TestosTOOORon aus dem Leipziger Studio: Bei 90elf scheint live nicht gleich live
Redaktion
14.10.2008
Foto: Screenshot
Bernd Reiher. Im Sommer wurde es gestartet, Deutschlands erstes Fußballradio. 90elf.de wurde es getauft. Rund um die Uhr gibt es hier nur ein Thema: Fußball. Erste und zweite Bundesliga stehen auf dem Programm. Der Start schien rundum gelungen. Runde 200000 Zuhörer sollen am ersten Wochenende eingeschaltet haben. Laut taz klingt das zwar alles ein bisschen nach "TestosTOOOORon".
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Aber die Geschmäcker sind eben verschieden. Wie ein Fußballradio klingen könnte, das wussten vor diesem Sommer nur wenige. Die Leute der Regiocast Digital waren Pioniere auf diesem Gebiet. Sie wagten den Spagat. Machten das runde Leder zum 24-Stunden-Thema. Dass da eine große Portion Live-Anteil nicht fehlen darf, schien von Anfang an klar. Live-Reportagen sind ein Aushängeschild der Welle. Namhafte Kommentatoren gehören dazu. Ein Umstand, der mittlerweile auch kräftig beworben wird.
Doch glaubt man dem Medienmagazin von Radio eins könnte da nicht immer alles so echt sein, wie es klingen soll. In der MM-Sendung vom 6. September wurde festgestellt, dass die Stadiongeräusche während einer Reportage plötzlich ausgefallen sind. Ein Umstand, der in einer echten Live-Situation kaum eintreten kann, weil der Hintergrundlärm von tausenden Fußballfreunden während der Reportage aus einem Stadion nicht binnen Sekundenfrist einfach weg und plötzlich wieder da sein kann.
"Ich fühle mich an der Nase herumgeführt", sagte einer der Macher von "Was mit Medien" in der sonnabendlichen Medienschau der rbb-Radiowelle. Er vermutete, dass die Kommentatoren gar nicht selbst im Stadion sitzen, sondern ebenfalls nur die Bilder einer anderen Quelle kommentieren. Zwar kann er nur für einen Ausschnitt sprechen. Die Macher von 90elf schienen trotzdem ertappt. Nicht alle Live-Reportagen könnten hier auch aus dem jeweiligen Stadion kommen. Mitunter scheint auch aus dem warmen Studiosessel heraus kommentiert zu werden. Die Hinweise auf den Unterschied scheinen jedoch nur in den Randnotizen untergebracht.
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"Wir haben ... noch nie einen Hehl daraus gemacht ..., dass wir in einer Mischung aus vor Ort und aus in den Sendestudios in Leipzig produzierten Reportagen über die Bundesliga berichten", sagte dazu 90elf-Sprecher Martin Hülsmann gegenüber der LIZ. Dies seien "im Übrigen genau so 'echte' Live-Reportagen wie andere auch und haben mit einer Simulation rein gar nichts zu tun" schrieb er in einer Stellungnahme weiter und fügte hinzu "90elf setzt auf eine Mischung aus Live-Kommentar vor Ort und aus den modernen Sendestudios in Leipzig. Dort steht uns das Original-Signal direkt aus den Stadien zur Verfügung."
"Ob dem wirklich so ist, können wir im Moment leider nicht beurteilen", sagt dazu Sandra Müller von der Initiative FAIR RADIO. Der Zusammenschluss von Radiojournalisten war im Juni 2007 gegründet worden. Ziel ist es, dem Medium Radio wieder zu mehr Glaubwürdigkeit zu verhelfen.
Angesichts der Sache mit 90elf sagte Müller weiter: "Auf der Internetseite selbst aber scheint uns der Aspekt noch zu wenig deutlich zu werden. Allenfalls sehr aufmerksame Besucher werden an den Fotos aus den Studios erkennen, dass bei 90elf viel mit Fernsehbildschirmen, also vermutlich mit Übertragungen, gearbeitet wird. Nach unserem Dafürhalten wäre eine genauere Beschreibung der Arbeitsweise dort möglich und vermutlich auch nötig. Denn die Tatsache, dass Hörer offenbar vereinzelt irritiert waren, muss nicht nur kritischen Radiomachern, sondern wohl vor allem dem Sender selbst zu denken geben."
Denken ist die eine Möglichkeit. Handeln wäre eine Alternative. Denn, solange explizite Hinweise fehlen, schrammen Sportreportagen, die zwar nach Stadion klingen aber aus dem Studio kommen, nur knapp an der Schummelei vorbei. Was zu tun ist steht auf dem Zettel von 90elf. Vielleicht auch auf dem der Sächsischen Landesmedienanstalt SLM.
Viel Gegenwind ist von hier allerdings nicht zu erwarten. Die Medienwächter haben sich bis jetzt kaum als besonders engagierte Verfechter von Hörerinteressen hervorgetan. Das Verhältnis zwischen Aufsichtsbehörde und Sender wird von Pressesprecher Hülsmann sogar als ein "sehr gutes" eingestuft. Der SLM-Vorsitzende Martin Deitenbeck selbst soll beim Anpfiff von 90elf "kräftig in die Trillerpfeife gepustet" haben. Zum Nachhaken in Sachen Fernsehmonitore scheint dabei aber nicht mehr viel Luft gewesen zu sein.
Das war im Sommer 2008. Seitdem surrt das Kickerradio vielsagend vor sich hin. Die Idee ist gut. Das Konzept griffig. Nur bei der Ausführung scheinen die sächsischen Privatradiomacher auch in der digitalen Radiowelt nicht auf ihre kleinen Tricks verzichten zu wollen. Einzeltäter sind sie dabei nicht. Selbst der Bayerische Rundfunk war in diesem Jahr beim Verbreiten von falsch deklarierten O-Tönen ertappt worden. Während die süddeutsche Anstalt sich aber mittlerweile dafür entschuldigte, verweisen die 90elf-Macher nur auf die Richtigkeit ihres Tuns. Vertrauensbildende Maßnahmen sehen anders aus. Bei 90elf scheint das nicht nötig.
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