Schulabschlüsse in Sachsen 2011: Sind die Zahlen auch ein Ergebnis von Lehrermangel und Schulschließungspolitik?
Ralf Julke
11.01.2012
Sachsens Zahl der Schulabgänger hat Tiefpunkt erreicht.
Montage: L-IZ
Jetzt ist es tatsächlich so weit. Die geburtenschwächsten Jahrgänge verlassen die Schulen und erreichen den Arbeitsmarkt. Für 2011 meldet das Landesamt für Statistik und Wahlen einen neuen Negativrekord: 21.816 Absolventen und Abgänger verließen 2011 die allgemeinbildenden Schulen in Sachsen. Damit ging die Zahl der Schulentlassenen im Vergleich zum Vorjahr noch einmal um 1.494 bzw. 6,4 Prozent zurück.
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In den Zahlen mischen sich zwar die Jahrgänge. Der geburtenschwächste Jahrgang nach der "Wende" war der von 1994. Viele Kinder dieses Jahrgangs sind schon 2010 mit Mittelschulabschluss in die Lehre gegangen. Der Teil, der den Weg übers Gymnasium genommen hat, wird 2012 größtenteils sein Abitur machen und dann in der 2012er-Statistik auftauchen. Die Gesamtzahl wird dann auch wieder steigen. Denn ab 1995 stiegen auch in Sachsen die Geburtenzahlen wieder an. 1995 lagen sie um rund 1.300 über dem Vorjahr, 1996 waren es wieder 4.300 mehr.
Ab 1999 wurden in Sachsen wieder mehr als 30.000 Kinder geboren. 2010 waren es sogar 35.091. Das waren zwar immer noch fast 15.000 weniger als noch 1990, die sächsische Wirtschaft muss sich grundsätzlich darauf einstellen, dass das Bewerberangebot auf lange Zeit nicht wieder so hoch wird wie noch 2006 und 2007.
Was aber für das Schulwesen auch bedeutet, dass möglichst viele Schüler auch zu qualifizierten Abschlüssen geführt werden müssen. Jeder geeignete Schulabgänger wird dringend gebraucht.
Fast die Hälfte der Absolventen - 10.847 - hat nach Auskunft das Statistischen Landeamtes 2011 den Realschulabschluss erworben. Mit dem Hauptschulabschluss bzw. dem qualifizierenden Hauptschulabschluss beendeten knapp 11 Prozent (2.340) die Schule.
Immerhin 6.370 Absolventen, das sind über 29 Prozent der Absolventen/Abgänger, erhielten das Abitur.
Die restlichen 2.259 Schüler verließen die allgemeinbildende Schule freilich ohne Hauptschulabschluss, darunter beendeten über 68 Prozent (1.544) eine allgemeinbildende Förderschule, von denen 903 ein Abschlusszeugnis im Förderschwerpunkt Lernen und 293 ein Abschlusszeugnis im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung erhielten.
Der Anteil von schlechteren Schulabschlüssen hat sich 2011 nicht verringert.
Montage: L-IZ
In Leipzig verschieben sich die Gewichtungen logischerweise etwas. Hier liegt die Zahl von Abiturienten genauso über dem Durchschnitt wie die Zahl der Förderschüler, die an den Spezialschulen der Stadt ihr Zeugnis erhielten.
2.647 Jugendliche gingen 2011 von Leipziger Schulen ab - darunter 1.107 mit einem Realschulabschluss (42 %) und 860 mit dem Abitur (32,5 %). 278 (10,5 %) schafften immerhin ihren Hauptschulabschluss. Aber 238 (9 %) verließen nur mit Abgangszeugnis die Schule. Was dann für die Betroffenen deutlich schlechtere Arbeitsmarktchancen bedeutet.
In ganz Sachsen wurde 1.063 Schülern ein solches Abgangszeugnis ausgestellt. Aber auch ein Hauptschulabschluss genügt in der anspruchsvoller werdenden Wirtschaftswelt immer seltener, um die Ausbildungsbedingungen für einen Fachberuf zu erfüllen. Und hier scheint es im sächsischen Bildungssystem irgendwo zu haken, wie Dr. Eva-Maria Stange, bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Landtag, kritisiert: "Die aktuellen Zahlen des Statistischen Landesamtes beweisen, dass in Sachsen jeder zehnte Schüler die Schule ohne anerkannten Schulabschluss verlässt. Dieses dramatisch hohe Niveau ist seit Jahren trotz Schülerrückgang unverändert hoch und liegt weit über dem Bundesdurchschnitt von 6,5 Prozent (2010)."
Die Zahl der Schüler, die lediglich einen Hauptschulabschluss erlangen, sei sogar gegenüber dem Vorjahr weiter angestiegen und mache jetzt nahezu 11 Prozent der Schulabgänger aus. Die Zahl stieg von 2.248 (9,6 %) im Jahr 2010 auf 2.340 (10,7 %) im Jahr 2011.
Eva-Maria Stange: "Damit hat jeder fünfte Schulabsolvent (21 Prozent) in Sachsen (absolut: 4.600) schlechte Startchancen für eine qualifizierte Berufsausbildung und zählt laut PISA zur sogenannten Risikogruppe. Diese Jugendlichen benötigen umfangreiche sozialpädagogische Lebens- und Lernunterstützung, um einen erfolgreichen Schritt in die Arbeitswelt gehen zu können."
Dem Kultusministerium sei es nicht gelungen, mit geeigneten kontinuierlichen Fördermaßnahmen die Gruppe der Risikoschüler zu reduzieren, stellt sie fest. "Nur mit gezielten und bereits in den Grundschulen ansetzenden Förderkonzepten, mit Unterstützung der Lehrkräfte durch Sozial- und Sonderpädagogen, sowie kleineren Klassen vor allem in sozialen Brennpunktgebieten wird sich das Problem langfristig beheben lassen", erklärt die Abgeordnete. "Eine weitere Vergrößerung der Klassen durch Reduzierung der Lehrerstellen, wie im sogenannten Bildungspaket der CDU-FDP-Koalition festgeschrieben, wird sie allerdings noch mehr jungen Menschen die Zukunft verbauen.“
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