Nach 40 Jahren wieder in eigenem Haus: Deutschlands modernstes Universitätsarchiv in Leipzig eröffnet
Redaktion
28.11.2011
Eröffnung des neuen Universitätsarchivs.
Foto: Universitätsarchiv Leipzig
Erstmals seit der Sprengung der Universitätskirche St. Pauli im Jahr 1968 hat das Universitätsarchiv wieder ein festes Domizil. Am Freitag, 25. November, wurde das Universitätsarchiv Leipzig an seinem neuen Standort in der Prager Straße eröffnet.
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Es ist jetzt nicht nur eines der modernsten Universitätsarchive in Deutschland, es ist auch eines der größten. Erstmals werden die mittelalterlichen Gründungsdokumente der Universität Leipzig und der Mutteruniversität Prag im Original ausgestellt. Diese sind eingebettet in eine reich bebilderte Schau, die den Ursprung der Universität Leipzig nachzeichnet: von der blühenden Metropole Prags unter König Karl IV. über streitende Päpste und Gegenpäpste bis zur Universitätsgründung 1409 in Leipzig.
Der Zusammenarbeit der beiden Universitäten Prag und Leipzig ist es zu verdanken, dass unter anderem auch die kostbare Gründungsurkunde der Universität Prag (1348), das Kuttenberger Dekret von 1409, mit dem der böhmische König die universitäre Selbstverwaltung außer Kraft setzte und sie zu Gunsten der Böhmen umschrieb, die Statuten der Universität Prag (1366) und der Universität Leipzig (1409) sowie die päpstliche Urkunde für die Universität Leipzig von 1409 zu sehen sind. Papst Alexander V. beauftragt mit dieser Urkunde im Dezember 1409 den Bischof zu Merseburg mit der geistlichen Aufsicht über die Universität, mit dem Schutz ihrer Besitztümer sowie mit der Gerichtsbarkeit.
Gemeinsam mit dem tschechischen Botschafter in Berlin und dem Vizerektor der Universität Prag eröffnete die Rektorin der Universität Leipzig, Prof. Dr. Beate Schücking, die historische Schatzkammer. In einer gemeinsamen Ausstellung sind erstmals die genannten mittelalterlichen Gründungsdokumente der Universitäten Prag und Leipzig zu sehen.
Auf zwölf Regalkilometern, mit derzeit 5 Terrabyte digitalen Daten, ist im Universitätsarchiv Leipzig deutsche und europäische Geschichte für die Nachwelt erhalten. Hier sind Handschriften von Thomaskantor Johann Sebastian Bach aufbewahrt, 80 Regalmeter Schmalfilme, Tonbänder und Fotos seit 1850, 4.000 Regalmeter Aktennotizen und Gesprächsprotokolle, 250 Regalmeter Nachlässe und mehr als 2.000 Plakate – kurzum all das, was Deutschlands zweitältester Universität zum 500. Jubiläum anno 1909 den Ruf „Weltuniversität“ einbrachte – und Leipzig sowie Sachsen zum Epizentrum der Aufklärung werden ließ.
Die Ausstellung erinnert an die Gemeinsame Geschichte mit der Uni Prag.
Foto: Universitätsarchiv Leipzig
Die ältesten schriftlichen Aufzeichnungen der Alma Mater Lipsiensis datieren vom September 1409, als die Artistenfakultät - drei Monate vor der eigentlichen Gründung der Universität - ihren ersten Dekan wählte. Diese Dokumente sind ebenso erhalten wie das erste Fakultätssiegel – allesamt aus einer Epoche, als der Kontinent Amerika noch unentdeckt und an einen modernen Staat nicht zu denken war.
Direktor des Universitätsarchivs Leipzig ist Dr. Jens Blecher. In seiner Rede zur Eröffnung des Universitätsarchivs wies er darauf hin, dass "weder Krieg noch Brand, weder Pest noch Cholera an der Universität Leipzig spurlos vorüberzogen. Doch von Anfang an legte die junge Universität Leipzig besonderen Wert auf ihre Schriftstücke."
