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Kompass im Dschungel: Der Chefredakteur von Spiegel Online zu Gast bei Leipzigs Journalistik-Studenten

Ralf Julke
Rüdiger Ditz.
Rüdiger Ditz.
"Revolutioniert das Web den Journalismus?" Das klingt wie Hoffen und Bangen zugleich. Und war die Werbebotschaft für die zweite Veranstaltung des Uni-Lehrstuhls Journalistik in der Reihe "Perspektiven des Journalismus" am Mittwoch, 25. November, im Zeitgeschichtlichen Forum. Zu Gast: Rüdiger Ditz, Chefredakteur von Spiegel Online.

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Einer, der es wissen muss, was da passiert auf einem Markt, auf dem den Printzeitungen die Auflagen und die Werbeeinahmen wegbrechen. Aber klang das nicht vor fünf Jahren ganz genau so? Da hieß die öffentliche Vortragsreihe, zu der Journalistik-Professor Michael Haller Chefredakteure der wichtigen deutschen Medien nach Leipzig einlud, "Wege aus der Medienkrise".

Fünf Jahre und nichts gelernt, könnte man fragen? - "Es gibt keine Medienkrise", sagt Rüdiger Ditz, der seine Laufbahn 1991 mit einem Volontariat bei der Hamburger Morgenpost begann, 1999 als Wirtschaftsredakteur bei Spiegel Online anheuerte und den 11. September 2001 live mitererlebte. "Das war der Tag, an dem wir zum ersten Mal gemerkt haben, was für eine Wucht dieses Medium hat."

Auch Online zählt zuallererst die Geschichte: Rüdiger Ditz beim Vortrag.
Auch Online zählt zuallererst die Geschichte: Rüdiger Ditz beim Vortrag.
Foto: Ralf Julke

An diesem Tag ging zeitweise auch der Spiegel-Server in die Knie. Und möglicherweise war es genau das, was im Haus Spiegel die richtigen Weichenstellungen ermöglichte. Denn während große Verlagshäuser landauf, landab in der Krise der "Neuen Medien" 2000 / 2001 ihre gerade mit Rumtata gegründeten Online-Redaktionen wieder eindampften und zusammensparten, rüstete Spiegel Online auf. 1999 arbeiteten 15 Leute am Online-Auftritt des Hauses Spiegel.

Heute beschäftigt Spiegel Online allein 100 festangestellte Redakteure, 30 Leute im Backoffice. "Und eine ganze Reihe Freie", wie Ditz erklärt, locker drauf an diesem Abend im Vortragssaal des Zeitgeschichtlichen Forums. Der Saal ist voll. Werbung machen muss der Lehrstuhl gar nicht für das Angebot: Das Thema interessiert augenscheinlich alle Studenten, die in Leipzig mit den diversen Ablegern der KMW zu tun haben.

Mit seiner Besatzung ist Spiegel Online die bestbesetzte Online-Redaktion der Republik. Die Konkurrenz von FAZ über Welt bis Zeit läuft nur mit der Hälfte. Und schafft entsprechend auch nur die halbe "Schlagzahl". Denn flott geht es zu im Netz. Es gibt keinen Redaktionsschluss. "Wir arbeiten 24 / 7", meint Ditz lakonisch. Und blättert die IVW-Zahlen auf, die zeigen, was das für Klick- und Besucherverhältnisse ergibt in der Statistik. Einzige Konkurrenz, wie er sagt: Bild Online - mit etwas weniger Besuchern, aber höheren Klickzahlen. "Die wissen dort, wie man sowas macht", sagt Ditz.

Seit 2008 Chefredakteur von Spiegel Online: Rüdiger Ditz.
Seit 2008 Chefredakteur von Spiegel Online: Rüdiger Ditz.
Foto: Ralf Julke

Gut gelaunt, auch wenn es ihn hörbar grämt, dass er als Chefredakteur mit der journalistischen Tagesarbeit fast nichts mehr zu tun hat. Dafür um so mehr mit Technik und Visionen. Bei der Online-Ausgabe von Welt am Sonntag bastelt man an einem neuen Auftritt. Er hat den Zugang und zeigt den Studenten, wie das aussehen kann. "Die medialen Möglichkeiten des Internets sind noch längst nicht ausgereizt." Spannend findet er, was die bei WamS-Online anstellen. Aber es ist bis dato nur ein Experiment.

