Trillern und Tuten im Rektoratsgebäude: Studentenprotest und die Wirklichkeitsverweigerung einer Ministerin
Ralf Julke
15.12.2011
Protest der Pharmazie-Studenten im Rektoratsgebäude.
Foto: Ralf Julke
Die sächsischen Rektorinnen und Rektoren sind derzeit alle im selben Dilemma: Die Studierendenzahlen sind in den letzten Jahren permanent gestiegen, die Personalstellen wurden in immer neuen Kürzungsrunden minimiert. Und nun verordnet ihnen ein hartleibiges Ministerium weitere Kürzungen beim Personal von 8 Prozent. Die Folgen waren am Mittwoch schon lautstark zu hören.
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Da drängten 200 Studierende der Pharmazie mit Tröten, Trillern, Megaphon und Plakaten ins Rektoratsgebäude der Uni Leipzig. Sie hatten gerade erfahren, dass der Studiengang für Pharmazie an der Universität Leipzig der erste sein wird, der den neuen Kürzungsplänen der sächsischen Wissenschaftsministerin Sabine von Schorlemer zum Opfer fallen wird. Doch sie protestierten nicht in Dresden, sondern in Leipzig. Denn in Dresden fordert man nur Vollzug. 48 vollwertige Stellen zum Preis von 50.000 Euro im Jahr sollen in den Jahren 2013/2014 gestrichen werden.
Das schrieb das Ministerium am 22. November in einem Brief. Die konkreten Stellen will es bis zum 22. Dezember gemeldet haben. Sabine von Schorlemer betont zwar gern, dass sie parteilos ist. Aber sie agiert mittlerweile ganz genau so, wie es ihr FDP-Kabinettskollege im Verkehrsministerium macht: Sie kümmert sich nicht um die realen Zahlen und setzt ihre Vorstellungen mit kurzfristigen Anweisungen um. Anweisungen, die auch in der Leitung der Universität Leipzig für Erschrecken sorgten. Denn den "Hochschulentwicklungsplan" für die Uni sollte das Rektorat erst im Februar 2012 vorlegen. Erst wenn man weiß, welches Profil man an einer Hochschule künftig stärken und ausfeilen will, kann man auch die Stellenpläne dazu konkretisieren. Aber ein derartig zielführendes Arbeiten ist in der sächsischen Staatsregierung seit 2009 nicht mehr gelitten. Tatsächlich regiert der Sparminister. Und die Ministerialen in den anderen Funktionen reagieren nur noch.
Und antworten, wenn dann mal die Rektorin der Leipziger Uni und aktuelle Vorsitzende der sächsischen Rektorenkonferenz, Prof. Dr. Beate Schücking, nachfragt, auf welcher Zahlengrundlage da gekürzt wird, mit Verweis auf die Prognose der Kultusministerkonferenz von 2010. Die ist sogar noch ein Jährchen älter und stammt aus dem Jahr 2009. Und sie hat noch eine zusätzliche Tücke: Die aktuellsten Zahlen aus der Prognose stammen aus dem Jahr 2007. Für Statistiker heißt das: Obacht! Da muss man sich die genaue Entwicklung anschauen. Denn geirrt haben sich die Kultusminister in ihren Prognosen zu Studierendenzahlen in Deutschland schon mehrfach.
Immer wieder posaunten sie in die Welt, die Zahlen würden sinken, obwohl sie allesamt daran arbeiteten, die Zahl der Abiturienten zu erhöhen - und damit logischerweise die Studienanfängerzahlen. Doch wer sich die Prognose von 2009, die eigentlich eine von 2007 ist, ansieht, sieht, dass die Kultusminister das Schwarzmalen nicht aufgegeben haben. Sie sahen für Sachsen pünktlich fürs nächste Jahr 2008 sinkende Studienanfängerzahlen voraus, die ab 2009 gar in eine Art Absturz führten.
