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Karg-Preis für Wilhelm-Ostwald-Gymnasium: Preisgekrönte Selbstverständlichkeiten

Marko Hofmann
Tüfteln am Billardtisch..
Tüfteln am Billardtisch..
Foto: Corwin von Kuhwede
Kann Billard spielen hochbegabte Schüler wieder auf die richtige Bahn bringen? Im Wilhelm-Ostwald-Gymnasium hat man damit sehr gute Erfahrungen gemacht. So gute, dass das Gymnasium nun auch einen hochdotierten Preis für ihr Projekt gewonnen hat. Dr. Heike Hagelgans erklärt, wie jeder Schüler die Erwartungen an seine Leistung verfehlen kann und warum ein Lächeln für die Kinder wichtiger als Billard spielen ist.

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Schon im Juli dieses Jahres hatte die 1989 gegründete Karg-Stiftung mitgeteilt, dass das Wilhelm-Ostwald-Gymnasium in Lößnig den hochdotierten Karg-Preis für die Förderung von hochbegabten Kindern erhalten wird. An dem Gymnasium mit vertieftem mathematisch-naturwissenschaftlichen Profil wird seit einiger Zeit in einem Projekt Kindern geholfen, die sogenannte „Underachiever“ sind, also nicht das leisten, was man von ihnen erwarten könnte. In der vergangenen Woche nahmen Schulleiter Dr. Steffen Jost und Projektinitiatorin Dr. Heike Hagelgans den mit 50.000 Euro dotierten Preis in Frankfurt entgegen, den sich die Schule allerdings mit der zweiten ausgezeichneten Einrichtung aus dem Rheinland teilen muss.

Dr. Heike Hagelgans erklärte anschließend L-IZ.de, warum Underachievement, das Nichterreichen einer gewünschten Leistung, für jeden ein Problem werden kann, wie Billard dabei helfen kann und wie wichtig trotz allem ein „simples“ Lächeln für Kinder ist.

Dr. Hagelgans, viele Eltern haben faule Kinder zu Hause, von denen sie denken, dass die doch mehr könnten, aber nicht jeder von ihnen ist ein Underachiever. Woran erkennt man einen?

Auf die Wortgruppe „faule Kinder“ möchte ich jetzt hier nicht eingehen. Wenden wir uns lieber gleich den Underachievern zu. Das ist schon schwer genug, denn Underachievement ist nicht gleich Underachievement. Das sind vielfältige Prozesse, die in der Entstehung zusammenspielen. Im Wesentlichen heißt Underachievement, dass man eine erwartete Leistung nicht erfüllen kann. Aber was heißt schon Erwartung? Als ich am Dienstag in der Frankfurter Uni zur Preisverleihung war, hingen überall Plakate, die den Fachtag „Underachievement“ bewarben. Die Studenten fragten uns, was Underachievement sei. Als wir sie aufgeklärt haben, sagten sie: „Das sind ja 90 Prozent von uns.“ Die Frage ist auch: Wer leistet denn immer, was er könnte? Kann und sollte man denn immer und überall Höchstleistungen vollbringen? Ein gesundes Maß an Leistungsbereitschaft, gepaart mit innerer Balance, dürfte zum persönlichen Wohlbefinden beitragen.

Underachievement kann jeden treffen, laut Statistik sind mehr Jungs als Mädchen betroffen.

Es ist nicht leicht, es als Laie zu erkennen. Meist geht es mit Problemen im Lernen und Verhalten einher. Entscheidend ist, wenn ein Kind und seine Umgebung darunter leiden, wenn es also nicht die Leistung zeigen kann, die es möchte, die Schulkarriere davon bedroht wird und letztlich das Scheitern vorprogrammiert ist.

Beim Spielen öffnen sich die Kinder.
Beim Spielen öffnen sich die Kinder.
Foto: Corwin von Kuhwede

Wie äußert sich dieses Scheitern bei Underachievern?

Im Wort Begabung steckt „Gabe“ drin und daher ist auch entscheidend, wie der Betreffende mit dieser Gabe umgehen möchte. Underachiever müssen nicht zwangsläufig scheitern. Entscheidend ist, ob die Situation Leidensdruck erzeugt. Dann könnte Handeln angezeigt sein. Underachievement zeigt sich sehr unterschiedlich: von fast unauffälligem Lernen oder Verhalten bis hin zu Frustration, Unaufmerksamkeit, Verhaltensstörungen, Zurückgezogenheit, psychosomatische Folgen - aber auch Schulverweigerung. Als gravierend werden Veränderungen im Selbstkonzept und im Selbstwertgefühl diskutiert. Erfolge führen Underachiever häufig auf Zufall zurück, Misserfolge auf ihre subjektiv erlebte Nichtbefähigung. Sätze wie „Ich kann das nicht.“, „Ich bin nichts wert.“ hört man dann öfter.

