Wissenschaftspreis zu deutsch-polnischen Themen: Antisemitismus, Katholizismus, Studentenproteste, ein Schlachtenmaler und ein wenig Politik
Daniel Thalheim
07.12.2011
Foto: Daniel Thalheim
Deutsch-polnische Geschichte ist enger miteinander verknüpft, als so Mancher glauben mag. Das wird jedem spätestens dann klar, wenn er zurück auf die Zeitachse und auf Europas Mitte um das Jahr 1000 schaut. Nationalstaatsideen gab es noch nicht, nur Herrschaftsgebilde. Das heutige Polen gehörte wie selbstverständlich dazu. Doch so weit schauen die Dissertationen und Masterarbeiten nicht zurück, die zum Nikolaustag in Speck's Hof ausgezeichnet wurden.
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Für die Verleihung des diesjährigen Wissenschaftlichen Preises zu deutsch-polnischen Themen reiste extra der Botschafter der Republik Polen, S. E. Dr. Marek Prawda, nach Leipzig. Im Konferenzraum des Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig (GWZO) im Speck's Hof wollte er in Anwesenheit des Leipziger Oberbürgermeisters Burkhard Jung und der Rektorin der Universität Leipzig, Prof. Dr. Beate A. Schücking, Preise verleihen. Schnell entwickelt sich die Preisverleihung zu einem kleinen Politikum für polnisch-deutsche Beziehung. Sowohl kulturell als auch wirtschaftlich und politisch.
Ihre Begrüßungsworte richteten sich an die Preisträger, die am Abend des 6. Dezember im voll gepackten Konferenzraum ausgezeichnet wurden. Beate A. Schücking freute sich, dass die Preisverleihung in diesem Jahr in Leipzig stattfand. "Ich glaube, das GWZO ist ein besonders guter Ort dafür, denn geistes- und sozialwissenschaftliche Forschungen zu Ost- und Mitteleuropa sind hier am Standort Leipzig zentral gebündelt." Außerdem hob Schücking hervor, wie sehr das GWZO international mit anderen Instituten und Institutionen verknüpft ist.
Polens Botschafter Marek Prawda bei der Verleihung des Wissenschaftlichen Förderpreises 2011 am 6. Dezember 2011 in Leipzig.
Foto: Daniel Thalheim
Die Universitätsrektorin zählte auf, welche Förderprogramme für Geisteswissenschaftler zur Verfügung stehen, um in ihrer Arbeit weiter zu kommen. Sie bekräftigte in ihrem Redebeitrag auch, dass sich die Universität Leipzig energisch für den Erhalt des Polnischen Instituts einsetzte. "Herr Botschafter", appellierte sie an Botschafter Marek Prawda, "Über eine dauerhafte Sicherung würde sich nicht nur ich, sondern auch Oberbürgermeister Burkhard Jung besonders freuen."
Das sagte sie nicht umsonst. Bei der 2008 erfolgten Verkleinerung des Polnischen instituts wurden Mitarbeiter eingespart und die Bibliothek aufgelöst. Nun geht es wohl auch darum, den Veranstaltungsraum zu erhalten wie auch die Leipziger Mitarbeiter, heißt es von Elisabeth Ritter, Wissenschaftsmanagerin am Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften.
Auf diesen Appell konnte der polnische Botschafter zunächst nicht eingehen. Marek Prawda betonte in seiner Rede erst einmal, welches Signal der Botschafterpreis setzen soll. "Wir wollen ein Zeichen für polnisch-deutsche Beziehungen, Geschichte und Kultur setzen. Wir wollen damit auch ein Signal senden, dass es für dieses Thema einen Markt gibt." Das Interesse an polnisch-deutscher Geschichte und Kultur, so Prwada, sei groß.
Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung.
