielen schwarzen Vorhängen und schwarzen Fliesen. Zwei Mädchen wollten gerade vor dem Ballett-Spiegel tanzen, als wir hereinkommen. „Hier findet jeden Donnerstagmorgen unsere Schulversammlung statt“, so Ebenbeck, dessen Zimmer „Tibet“ sich auch in „Asien“ befindet. Die tibetische Fahne klebt draußen an der Tür, hier stehen die Tische so, dass bequem zwölf Kinder daran sitzen können. Eine Spielwiese gibt es nicht, sondern Sofas am Rande des Raums.
Gleich im Eingangsbereich: die gemeinschaftlich beschlossenen Regeln.
Foto: Marko Hofmann
Ganz in der Nähe der Anwesenheitstafel hängt das linke Herzstück der Schule. Das Wochenangebot für die Schüler. Auf bunten Klebezetteln stehen Angebote wie „Lesen, Schreiben, Rechnen – Panama“, „Kreatives Schreiben – China“, „Englisch – Anfänger“, aber auch „Tanzen – Russland“, „Backen – Kinderküche“ und „Mädchenangebot – Kanada“. Die Teilnahme steht jedem frei. Gegenüber hängt das rechte Herzstück, die Regeltafel, hinter der alle Schul-Regeln klemmen. Diese legen die Schüler zusammen fest und zwar auf der Schulversammlung in „Russland“. Die Lehrer haben dabei genau dasselbe Stimmrecht wie die Kinder, die auch über die Einstellung von Lehrern entscheiden können.
Wie der Schulalltag im Detail aussieht, erklärt Henrik Ebenbeck zusammen mit zwei seiner Schüler in einem Interview. Das finden Sie morgen an dieser Stelle.
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