Freie Schule Leipzig: Noten gibt es bei uns nicht. Interview Teil 1
Marko Hofmann
25.04.2010
Freie Schule Leipzig.
Foto: Marko Hofmann
Die Freie Schule Leipzig ist die etwas andere Schule in Leipzig. Hier gibt es keine Fächer, sondern Angebote, die Schüler müssen nicht im Unterricht erscheinen und die Klassen heißen nicht 7a, sondern „Tibet“ oder „Kleine Kojoten“. Kann so etwas im Sinne der Kinder und der Gesellschaft funktionieren?
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L-IZ.de sprach mit Jakob (7. Klasse), Leonie (9. Klasse) und Lehrer Henrik (49 Jahre) über den Schulalltag, Noten und abgelehnte Lehrer-Vorschläge.
Henrik, auf welche Schule bist du als Kind gegangen?
Auf eine Polytechnische Oberschule. Ich durfte danach nicht zur EOS, weil ich nicht drei Jahre zur Armee wollte. Ich bin stattdessen auf eine exotische, kleine Schule gegangen, ein kirchliches Proseminar.
Warum bist du ausgerechnet hier Lehrer und nicht an einer staatlichen Schule?
Ich habe 1993 einen Werkauftrag für die Grünen im Landtag bekommen. Diese wollten ein Buch über Schulreformen in Ostdeutschland nach der Wende herausbringen. Dabei habe ich verschiedene Schulen kennen gelernt, auch Regelschulen und eben die Freie Schule. Mir hat das Konzept gut gefallen und ich wollte hier Praktikum machen. Seitdem bin ich hier, obwohl ich Quereinsteiger bin. Ich habe Theologie und Soziologie studiert und studiere seit 2000 Geschichte und Erziehungswissenschaften an der FernUni Hagen.
Leonie und Jakob, wie gefällt es euch hier?
Leonie: Es ist einfach toll hier. Wir sind beide seit der 1. Klasse hier.
Wo seht ihr Vorteile zu den Schulen, auf die eure Freunde gehen?
Leonie: Ich fühle mich hier viel wohler als an einer normalen Schule. Ich gehe gern hierher. Man hat nachmittags zu Hause nicht soviel Stress mit Lernen und Hausaufgaben.
Jakob: Das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern ist einfach viel besser. Der Unterricht macht auch viel mehr Spaß.
Die Interviewpartner Jakob, Leonie und Henrik.
Foto: Marko Hofmann
Aber der Unterricht ist nicht so wie an einer staatlichen Schule, oder?
Leonie: Wir haben schon Mathe. Die Stunde geht 50 Minuten und wir sitzen dann alle an einem Tisch und behandeln ein Thema zusammen mit dem Lehrer. Allerdings können wir selbst entscheiden, ob wir zum Unterricht gehen möchten. Wenn uns ein Thema besonders interessiert, dann können wir das dem Lehrer sagen. Er weiß jedoch meistens, was wir noch lernen müssen und dann bietet er das von selbst an.
Henrik: In Mathe machen wir gerade Stochastik. Wenn ein Schüler in derselben Zeit schriftliches Dividieren machen will, dann kann er das machen. Es zwingt ihn keiner, zum Unterricht zu gehen.
Wie läuft der Unterricht konkret ab?
Henrik: Das ist unterschiedlich. Ich habe in der 9. Klasse das Thema Stochastik vorgeschlagen, da alle in dieser Klasse nächstes Jahr die staatliche Abschlussprüfung machen wollen und bringe das den Schülern nun im Frontalunterricht näher. Jede zweite Woche gibt es aber auch Projekte. Die Schüler haben sich letztens ein Projekt zur Sexualität gewünscht und das werden wir demnächst durchführen.
Glaubst du, du wärst auch an einer anderen Schule Lehrer?
Henrik: Ich bin gern Lehrer, aber ich kann es mir schwer vorstellen, mit all diesen Zwängen zu arbeiten. Hier kann ich entscheiden, wie und was ich machen will. Da alles freiwillig ist, arbeite ich nur mit motivierten Schülern zusammen. Das macht natürlich mehr Spaß, als mit einer Klasse mit 28 Schülern, bei der nur die Hälfte am Thema interessiert ist. Da bin ich nur damit beschäftigt, die Kinder ruhig zu halten. Das finde ich total frustrierend.
Die Freiwilligkeit bedeutet aber auch, dass ein Schüler dem Unterricht dauerhaft fernbleiben kann.
Henrik: Die Verantwortung liegt ganz klar bei den Schülern. Aber das liegt sie sowieso, denn ein Schüler kann seine Zeit auch in der Regelschule absitzen, wo dann der Stoff an ihm vorbeirauscht und er nichts verstanden hat. Wenn ich weiß, dass ich Abschlussprüfung machen will, dann muss ich mich entsprechend vorbereiten. Ich kann das aber auch im Selbststudium machen.
Ein Gruppenraum der Freien Schule.
Foto: Marko Hofmann
Wo liegt dann der Unterschied zu den Sudbury-Schulen?
Henrik: Man kann natürlich bei uns, wie dort auch, die ganze Zeit mit Bauklötzern spielen, aber wir bieten von uns aus noch etwas an. Das ist der Unterschied. In den vergangenen zwanzig Jahren haben wir unser Konzept dahingehend überarbeitet. Bei Sudbury kommen die Angebote nur auf ausdrücklichen Wunsch der Schüler zustande.
Bekommt ihr Noten?
