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Freie Schule Leipzig, 2. Teil des Interviews: In deiner Schule lernt man doch nichts

Marko Hofmann
Die Interviewpartner Jakob, Leonie und Henrik.
Die Interviewpartner Jakob, Leonie und Henrik.
Foto: Marko Hofmann
Nach langer Eiszeit ist auch das Kultusministerium wieder auf die Freie Schule Leipzig aufmerksam worden. Die Problemfälle schicken sie gern dorthin. Henrik, Leonie und Jakob reden im zweiten Teil des Interviews zudem über Vorurteile und Telefonieren im Unterricht.

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Bietet die FSL alle Fächer an, die ich auch an einer staatlichen Schule besuchen kann?

Henrik: Geschichte, Gemeinschaftskunde und Geografie gibt es nur in Projektform. Ansonsten werden alle Naturwissenschaften, Englisch, Französisch, Deutsch und Sport als Schulfach angeboten.

Sind Handys in der Schule erlaubt?

Leonie: Eine Zeit lang musste man diese bis 13 Uhr ausschalten. Aber die Regel hat nichts gebracht.

Henrik: Man darf also Handys haben und telefonieren.

Aber doch nicht im Unterricht …

Henrik: Doch, denn ein Grundsatz ist: „Wir sind höflich und respektvoll“, also geht der, der telefoniert, einfach aus dem Zimmer oder ein anderer sagt, dass es ihn stört und er rausgehen soll.

Wie ist das Verhältnis Lehrer-Schüler?

Leonie: Wir duzen alle Lehrer und haben ein ziemlich gutes Verhältnis zu ihnen. Es sind nicht bloß Lehrer für uns, sondern auch Freunde, denen man alles erzählen kann. Heute haben wir zusammen Skat gespielt. Respekt ist als Regel nicht festgeschrieben, aber in der Gemeinschaft ist das ein Grundsatz, ohne den es nicht geht. Natürlich halten sich nicht alle dran, aber es passiert nichts Schlimmes. Wir sind nun mal 100 Kinder.

Wie klappt es außerhalb der Schule mit dem Unterordnen?

Jakob: Ich mache nebenbei noch Basketball und hatte Glück, denn ich darf meinen Trainer auch duzen.

Leonie: Ich spiele Blockflöte und Cello und sieze meine Lehrer dort. Das bin ich gewohnt und es stört mich nicht.

Henrik: Hier kriegt man ganz gut mit, dass es unterschiedliche Bereiche gibt, in denen unterschiedliche Regeln gelten. So ist das auch zu Hause mit den Eltern und den Großeltern.

Schulraum in de Freie Schule Leipzig.
Schulraum in de Freie Schule Leipzig.
Foto: Marko Hofmann
Wo geht ihr am liebsten hin, wenn ihr keinen Bock auf Deutsch habt?

Jakob: In den Klassenraum aufs Sofa. Da höre ich nur mit einem halben Ohr hin oder ich gehe raus und spiele Basketball.

Leonie: Ich backe dann auch mal einen Kuchen.

Henrik: Aber das Schulgelände dürfen die Schüler bis 13:00 Uhr nicht verlassen.

Wenn Jakob auf der Couch sitzt ist es ein eindeutiges Zeichen für den Lehrer, dass er keinen Bock hat?

Henrik: Wenn ich mit dem Unterricht anfange, bitte ich all die, die mitmachen wollen, an den Tisch und dann geht es los. Wer nicht dort sitzt, zeigt mir, dass er nicht mitmachen will. Ich weise auch darauf hin, dass jeder, der zu Stochastik kommt, dann auch alle Stunden anwesend sein muss. Schließlich wollen alle Prüfungen machen. Unentschuldigtes Fehlen führt bei mir zum Ausschluss.

Wie viele wollen denn nächstes Jahr die Abschlussprüfung machen?

Henrik: Ich gehe davon aus, dass alle diese machen wollen. Bei nicht-staatlichen Schulen müssen die Kinder bei der Prüfungsanmeldung 16 Jahre alt sein, nach der 9. Klasse kann man also keinen Hauptschulabschluss machen.

Welches Eltern-Klientel meldet seine Kinder an der FSL an?