Bereits die ersten Universitätsstatuten von 1410 enthielten einen Passus „De Archa et rebus universitatis“. "Der Rektor", so Blecher. "1469 geschah der Universität das erste große Missgeschick, als der Rektor, ich nenne jetzt nicht seinen Namen (Richard Karstens aus Celle) wohl etwas zu sorglos war. Über Nacht verschwand das komplette Barvermögen der Universität, die Diebe hatten eine so reiche Beute gemacht, dass sie das vergoldete Universitätssiegel und alle Pergamenturkunden als vermeintlich wertlos zurückgelassen hatten. Nach diesem Schock – und den erzieherischen Auswirkungen einer Etatkürzung durch den Verlust des gesamten Universitätsvermögens – achteten die Rektoren penibel auf die Schatzkammer mit dem Archiv."
Welchen Nutzen so ein Archiv bringen konnte, schildert Blecher am Beispiel des Reformations-Rektors Caspar Borner: "Er hat das Universitätsarchiv in eine vorbildliche Ordnung gebracht und das hatte seinen guten Grund. Denn nun kannte Borner die Privilegien, Urkunden und verbrieften Rechte, und sicher hat er alle Niederschriften über die bisherigen Verhandlungen zwischen Universität und Magistrat sorgsam gelesen. Und einen besonderen Vorteil nutzte der gewiefte Borner wohl des Öfteren: Seit 1409 hatte jeder Student einen persönlichen Treueschwur gegenüber dem Rektor abgelegt. Der Eid galt auf Lebenszeit, auch für Entscheidungsträger in der Stadtverwaltung und in den Höfischen Kanzleien."
Einladung zur Besichtigung der Ausstellung im Universitätsarchiv.
Foto: Universitätsarchiv Leipzig
Mit einem kleinen Seitenblick auf Dr. Frank Nolden, seit 2005 Kanzler der Uni Leipzig: "Magnifizenz, Doktor Nolden, leider funktioniert dieser Trick heute nicht mehr, schon 1579 hat der sächsische Kurfürst den Eid genau aus diesem Grund abgeschafft."
Am 30. Mai 1968 – mit der gesprengten Paulinerkirche - sank auch das benachbarte Universitätsarchiv in Schutt und Asche. Nach 1990 übernahm Gerald Wiemers das Universitätsarchiv Leipzig und konnte es in Deutschland wieder als ein renommiertes Wissenschaftsarchiv etablieren. Trotzdem dauerte es bis zum November 2011 - über 40 Jahre, bis das Universitätsarchiv Leipzig wieder ein Gebäude bekam, in dem Forscher und Studenten gut arbeiten können und wo die rund 1,5 Millionen Akten, Urkunden und Sammlungsstücke einen sicheren Platz gefunden haben.
Blecher: "Aus einem ehemaligen Pferdestall der kaiserlichen Reichspost hat die Leipziger Stadtbau AG ein Gebäude entwickelt, dass nahezu perfekt den Anforderung an ein modernes Archiv entspricht. Das Universitätsarchiv Leipzig ist damit endgültig in der Moderne angekommen."
"Wir nutzen dieses moderne Archivgebäude mit seinen rund 12.000 Regalmetern als Magazin, als Ort der authentischen Erinnerung und des Gedenkens sowie für Forschung und Lehre", erläuterte Blecher. "Pro Jahr entstehen durch unsere Archivbenutzer etwa 50 Publikationen aus den historischen Quellen heraus. In diesem Jahr haben die Mitarbeiter des Universitätsarchivs zwei Ausstellungen, gut 10 Vorträge und 13 Publikationen neben der eigentlichen Archivtätigkeit erarbeitet. Bei 40 universitätsgeschichtlichen Veranstaltungen konnten wir rund anderthalbtausend interessierte Teilnehmer begrüßen."
Und: "Last but not least, ist das Universitätsarchiv auch eine gute Investition für die Universität – in den letzten beiden Jahren konnten wir eine Rendite von 300 Prozent bieten. Für jeden Euro aus der Universitätskasse erwirtschafteten wir drei Euro als Rückfluss."
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