Prof. Kerstin Popp zur Inklusion in Sachsens Schulen: Die Lehrer brauchen mehr Wissen
Marko Hofmann
27.11.2011
Prof. Kerstin Popp.
Foto: Uni Leipzig
Nicht nur Weihnachten, sondern auch das inklusive sächsische Schulsystem steht vor der Tür. In welcher Form es „reingelassen“ wird, darüber berät derzeit ein Expertengremium. Prof. Kerstin Popp vom Institut für Förderpädagogik der Universität Leipzig gehört diesem zwar nicht an, hat aber nicht nur einen guten Draht zum Gremium, sondern auch eine feste Meinung zur Beteiligung von Kindern mit Behinderungen am Unterricht an Regelschulen.
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Warum alle Schulen Kinder mit Behinderungen aufnehmen sollten und wie es mit den Förderschulen weitergehen soll, erklärt sie im L-IZ.de-Interview.
Frau Popp, der Antrag auf Bildung eines inklusiven sächsischen Schulsystems wurde durchgewunken. Eine Entscheidung auch in Ihrem Sinne als Professorin der Förderpädagogik?
Natürlich. Ich begrüße dies in jedem Fall. Hier im Institut werden Sie auch niemanden finden, der die Inklusion von Kindern mit Behinderungen ablehnt. Diese Kinder haben ein Recht darauf, eine Regelschule zu besuchen. Für mich steht immer das Wohl des Kindes im Vordergrund und diese Kinder haben wie jedes andere Kind auch ein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben.
Über die Umsetzung wird derzeit noch diskutiert. Wie sehen Ihre Vorstellungen aus, wie Kinder mit Behinderungen an Regelschulen lernen könnten?
Ich wäre dafür, dass jedes Kind mit Behinderung bei einem Besuch der Regelschule einen Förderplan erhält und somit eine individuelle Förderung gewährleistet ist. Die innere Binnendifferenzierung ist sehr wichtig.
Wenn Kinder mit einem speziellen Förderplan in derselben Klasse lernen wie Kinder ohne, wird es schwer, dieselben Maßstäbe bei allen Kindern anzusetzen. Das wäre aber in unserem Schulsystem ein großes Problem …
Es müsste bei diesen Maßstäben fließendere Übergänge geben. In unserem Schulsystem wird ständig selektiert und zwar bei jeder Klassenstufe. Aus meiner Sicht wäre es gut, wenn die Übergänge weniger leistungsorientiert wären. Aber der Philologenverband beispielsweise würde dies ungern sehen. Für diesen hat das Gymnasium mit einem Leistungsanspruch zu tun, weil auf einem Gymnasium erwartet wird, dass ein Kind von sich aus bestimmte Leistungen erbringt. Damit haben Kinder mit Behinderungen allerdings ihre Probleme. Andererseits würde sie in Mittel- und Hauptschulen oft „untergehen“.
Neben den Schülern erwartet auch die Lehrer an Regelschulen mit Sicherheit eine Umstellung. Nicht jeder Lehrer sieht sich der Arbeit mit Kindern mit Behinderungen gewachsen …
Wir brauchen viel mehr Wissen über Kinder, die anders sind, differenziertes Wissen über körperliche und sinnliche Beschaffenheit dieser Kinder. Weil viele Lehrer wenig Wissen auf diesem Gebiet haben, haben sie Angst und sind unsicher. Ein sabberndes Kind mag zudem nicht jeder sehen. Wir vom Institut hätten gern gesehen, wenn dieses Wissen schon bei der Reform der Lehrerausbildung in Leipzig in die Studiengänge für das Lehramt an allgemeinbildenden Schulen integriert worden wäre, aber das ist nicht passiert.
Inklusion: In Sachsens Schulen wird zu streng ausgesiebt.
Montage: L-IZ
Wären Sie dafür, dass jede Schule Kinder mit Behinderungen aufnimmt oder plädieren Sie für Stützpunktschulen?