Mit Ihrem Projekt am Wilhelm-Ostwald-Gymnasium widmen Sie sich vor allem dem Underachievement bei Hochbegabten. Wie akut ist dieses Problem?

In der wissenschaftlichen Diskussion wird das Phänomen des Underachievement häufig in Zusammenhang mit besonders begabten Schülern betrachtet. Dazu sage ich klar, dass Minderleistungen auch bei durchschnittlich begabten Schülern auftreten können. Daher ist es wichtig, dass auch diese Schüler nachhaltig gefördert werden. Jeder Mensch hat Begabungen und hat ein Recht, dass er in diesen gefördert wird.

Wie akut dieses Problem ist, lässt sich zahlenmäßig nur schwer fassen. Wenn man Underachievement als Diskrepanz zwischen Potenzial und Schulleistung ansieht, ist die Frage, wie man diese Diskrepanz definiert. Daher gibt es Schätzungen von 12 bis 50 Prozent, wenn man es auf die Gruppe der Hochbegabten bezieht. Ein guter Pädadoge sieht, wer weniger Leistung bringt, als er könnte. Ich konnte immer wieder feststellen, wie dankbar Schüler und Eltern sind, wenn man sie darauf anspricht und Möglichkeiten der Förderung aufzeigt. Und einen Schüler zu unterstützen, dass er wieder Zugang zu seinen Potenzialen findet, ist doch eine lohnenswerte Aufgabe.

Um Schüler am Wilhelm-Ostwald-Gymnasium zu werden, müssen Grundschüler ein bestimmtes Niveau nachweisen. Wie kann es dazu kommen, dass diese Schüler die Leistung nicht mehr bringen?

Wie ich schon sagte, ist Underachievement immer in seinem Entstehen sehr individuell und prozesshaft. Underachievement wird von einigen Autoren auch als sekundär lerngeschichtlich erworbene Beeinträchtigung des Lernens bezeichnet. Den Höhepunkt verortet man in der 5. bis 7. Jahrgangsstufe. Wir reden von einem multikausalen Bedingungsgefüge, in das Persönlichkeitsfaktoren und Dispositionen der Umwelt eingehen können. In der Regel umfasst das Problemsystem den Schüler, die Eltern und die Schule. Generell rechnet man damit, dass Underachiever zwei bis vier Jahre brauchen, um da wieder herauszukommen. Es gibt auch Schüler, die in der 7. bis 9. Klasse herumdümpeln und sich nach der 10. Klasse wieder fangen. Leider gibt es auch Schüler, die trotz hohen Potenzials keinen Schulabschluss schaffen, obwohl sie in früherer Zeit sogar mal eine Klassenstufe erfolgreich übersprungen haben. Underachievement gilt eben als sozial-emotionales Entwicklungsrisiko.

Das Erkennen eines Underachievers ist das eine, was machen Sie aber mit dem Schüler, um ihn wieder in die Spur zu bekommen?

Billard spielen und chillen zugleich.
Billard spielen und chillen zugleich.
Foto: Corwin von Kuhwede
Wichtig ist es, eine Beziehung zum Kind aufzubauen. Es sind die ganz kleinen Dinge: ein aufmunterndes Lächeln, Zuversicht ausstrahlen, Präsenz zeigen. Beziehung geht vor Bildung, die Kinder müssen sich im Lernen ganz sicher fühlen. Zunächst muss man mit ihnen am Selbstkonzept arbeiten, damit sie Selbstbewusstsein aufbauen können und Erfolge wieder auf sich zurückführen. Die Schüler müssen sich auch Lernstrategien aneignen, denn die meisten mussten ja nie lernen, weil ihnen lange alles zuflog. Ab der 7. oder spätestens 8. Klasse sind sie dann aber aufgeschmissen. Der Wissenschaftler Weinert sagte mal, die Brücke zwischen Begabung und Leistung ist das Lernen. Und das gilt auch für besonders begabte Schüler: Auch diese müssen lernen.

Die Karg-Stiftung hat Ihnen den Karg-Preis für ihr Projekt „Von Kugeln, Köpfchen und kleinsten Teilchen“ verliehen. Was leistet Ihr Projekt?

Ziel des Projekts ist es, den Kindern und den Eltern durch eine spezifische schulische individuelle Förderung zu helfen, die sowohl eine fachliche Förderung als auch eine Persönlichkeitsentwicklung beinhaltet. Es geht also um ganzheitliche Sicht und Förderung für das Kind nach dem Ansatz der personalen Pädagogik. Die Kinder brauchen ganz viel Beziehung und Struktur, sie müssen aber auch weiter forschen und entdecken können. Mir hat zum Beispiel mal ein Kind gesagt: „Ich bin auf die Schule gekommen, weil ich anspruchsvoll lernen wollte. Das ist mir hier aber nicht anspruchsvoll genug.“