Das ist so nicht eingetreten. Hätte Sabine von Schorlemer jederzeit im landeseigenen Amt für Statistik abfragen können. Mit 99.000 Studierenden hatte die KMK-Prognose für Sachsen im Jahr 2009 gerechnet. Immerhin das Jahr, in dem die Völkerrechtlerin Sabine von Schorlemer von der FDP auf ihren Ministerposten gehievt wurde. Tatsächlich studierten in diesem Jahr schon 109.000 junge Leute in Sachsen.
Doch 2011 beruft sich die Ministerin bei ihren Sparanweisungen trotzdem auf die KMK-Prognose.
2010: Da waren nach dieser Prognose in Sachsen nur noch 95.000 Studierende zu erwarten. Tatsächlich waren es fast 110.000. Immerhin redete man in Dresden alleweil eifrig von Investitionen in Bildung. Wirklich ernst nimmt man es damit nicht. Man redet nur - und kürzt. 2011 vermeldet das statistische Landesamt: 110.232 Studenten in Sachsen.
Fast 200 Studenten drängen am Mittwoch zum Protest ins Rektoratsgebäude.
Foto: Ralf Julke
Die Lücke klafft immer weiter auseinander. Die Hochschulen werden geradezu überrannt, denn auch viele Studierwillige aus den westlichen Bundesländern mit Doppel-Abitur-Jahrgängen und viele junge Leute, die bei Wehrpflicht noch zum Bund gegangen wären, haben sich auch in Sachsen um einen Studienplatz beworben. Und mussten abgewiesen werden. "Wir bilden schon jetzt 15 Prozent über unseren Kapazitäten aus", sagt Prof. Dr. Thomas Lenk, Prorektor für Entwicklung und Transfer.
Eigentlich wollte sich das Rektorat jetzt auf den für Februar abverlangten "Hochschulentwicklungsplan" konzentrieren. Immerhin geht es um die gewünschte Schärfung des Profils der Uni. "Wir hatten erst für Ende 2012 mit entsprechenden Forderungen zum Personal gerechnet", so Lenk. Doch - siehe oben - Sabine von Schorlemer will die konkreten Vorschläge zur Streichung von 48 vollwertigen Stellen schon bis zum 22. Dezember auf dem Tisch liegen haben. Was erst der Anfang dieser Sparrunde ist: Insgesamt soll die Universität auf 172 vollwertige Stellen verzichten bis 2020. Ohne dass ein Sinken der Studierendenzahlen absehbar ist.
Selbst 2012 rechnen ernsthafte Statistiker damit, dass in Sachsen 112.000 junge Leute studieren. Die KMK hat nur 82.000 prognostiziert. Wenn Sachsen jetzt kürzt, holzt es gerade da aus, wo selbst nach dem Willen der Ministerpräsidentenkonferenz von 2008, die in Dresden stattfand, dringender Investitionsbedarf besteht.
Während die HTWK unter diesen Sparauflagen die komplette Angewandte Mathematik zur Disposition stellt, stand auch die Uni vor einem ähnlichen Problem. In der Fläche gespart hat man bei allen Kürzungsrunden der letzten Jahre. Die Studierenden wissen, wie sich dabei die Betreuungsbedingungen in sämtlichen Fächern merklich verschlechtert haben. Jetzt weiter so zu kürzen, so Lenk, würde die Arbeitsfähigkeit der meisten Fakultäten in Frage stellen. Lenk: "Die Luft ist raus."
Volles Haus: Mit Tuten, Trillern und Sprechchören protestieren die Pharmaziestudenten gegen die Schließungspläne für ihren Studiengang.
Foto: Ralf Julke
Es bleibe nur noch ein Weg: Wirklich wichtige Einrichtungen komplett zu schließen. Dabei habe man zumindest versucht, zu wichten und nur zur Streichung vorzuschlagen, was zumindest im mitteldeutschen Raum dann noch als Ausbildung angeboten würde. Das war einer der Punkte, der dann unter anderem die Pharmazie auf die Schließungsliste brachte. Und die Studenten am Mittwochmorgen mit Trillern und Tuten ins Rektorat.