Leonie: Nein, so etwas gibt es gar nicht.
Henrik: Jeder Schüler bekommt am Ende des Schuljahres eine schriftliche Rückmeldung. Wir halten zudem regelmäßig Kindergespräche ab, in denen wir mit den Schülern über ihre Fortschritte und Probleme reden. Die Eltern werden zudem zu Elternabenden und Elterngesprächen eingeladen. Unser Ziel ist dabei, mit allen Eltern einmal im halben Jahr gesprochen zu haben.
Wie viele wagen denn nach der Abschlussprüfung noch den Sprung auf eine staatliche Schule, um das Abitur abzulegen?
Henrik: Dass ist noch unklar, da wir erst nächsten Sommer die ersten Schüler verabschieden werden, auch wenn wir uns bereits 1990 gegründet haben. Wir haben schon mal eine Sekundarstufe aufgebaut, die Gebäudekapazitäten waren jedoch nicht ausreichend, sodass wir noch eine zweite Villa in Gohlis gemietet haben. Durch diese räumliche Trennung hat sich Gohlis jedoch in eine andere Richtung entwickelt. 2005 haben wir den Verein gespalten und eine neue Sekundarstufe aufgebaut. Die Gohliser heißen nun „Schulen für gemeinschaftliches Lernen“ und arbeiten nicht ganz so frei wie wir.
Jakob, bei dir ist die Prüfung noch eine Weile hin. Denkst du nicht manchmal, dass du auch locker fehlen kannst?
Jakob: Na ja. Es macht alles viel Spaß, vor allem Mathe. Deutsch ist nicht so mein Fall, aber da hat man schon die Prüfung im Hinterkopf und so gehe ich eben doch 50 Minuten hin.
Gibt es bei euch überhaupt Klassen?
Leonie: Wir haben mehrere gemischte Gruppen pro Stufe. Es gibt die Stufen 1. bis 3. Klasse, 4.-6. Klasse und 7.-9. Klasse. Theoretisch kann jeder zu dem Kurs gehen, der ihn interessiert. Also ein Erstklässer kann auch zu Stochastik gehen. Aber das hat natürlich wenig Sinn außer für die besonders starken Schüler, die das durchaus machen.
Henrik: Andersrum kann man als älterer Schüler auch noch mal seine Kenntnisse in einem Kurs für die Jüngeren auffrischen.
Das Interview zur Freien Schule Leipzig.
Montage: L-IZ
Wie sieht euer Tagesablauf aus?
Jakob: Jeden Morgen trifft man sich in seiner Gruppe zum Morgenkreis und bespricht die Sachen, die einem auf dem Herzen liegen. Außerdem stimmt man sich über die Tagesangebote ab. Das Ganze geht eine halbe Stunde und beginnt 8:30 Uhr. Um 9 fängt dann der Unterricht an. Donnerstag ist Schulversammlung statt Morgenkreis. Manchmal schlafen wir auch in der Schule oder machen Ausflüge.
Henrik: Wir fahren einmal als Gruppe und einmal als gesamte Schule im Jahr weg. Dazu gibt es ganz viele Ausflüge zu allen möglichen Anlässen. Zuletzt waren wir bei der Buchmesse.
Leonie: Im Sommer fahren wir auch mal einen Tag an den See.
Wie kann man sich eure Schulversammlung vorstellen?
Henrik: Dort werden alle Regeln der Schule beschlossen und abgewählt. Heute Morgen haben die Lehrer einen Antrag für eine neue Regel eingebracht. Es ging um die Anwesenheitspflicht von 8:30 Uhr bis 13 Uhr, die bei uns existiert. Da aber viele Kinder zu spät kommen, haben wir den Vorschlag gemacht, dass am Eingang zwei Leute stehen, die eine Strichliste darüber führen, wer zu spät kommt. Wer dreimal zu spät gekommen ist, sollte dann den Dienst machen. Das wurde aber mit 25 : 22 Stimmen abgelehnt. Die Teilnahme an der Schulversammlung ist freiwillig. Wir hatten mal eingeführt, dass alle teilnehmen müssen, aber wenn 30 Leute nicht zuhören, wird es einfach zu laut. So wurde es wieder abgewählt. Im Schnitt kommen nun 60 Schüler.
Die Schüler dürfen auch über Lehrereinstellungen entscheiden. Wenn ein Bewerber kommt, sind zehn Schüler und zehn Lehrer an der Entscheidungsfindung beteiligt. Der Bewerber hat dann Gespräche mit vier Schülern und zwei Lehrern. Bei der Abstimmung hat dann jeder eine Stimme.
Hast du nicht Bauchschmerzen, wenn die Kinder einen Kollegen abwählen, den du gern gehabt hättest?
Henrik: Wenn wir im Lehrerteam allein entscheiden würden, kann es auch sein, dass die Mehrheit meinen Favoriten ablehnt. Ich finde, die Kinder sind zu Recht beteiligt, da sie demnächst auch mit dem Lehrer zu tun haben werden.
Geht ihr beide regelmäßig zur Schulversammlung?
Leonie: Ja, wir sind auch beide in der Gruppe, die die Schulversammlung leitet. Jede Woche hängt ein Zettel aus, auf den die Schüler schreiben können, was sie ansprechen wollen. Wenn das zu viele sind, suchen wir aus, welche noch warten können. Während der Versammlung schreibt jemand Protokoll und die anderen sorgen für Ruhe.
Teil 2 des Interviews lesen Sie morgen an dieser Stelle.
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