Viele Eltern sind wiederum einfach mit der Situation überfordert, wenn ihr Kind erst sehr gut war und dann richtig schlecht. Da kann man ihnen aber auch keinen Vorwurf machen. Wer kennt denn das Problem schon? Wer weiß schon, dass sich die Leistungsmotivation im Kleinkindalter in der Familie entwickelt und Verwöhnung einen Mangel in der Leistungsmotivation von bis zu 40 Prozent haben kann? Für die Eltern machen wir Elterncafé mit Elternberatung und wir bieten eine thematische Elternakademie an, sodass die Eltern Einblick in das Thema bekommen können. Das hat meistens schon einen ersten stabilisierenden Effekt und stabile Eltern haben eine Rückwirkung auf die Stabilisierung des Kindes. Und weil sich Underachievement prozesshaft über Jahre entwickelt, arbeiten wir in der individuellen Förderung und in der Unterrichtsentwicklung auch mit Leipziger Grundschulen zusammen.

Um diese Kinder zu fördern, spielen Sie mit ihnen Billard. Wie sind Sie darauf gekommen?

Kinder wieder animieren, ihre Möglichkeiten auszuspielen.
Kinder wieder animieren, ihre Möglichkeiten auszuspielen.
Foto: Corwin von Kuhwede
Eigentlich hatte ich nur mal die Idee, das Billardthema für Mathe und Physik aufzuarbeiten. Ich dachte mir, das ist genial, da kann man spielen und etwas ergründen und forschen. Überraschenderweise hat das dann aber genau solche Schüler angezogen. So bin ich auch erst zum Thema Underachievement gekommen und habe mich intensiver mit der Frage befasst: Wie setzt sich Schulleistung zusammen?

Wichtig an diesem Projekt ist, dass man sich für das Kind interessiert. Die Schüler merken: Hier werden wir als Schüler wahrgenommen und ernst genommen. Zusammen mit einer Sozialpädagogin betreue ich manche Schüler schon im dritten Jahr. Das Verrückte ist: Die Kinder verstehen das nicht als chillen, die Schüler wollen lernen, sie verlangen nach Forscheraufgaben, sie verlangen nach Billardphysik, zeigen eine ganz aktive eigenverantwortliche Lernhaltung. Und was gibt es Besseres, als wenn die Schüler sagen, dass sie lernen wollen. Nach der Preisverleihung haben die Schüler die Chance gehabt, einen Abend mit einem Wissenschaftler vom Kernforschungszentrum CERN Genf zu verbringen, den sie mit Freude gelöchert haben. Es war wunderbar, zu sehen, wie die Kinder mit ihm wissenschaftlich gearbeitet haben.

Ist es aber eigentlich nicht selbstverständlich, dass man seine Schüler in ihrer ganzen Person wahrnimmt?

Ja, so müsste es sein und es ist eigentlich traurig, dass man dies so explizit hervorheben muss. Meine Rede bei der Preisverleihung in Frankfurt habe ich mit dem Satz begonnen: „Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Menschen ist ein Lächeln!“ Da hat der Saal applaudiert und ich habe eine Gänsehaut bekommen – ist das nicht normal? Als ich hörte, dass wir den Preis gewonnen haben, war die Freude groß, denn nun besteht die Chance, diese Ideen weiter auszubauen und auch anderen Leipziger Schulen bei Bedarf zur Verfügung zu stellen.

Das Projekt ist auf mathematisch-naturwissenschaftliches Wissen angelegt. Könnte es auch ein geisteswissenschaftliches Projekt geben, was die Schüler dahingehend unterstützt? Ich denke doch. Underachievement ist ja kein Problem, was die Schüler mit ihrer Begabung haben, sondern eher eines der Lernhaltung. Zentral scheint nach aktuellem Kenntnisstand die Leistungsmotivation zu sein und wenn die fehlt, dann kommen die Probleme. Entscheidend ist einfach, dass man die Kinder dann wieder herausholt. Meist gelingt das auch darüber recht gut, wenn man an ihren Interessen andockt. Dann heißt es, das Kind annehmen, ihm Vertrauen geben. Das Thema ist sekundär. Wichtig ist, dass die Kinder spüren, dass sie wichtig sind.

Ist der Treff für alle Schüler offen?

Der Treff ist offen für alle. Beim Billard-Projekt gibt es Underachiever, aber nicht nur. Die Kinder sollen ja nicht stigmatisiert werden, wir versuchen einfach, das niederschwellig zu regeln. Die Kinder haben schon genügend Negativerfahrungen. Uns geht es um Wertschätzung und Stärkeorientierung. Beim Spielen öffnen sich die Kinder und haben etwas zum Festhalten. Beim Spiel kann man mit den Kids gut ins Gespräch kommen. Fest steht aber auch: Ein repariertes Kind gibt es nicht. Eine Mutter hat mir mal drei Wochen Zeit gegeben, dann wollte sie ein „neugebackenes“ Kind haben, aber das geht ja nicht. Wir schauen, wo ist die Lösung im System und dann gehen wir die Lösung ressourcenorientiert an. Das bedarf aber viel Zeit und Geduld.


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