Deutschlandstipendium in Sachsen: Ein Nischenangebot für technische Studienrichtungen
Ralf Julke
02.07.2012
Dr. Thomas Feist und Dr. Manuela Rutsatz.
Foto: Konrad Köthke
Toller Erfolg, sagt der eine. Ernüchternd wenig, sagt der andere. Bis Stichtag 31. Mai 2012 sind in Sachsen insgesamt 349 Deutschlandstipendien vergeben worden, geht aus der Antwort auf eine Kleine Anfrage des FDP-Hochschulpolitikers Nico Tippelt hervor. Dies sind mehr dieser Stipendien, als im gesamten Vorjahr im Freistaat vergeben wurden. Für die in den ersten fünf Monaten dieses Jahres vergebenen Stipendien wurden insgesamt 612.778 Euro von privaten Mittelgebern eingeworben.
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Dazu erklärt Nico Tippelt, hochschulpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Sächsischen Landtag, der dazu extra bei Wissenschaftsministerin Sabine von Schorlemer angefragt hatte. Die antwortete auch detailliert. Einen Teil der Antwort hat Nico Tippelt aber wohl nicht gelesen.
"Es ist großartig, dass bereits zur Jahresmitte die Zahl der ausgereichten Deutschlandstipendien aus dem Vorjahr übertroffen werden konnte. Die Idee des Deutschlandstipendiums hat sich bewährt, privates Engagement belohnt besonders begabte junge Menschen", freut sich Tippelt. "Auch die Befürchtungen, dass aufgrund der privaten Mittelgeber einzelne Studienrichtungen übervorteilt werden, wurden nicht bestätigt. Sachsen zeigt, dass auch eine klein- und mittelständische geprägte Wirtschaftsstruktur genug private Mittel für Deutschlandstipendien hervorbringen kann. Einzelne Hochschulen haben jedoch noch Potenzial bei der Akquise von Förderern."
Genau das aber zeigt die Antwort nicht. Sie zeigt ziemlich deutlich, dass technische Hochschulen deutlich im Vorteil sind bei der Suche nach privaten Geldgebern. Hier ist der Schulterschluss zwischen heimischer Wirtschaft und den geförderten Studierenden, die als Nachwuchs fürs eigene Unternehmen in Frage kommen, am zwingendsten. So führen eindeutig die TU Dresden (150 Stipendien), die HTWK Leipzig (30) und die Bergakademie Freiberg (20) die Liste an. Die Universität Leipzig hat bislang noch arge Schwierigkeiten, Partner für Deutschland-Stipendien zu finden. Auch im Mai stand hier noch eine unübersehbare Null in der Liste.
Und Sabine von Schorlemer ist sich sehr wohl bewusst, dass die Suche nach privaten Partnern durchaus begrenzt ist. Sie hat es ganz unten noch als Ergänzung an ihre Antworten angefügt, weil Nico Tippelt nicht direkt danach gefragt hatte. "Als Gründe für eine Nichtbeteiligung am Deutschlandstipendien-Programm werden von den oben genannten Hochschulen vor allem ein hoher Aufwand für die Ausschreibung und Vergabe der Stipendien und die Suche nach potentiellen Mittelgebern sowie das Fehlen personeller Ressourcen genannte", schreibt sie. "Außerdem wird auf den hohen finanziellen Aufwand zur Einwerbung von Stipendienmitteln verwiesen, der nur zum Teil durch die Akquisepauschale des Bundes gedeckt wird."
Dr. Thomas Feist und Dr. Manuela Rutsatz von der Uni Leipzig mit Vertrag.
Foto: Konrad Köthke
Für Holger Mann, Sprecher für Hochschule und Wissenschaft der SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag, ist das ganze Deutschlandstipendium nichts anderes als eine PR-Nummer der Bundesregierung.
Von den 109.761 Studierenden in Sachsen haben nach anderthalb Jahren gerade einmal 349 oder 0,3 % ein Deutschlandstipendium erhalten. Damit bleibt der Anteil weit hinter der von der Bundesregierung gesetzten Höchstgrenze von 1 % zurück. Das 2010 verkündete Ziel, den Anteil der Stipendiaten in Deutschland mit dem Deutschlandstipendium auf 8 % zu steigern, kann schon jetzt als illusionär bewertet werden.
"Umso mehr wird deutlich, die privat kofinanzierte Studienfinanzierung ist und bleibt das BAföG", sagt Holger Mann. "So erhielten 2010 genau 43.893 Studierende in Sachsen BAföG. Fast 49% der aufgewandten Mittel (73,25 Millionen Euro) kamen dabei aus den Taschen privater Mittelgeber. Konkret aus Händen der Empfänger, die diese Teildarlehen später zurückzahlen."
Auf einen Empfänger eines Deutschlandstipendiums kommen in Sachsen also 126 BAföG-Empfänger. Dies zeige, dass das BAföG gestärkt und weiter entwickelt werden müsse, um auf weitere Zielgruppen an den Hochschulen, wie berufsqualifizierte, ältere Empfänger, reagieren zu können.
"Das Deutschlandstipendium ist dagegen vor allem eine PR-Nummer der Bundesregierung", meint Holger Mann. "Die Einwerbung von genügend privaten Stipendiengebern gelang selbst in den beiden wirtschaftsstarken Ländern Bayern und Baden-Württemberg nicht annähernd. Hinzu kommt der hohe Verwaltungsaufwand, der durch die Bundes-Pauschale von 7 % des Privatanteils nicht im Ansatz abgedeckt wurde, wie auch die Antwort der Staatsregierung auf eine aktuelle Kleine Anfrage belegt."
Zudem würden eben doch vor allem Studierende der Ingenieur- und Naturwissenschaften gefördert, also genau die Fachrichtungen, die schon jetzt besser ausgestattet seien. Holger Mann: "Dies wird zu einer weiteren Verschiebung der Wettbewerbsbedingungen führen!"
Und weil es der Uni Leipzig so schwer fällt, die heimische Wirtschaft für ihre Art Studentenausbildung zu begeistern, hat sich im Juni der Bundestagsabgeordnete Thomas Feist (CDU) bereit erklärt, ein Deutschlandstipendium an der Uni zu übernehmen. Er verwies darauf, dass jede zweite Hochschule schon mit Deutschlandstipendien arbeite. "Das zeigt, dass es eben auch auf die Hochschulen selbst ankommt, sowohl aktiv für das neue Stipendium zu werben als auch Stifter und Stipendiaten zusammenzubringen. Das Deutschlandstipendium wird nun aber auch in Leipzig ein Erfolgsmodell“, war sich Feist sicher.
Hintergrundinformationen zur „Ausbildungsförderung (BAföG) im Freistaat Sachsen“: www.statistik.sachsen.de
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