In der Zukunft sollte jede Schule diese Kinder aufnehmen, denn die Einrichtung von Stützpunktschulen wäre wieder nur eine Art von Trennung. Außerdem sollten Schulen wohnortnah sein. Schüler lernen zusammen und spielen nach der Schule oft auch zusammen. Wenn manche Schüler dann von weiter weg zur Schule kommen, wird das nicht stattfinden.
Das größte Problem ist die Barrierefreiheit. Nicht jedes unserer Schulgebäude kann gerade von Menschen mit Körperhinderung problemlos betreten werden. Jede Schule hat allerdings ein Erdgeschoss, in dem die Klasse mit diesem Kind unterrichtet werden könnte.
Die Hilfsmittel für gehörlose oder sehbehinderte Kinder sehe ich nicht als Problem an. Das Kind wird einen eigenen Laptop und eine eigene, mobile Lesehilfe haben. Allerdings kann nicht jeder Lehrer ein Kind mit Sehbehinderung oder ein gehörloses Kind unterrichten. Hier brauchen wir die Förderschullehrer.
Da wären wir beim nächsten Thema: Was wird denn aus Ihrer Sicht aus den Förderschullehrern? Geht die Angst vor dem Jobverlust um?
Nein, eher die Angst, dass die Umstellung nicht zum Wohle der Kinder geschieht. Dass Schüler mit Behinderungen an Regelschulen lernen, damit haben sie kein Problem. Im Gegenteil: Wir kriegen derzeit teilweise die Kinder nicht an die Regelschulen los. Wenn ein Schulleiter einer Mittelschule hört, dass ein Kind mit einer Störung der emotionalen und sozialen Entwicklung, früher sagte man verhaltensauffällig, an seine Schule kommen soll, schlägt er die Hände über dem Kopf zusammen. Ist das Kind dann noch lernbeeinträchtigt, geht gar nichts mehr. Wir halten die Kinder nicht fest, damit sie an den Förderschulen bleiben. Grundsätzlich gilt: Was an einer Förderschule gemacht wird, kann zu einem Großteil auch an einer Mittelschule gemacht werden.
Wo sehen Sie dann die Zukunft der Förderschulen?
Für mich wären sie zukünftig Kompetenz- bzw. Kooperationszentren, von denen aus Förderschullehrer zum Unterricht in die Regelschulen starten. Dort könnten sie selbst mit einem Lehrer zusammen oder allein Unterricht halten, in Klassen hospitieren, wenn ein Kind mit Förderbedarf sich problematisch verhält oder mit bestimmten Schülern zuweilen Einzel- oder Zusatzstunden abhalten. In einem Förderzentrum könnten Weiterbildungen stattfinden.
Prof. Ahrbeck von der Humboldt-Universität in Berlin spricht sich für den Erhalt der Förderschulen aus …
Ich habe Herrn Ahrbeck erst im Mai bei einer Podiumsdiskussion getroffen. Er kommt eher aus der klinischen Richtung und wird es daher so gemeint haben, dass es bestimmte Situationen gibt, in denen ein Kind mit Behinderung in einer Förderschule besser aufgehoben ist, zum Beispiel nach einem Klinikaufenthalt. Diese Kinder brauchen Rückzugsräume und das ist eine Sache, die Regelschulen derzeit nicht leisten können.
Zurzeit tagt ein Expertengremium, um für das Sächsische Kultusministerium Empfehlungen für die Umsetzung zu erarbeiten. Ist schon etwas bis zu Ihnen durchgedrungen?
Der Dekan der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät, Herr Hofsäss, sitzt als Vertreter für die Hochschulen mit in diesem Gremium. Das Gremium ist groß und je größer ein Gremium ist, desto schwerfälliger arbeitet es. Zuletzt wurden verschiedene Arbeitsgruppen gebildet. Mehr war bisher nicht zu erfahren.
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