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Der Botschafter, der für die ostdeutschen Bundesländer zuständig ist, ließ auch nicht unerwähnt, wie eng deutsch-polnische Geschichte durch die Solidarność und die Entwicklungen hin zum 9. Oktober 1989, dem Tag der friedlichen Revolution in der DDR, verbandelt ist. An einem Strang ziehen und einen europäischer Mehrwert erzeugen, so die Botschaft von Marek Prawda an die Öffentlichkeit. "Ich glaube, dass wir uns in einer Phase der reichen Partnerschaft befinden. Wir sind nicht mehr in der Phase, wo wir sagen 'Wir überwinden die Vergangenheit'. "
Oberbürgermeister Jung führte zwei Gründe auf für sein Erscheinen: Das besondere Verhältnis der Leipziger zu Polen, gerade im Hinblick zur Solidarność-Bewegung als Vorbild für den friedlichen Umbruch in der DDR. "Ich erinnere an die befruchtenden Ideen der runden Tische, die bis nach Leipzig wirkten! Wir fühlen uns den polnischen Oppositionellen zu besonderen Dank verpflichtet, der längst nicht abgetragen ist. Ihr Mut hat auch die Leipziger Freiheitsbewegung möglich gemacht. Das wollen wir nicht vergessen."
Universitätsrektorin Beate Schücking.
Foto: Daniel Thalheim
Der andere Grund ist eng mit dem ersten verknüpft. Jung erwähnt die Städtepartnerschaft Krakow-Leipzig als Beispiel für eine fruchtbare deutsch-polnische Beziehung. Dabei ist für ihn auch das Polnische Institut ein Ort dieses kulturellen Austausches. Wie Schücking erinnerte Jung an den 2008 erfolgten Kampf um das Polnische Institut, das geschlossen werden sollte und nun als Außenstelle des Berliner Instituts fungiert. Leipzigs Oberbürgermeister wusste auch die sieben ausgezeichneten Arbeiten in seiner Rede zu würdigen, indem er ihnen eine grenzüberschreitende Rolle zusprach.
Zum Preis selbst wurde mitgeteilt: "Der mit insgesamt 4.000 Euro dotierte Preis geht jährlich für herausragende Dissertationen und Abschlussarbeiten aus dem Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften zur polnischen Geschichte und Kultur sowie den deutsch-polnischen Beziehungen."
Sieben aus 23 muss es 2011 heißen. Denn im Wettbewerb befanden sich so viele Arbeiten, die sich mit der Verknüpfungen der deutsch-polnischen Geschichte beschäftigen. Und diese entstanden nicht nur in Leipzig, sondern auch an den Hochschulen in Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Thüringen. Eine internationale Jury nominierte aus diesem Pool sieben Arbeiten. Und diese streiten um den Status "Beste Abschlussarbeit".
Eigentlich ein vermessenes Votum, denn in all den eingereichten Arbeiten stecken viel Mühe und der Kampf mit Fußnoten, mit Quellen, Literatur, Tabellen und Listen an Ausleihzetteln an den Bibliotheken, Kannen an Kaffee, Tee und Schweiß. Denn das, was als These am Ende in der Überschrift steckt, muss geistreich und unwiderlegbar in hunderten Seiten aufblitzen. Darunter tummeln sich als Thema die Kaczyński-Brüder, ein Schlachtenmaler am preußischen Hof zur Zeit der Befreiungskriege im frühen 19. Jahrhundert, Antisemitismus, Katholizismus und Studentenproteste in Polen.
Zwischen einem mysteriösen Klopfen aus dem Nirgendwo, dem mit Wortwitz vorgetragenen Stoff um polnisch-deutsche Wurzeln der britischen Sozialanthropologie von Prof. Dr. Chris Hann vom Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung Halle/Saale und dem fingerfertigen Gitarrenspiel von Tomasz Zawierucha bekamen Anna Baumgartner, Kinga Kulikowska, Max Spohn, Anja Hennig, Elisabeth Lehmann, Markus Nesselrodt und Tim Buchen die begehrten Urkunden und dicke Blumen überreicht. Geisteswissenschaft kann doch Früchte tragen.
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