Henrik: Unsere Eltern sind definitiv nicht reich. Die Hälfte ist Hartz-IV-Empfänger.
Die Intentionen der Eltern sind total verschieden. Es gibt viele, die genau so eine Schule wie unsere suchen und dafür auch weit fahren. Wir haben zum Beispiel Kinder aus der Nähe von Halle oder Torgau. Bei den Quereinsteigern ist der Leidensdruck an ihrer Schule dafür oft sehr groß, sodass sie zu uns wechseln wollen. Schüler, die nicht mehr zur Schule gehen wollen und/oder gemobbt werden.

Das Interview zur Freien Schule Leipzig, Teil 2.
Das Interview zur Freien Schule Leipzig, Teil 2.
Montage: L-IZ

Werdet ihr häufig mit Vorurteilen konfrontiert?

Henrik: Vorurteile gibt es immer wieder. Meist von Leuten, die hier nie einen Fuß reingesetzt haben. Wir bekommen jedoch auch viel Zuspruch. Neulich hat ein Mathe-Professor für eine Woche Praktikum gemacht und wollte mal wissen, wie es hier zugeht. Er war begeistert. Außerdem bewerben sich viele Studierende aus ganz Deutschland, um hier ein Praktikum zu machen. Im räumlichen Umfeld hat sich noch nie jemand beklagt.

Leonie: Häufig haben die Großeltern, die sich nicht mit der Schule ihrer Enkel befasst haben, Vorurteile. Wenn die hören, dass man hier frei lernen kann, dann sagen sie sofort: „Da lernt man doch nichts“. Bei meinen Großeltern ist das beispielsweise so. Ich mag das nicht, denn sie waren noch nie an unserer Schule. Zum Glück verteidigen meine Eltern die Schule.

Jakob: Ich kenne niemanden aus meinem Umfeld, der komisch über meine Schule redet. Die meisten meiner Freunde finden die Schule cool. Es ist aber vielleicht nicht für jeden etwas, da manche wohl den Zwang brauchen, um überhaupt zu gehen. Ich habe übrigens nur eine Oma, die interessiert sich aber gar nicht dafür.

Wie ist der Kontakt zur Sächsischen Bildungsagentur?

Henrik: Als wir uns 2005 gespalten haben, behaupteten sie, wir hätten keine Genehmigung für die Mittelschule und solange haben sie uns auch ignoriert. Dieses Jahr hat uns mal wieder jemand besucht, aber im Unterricht hat keiner hospitiert. Letztens haben sie sogar Schülern unsere Schule empfohlen. Ich glaube, sie sind ganz froh, wenn sie uns Problemfälle schicken können. Wir haben mindestens zehn Schüler, die ein Jahr oder länger nicht in der Schule waren, weil es in ihren Schulen einfach unerträglich ist. Die ordnen sich aber auch gut ein.

Was wollt ihr später mal werden?

Leonie: Ich weiß es noch nicht genau. Ich würde gern Kinderbücher schreiben wollen.

Jakob: Ich will in die Richtung Psychologie, vielleicht Lehrer.

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Habt ihr nicht Angst, dass ihr mal an einen Punkt kommt, an dem ihr auch Sachen machen müsst, die ihr nicht gern macht?

Leonie: Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht.

Jakob: Ich will Abitur machen und da ist das schon so. Da muss ich Jahresarbeiten schreiben und regelmäßig im Unterricht sein. Hier gehe ich auch zu fast jedem Angebot, aber hier muss ich nicht. Ich denke, dass klappt schon. Schade, wenn es dann mit der Freiwilligkeit vorbei ist.

Von 8:30 Uhr bis 13:00 Uhr ist Anwesenheitspflicht. Was passiert danach?

Jakob: Da geht es mit den Angeboten ganz normal weiter, aber die Schüler dürfen gehen, wenn sie nicht mehr wollen. 15 Uhr endet das letzte Angebot, die Schule hat aber bis 17 Uhr geöffnet.

Wie finanziert sich die Schule?

Henrik: Wir bekommen vom Kultusministerium 90% von dem, was eine staatliche Schule kostet, abzüglich des Elterngeldes in Form von festen Schüler-Pro-Kopf-Zuschüssen. Da wir aber nicht 28, sondern 18 Schüler in einer Klasse haben und zwei statt einem Lehrer, reduziert sich das auf etwa 50%. Die Eltern bezahlen 60 Euro im Monat. Ich schätze, wir sind die billigste Privatschule in Deutschland. Dabei verdienen die Lehrer sehr viel weniger, als an der staatlichen Schule.

Danke für das Gespräch.

www.freie-schule-leipzig.de


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