Hochschuldilemma Sachsen: Erste Sparfolgen am Beispiel der HTWK Leipzig
Ralf Julke
28.11.2011
Lipsius-Bau der HTWK.
Foto: Ralf Julke
Die Hochschulen werden derzeit deutschlandweit überrannt. Es sind nicht nur die doppelten Abiturjahrgänge einiger Bundesländer, die den Andrang vergrößern. Es sind auch die seit Jahren kontinuierlich steigenden Abiturientenzahlen. Trotzdem ist der Freistaat Sachsen längst beim Stellenabbau in den Hochschulen. Selbst dort, wo dringendster Ausbildungsbedarf besteht - an der HTWK Leipzig.
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Am Mittwoch vergangener Woche, dem 23. November, fand dort im größten Hörsaal des Campus eine dreistündige Vollversammlung der Fakultät Informatik, Mathematik und Naturwissenschaften (Fakultät IMN) statt. 150 Teilnehmer hatte sie, darunter Studenten, Professoren und Mitarbeiter der Fakultät und Mitglieder des Rektorates.
Es ging um den Stellenabbau an der Fakultät IMN, die es besonders zu treffen scheint. Hintergrund: Bis 2015 soll die HTWK insgesamt 14 Stellen abbauen und voraussichtlich 18 weitere Stellen bis 2020. Was für die sächsische Hochschullandschaft im Ganzen immer nur da und dort ein wenig dünkt, sorgt im konkreten Fall schon längst dafür, dass komplette Bereiche eingedampft werden. Die Hochschulleitungen haben nun den Schwarzen Peter - sie müssen entscheiden, wo eingespart und dicht gemacht wird, obwohl die Betreuerrelationen schon flächendeckend miserabel sind. Und an technischen Hochschulen wie der HTWK geht es natürlich sofort an Ausbildungsbereiche, deren Absolventen in der sächsischen Wirtschaft eigentlich dringend benötigt werden.
Das Wissenschaftsministerium, das den Prozess eigentlich begründen und begleiten müsste, hält sich zurück. Die Konflikte werden in die Hochschulen verlagert. Und dort stehen logischerweise die Rektorate im Kreuzfeuer der Kritik.
Voll ausgelastet und muss trotzdem Stellen einsparen: HTWK Leipzig.
Foto: Ralf Julke
Seit Wochen hagelt es sogar Protestschreiben aus der Wirtschaft. Denn die beabsichtigte Schließung des Studiengangs Angewandte Mathematik der Fakultät IMN geht ans Eingemachte.
Wirklich begründen kann Prof. Dr. Renate Lieckfeldt die beabsichtigte Schließung nicht. Konnte sie auch am Mittwoch in der Vollversammlung nicht. Und so eine Ahnung tut sich auf, dass das monatelange Gezerre um ihre Berufung als Rektorin nicht nur Folgen - sondern auch Ursachen hat. Denn Rektorinnen, die beim Wissenschaftsministerium keine wirkliche Unterstützung finden, können zwar versuchen - wie Renate Lieckfeldt das tat - die Hintergründe der Stellenstreichungen in Sachsen zu erklären. Glauben werden ihnen Studenten und Dozenten wohl eher nicht. Sie kennen die täglichen Studienbedingungen, die Bewerbungen und die Nachfragen der Wirtschaft.
Das passt alles nicht mehr zusammen.
Und so bleibt auch der Versuch, die Streichung von fünf Professorenstellen an der Fakultät IMN irgendwie sachlich zu begründen, nur ein Versuch. Deutlich wurde, wie sehr die Rektorin in der Klemme steckt zwischen den rigide gesetzten Randbedingungen des Sächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst (SMWK) und dem Versuch, die Streichung des Studiengangs Angewandte Mathematik sachlich zu begründen.
Gerade die Angewandte Mathematik gehört zu den besonderen Studienangeboten der HTWK Leipzig.
Foto: Ralf Julke
Angewandte Mathematik, das ist das, was für Leib und Leben der Bürger am Ende eine sehr eminente Rolle spielt, wenn Brücken, Hallen oder Hochhäuser ihren Belastungen standhalten sollen, um nur das Beispiel der Bauingenieurskunst zu nennen.
Wirklich begründen, weshalb der Stellenabbau nicht anderweitig realisiert werden konnte, ohne die Fakultät IMN zur Schlachtbank zu führen, konnte die Rektorin nicht. Die Studenten brachten zwar das Solidaritätsprinzip in die Diskussion ein und sprachen einen "solidarischen Abbau an der HTWK" an. Aber die jahrelange Spar-Solidarität hat die Hochschule längst an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gebracht.
Das Rektorat verwies zwar darauf, dass ein Doppelangebot der Mathematik an der HTWK zur Universität Leipzig bestünde. Aber die Uni Leipzig bietet dafür nicht mal einen Bachelor- oder Masterstudiengang an, nur einen Diplomstudiengang Mathematik mit weniger Praxisbezug.
Auf die Frage besorgter Studenten, die sich für die HTWK aufgrund des konsekutiven Bachelor-Master-Studiengangs Angewandte Mathematik entschieden hatten, ob sie anschließend ein solches Masterstudium noch an der HTWK absolvieren könnten, gab das Rektorat keine klare Auskunft. Was dann wohl bedeutet, dass die erst vor kurzem immatrikulierten Studenten dann zwangsläufig ein Masterstudium in den alten Bundesländern oder im Ausland aufnehmen müssen.
Und es gibt noch die besonderen Bedingungen der Hochschule: Viele Mathematik-Studienanfänger an der HTWK haben keine Zugangsberechtigung zu Universitäten, weil sie nicht über das allgemeinbildende Abitur an die HTWK gekommen sind. Das betrifft immerhin zwei Drittel der Erstsemesterstudenten. Ein praxisorientiertes Studium der Mathematik wäre für sie dann in der Region nicht mehr möglich.
Einziges Argument des Rektorats letztendlich: Der hohe Altersdurchschnitt der Professoren an der Fakultät legt hier überhaupt erst eine baldige Schließung des Studiengangs nahe.
Was dann so nebenbei den Fokus auf eine andere Folge der sächsischen Abschaffungspolitik wirft: die Blockierung von Neuberufungen. Auch das ein Feld, bei dem jetzt die Rektorate zu Erfüllungsgehilfen des Orakels von Dresden gemacht werden. In der HTWK-Variante: Erst wenn die Fakultät die zu streichenden Stellen benennt, dürfen neue Professuren ausgeschrieben werden.
Einige Studenten kommentierten diese Vorgehensweise als Erpressung der Fakultät.
Logisch begründbar ist hier nichts mehr. Die Studierenden wunderten sich trotzdem, dass das Rektorat ihnen auf ihre Nachfragen beharrlich auswich. Ihr Eindruck am Ende: Dass sich das Rektorat unglaubwürdig und ignorant präsentierte. Stimmige und korrekte Gegenargumente fanden kein Gehör.
Was bleibt, ist ein Vorgeschmack auf das, was in den nächsten Jahren eine sächsische Hochschule nach der anderen erleben wird - die Schließungen elementarer Studiengänge, verunsicherte Studenten und Professoren, ratlose Rektorate - und keine Spielräume mehr für Alternativen. So wird eine Bildungslandschaft kaputt gespart. Und für die jungen Leute, die in dieser abgelegenen Provinz studieren wollen, sind diese Signale recht deutlich: "Wir brauchen euch nicht. Geht woanders hin."
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