Und die Rektorin zu einer Ansprache an die jungen Leute in ihren Kitteln, die wohl berechtigterweise auch den Kanon anstimmten: "Früher oder später fehlen Apotheker." Denn Fakt ist auch: Die Pharmazeutenausbildung in Mitteldeutschland genügt bei Weitem nicht, den Bedarf zu decken. "Die Berufsaussichten der Absolventen sind gut", betont Schücking. "Und wenn es nach uns ginge, hätten wir auch diese Kürzung nicht vorgeschlagen." Das Institut hat zwar nur fünf Professuren - aber die Arbeitsbedingungen sind seit den letzten Kürzungsrunden schon so beklemmend, dass es der Uni schwer fällt, die Professuren zu besetzen. "Die guten Leute bewerben sich immer schnell woanders hin", so Schücking.
Was in einer klugen Landespolitik hieße: Hier müsste eigentlich investiert werden. Mit 80 bis 90 Prozent erreicht das Fach sogar eine recht gute Absolventenquote. Im benachbarten Halle werden derzeit nur 60 Prozent geschafft. Doch wenn dieses Studium in Leipzig ausläuft, ist das künftig die einzige Anlaufstelle für angehende Pharmazeuten.
Die Pharmazie trägt am Ende ganze 21 Stellen zu den Kürzungsforderungen des Landes bei. Schon ab 2012 werden keine neuen Studierenden mehr aufgenommen. Bislang erhielten hier jedes Jahr 48 junge Leute mit gutem Abi-Zeugnis eine Chance. Die Dozentenstellen sollen mit den Studierendenzahlen sinken. "Wir werden uns darum kümmern, dass alle ihr Studium in Leipzig auch ordentlich abschließen können", verspricht die Rektorin.
Weitere Kürzungs-Stellen fallen dann in anderen Fakultäten an - in der Komparatistik, zwei Professuren in den Wirtschaftswissenschaften, zwei in den Orientwissenschaften, zwei bei den Informatikern. Die Slawistik soll sich künftig auf Ost- und Westslawistik konzentrieren, die Südslawistik entfällt. Und der Lehrstuhl für Onomastik, die über Leipzig hinaus berühmte Namenskunde, wird nicht wieder besetzt.
Änderungen soll es auch in den Politikwissenschaften geben. Sie soll künftig die Lehrerausbildung in Leipzig stärken. "Leipzig ist das Zentrum für Lehrerausbildung in Sachsen", sagt Schücking. Jetzt hofft sie darauf, dass sich das SMWK dialogbereit zeigt und wenigstens einer Stärkung der Lehrerausbildung zustimmt. Denn die Ausbildung wird nicht nur von Bewerbern bestürmt - das Land segelt auf einen gewaltigen Lehrermangel zu. Die jungen Lehrer werden dringend gebraucht.
Aber auch hier geht's ja um Zahlen, reale Zahlen, die man in Dresdner Ministerien nicht so mag. Die Gefahr ist groß, dass es nach 2014 mit den Kürzungsrunden munter weiter geht. "Dann", so weiß Lenk, "werden die Einschnitte noch heftiger."
Verständlich, dass die Rektorin die angehenden Apotheker mit ihrem Protest an die eigentliche Adresse verweist: das Wissenschaftsministerium in Dresden. "Die Entscheidung in diesem Fall treffen nicht wir", sagte sie den Studierenden. "Die Option, in dieser Situation nicht zu handeln, schadet der Uni."
Was soll sie auch sonst zu den hörbar entsetzten jungen Leuten sagen, wenn über das Wohl und Wehe sächsischer Hochschulen eine Ministerin entscheidet, die auf die seltsamen Prognosen des Jahres 2007 schwört und sich weigert, die Realität zur Kenntnis zu nehmen?
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