Wie so viele. Neu wirkt das nur, wenn man sich von den technischen Möglichkeiten blenden lässt. Das Netz steckt voller solcher bunter und zuweilen faszinierender Elemente. Aber auch bei Spiegel Online weiß man: Guter Journalismus ist nach wie vor – eine Geschichte gut erzählen können. "Geschichten zu erzählen ist das wichtigste", sagt Ditz. Und erzählt selber eine von einem großen, erfolgreichen Magazin, das irgendwann in der Nacht von Samstag auf Sonntag seinen letzten Schliff bekommt, per Standleitung in die Druckerei verschickt wird - und dort werden dann "Tonnen von Papier mit Tonnen von Druckerfarbe bedruckt, um dann von großen Lastwagen und mit jeder Menge Diesel im Tank in die große weite Welt verteilt zu werden".

Und die Kosten für Papier und Druckerfarbe und Sprit steigen. "Die Vertriebskosten im Internet aber sinken immerzu. Das ist eine Schere, die da auseinandergeht", erzählt Ditz. Die logische Folge: Das Zeitalter für auf Papier gedruckte Nachrichten geht zu Ende. Die Entscheidungen fallen in den nächsten Jahren. Was nicht gut klingt für den viel beschworenen Qualitäts-Journalismus - wenn man ihn nur im Print vermutet.

Dabei ist der Medienträger egal, betont Ditz. Auch Spiegel Online lebt von erzählten Geschichten - und vom geschriebenen Wort. Und die Werbeeinnahmen stimmen hier. Die Werbung auf dem Portal refinanziert die Redaktion zu 98 bis 99 Prozent. Aber ob das die Zukunft sein wird? - Daran zweifelt auch der Chefredakteur. Ein zweites Standbein wäre schon gut. Und siehe da: Das alte Thema "paid content" liegt wieder auf dem Tisch.

Antworten in der Fragerunde: Der SPON-Chef nahm es mit der Ruhe.
Antworten in der Fragerunde: Der SPON-Chef nahm es mit der Ruhe.
Foto: Ralf Julke
"Wir haben jetzt ein window of opportunity, wie das so schön heißt", sagt Ditz. Jenen einsamen Moment, in dem eine Reihe wichtiger Akteure begriffen haben, dass die mediale Zukunft zuallererst im Internet liegen wird - aber auch, wie wichtig journalistische Arbeit ist. All die Millionen Blogs und Chats und Feeds füllen das Web zwar mit einem andauernden Informationsgetöse - aber es sind die klassischen journalistischen Messmarken, die dem Tohuwabohu eine Struktur geben. Journalisten, die das Wichtige vom Unwichtigen trennen, das Richtige vom Fragwürdigen.

"Meistens wenigstens", sagt Ditz. "Wir bemühen uns ja." Und einem besonders vorlauten Frager erklärt er auch noch geduldig, dass auch Spiegel Online "nicht alles schaffen kann". Vielleicht wäre ein Modul Mathematik im Studiengang Journalistik auch nicht schlecht.

Aber wenn schon die großen Medienmogule über "paid content" nachdenken, warum nicht auch Spiegel Online? - "Wir sitzen da über einer sehr interessanten Lösung", verrät Rüdiger Ditz. "Ich denke mal, in drei Monaten werden wir damit rausgehen." Da ist man schon im Jahr 2010, einem Jahr, in dem es auch noch ein paar technische Innovationen regnen soll. Auf die sich Ditz freut: neue Smartphones, die deutlich mehr können als das iPhone. "Das sind für uns natürlich wichtige Trägermedien. Da wollen wir ran", sagt er. Und genauso ist er gespannt auf die nächsten Generationen der eBook-Reader. Das von Amazon vertriebene Kindle sei nur die Vorstufe.

Nur Schwarz/weiß, keine UMTS-Verbindung. Für ein aktuelles Nachrichtenmagazin eher uninteressant. Nur die Größe des Displays, die lässt schon einmal träumen von einer neuen Lese-Kultur – mobil, überall, in Farbe. In zwei Jahren könnte es so weit sein.

Alles nur Technik. Gibt er auch zu. Gibt auch seinen Ärger zu, dass er sich als Chefredakteur fast nur noch mit solchen Dingen beschäftigt – und den "Jungs aus der Technik". Aber er weiß zumindest, dass Spiegel Online im Netz eine wichtige alte Rolle spielt und die zu großen Teilen auch ausfüllt: "Wir können eine Art Kompass sein in diesem gigantischen Informationsdschungel. Und ich denke, wir schaffen das auch ganz gut."

Die Reihe "Perspektiven des Journalismus" wird schon am 9. Dezember fortgesetzt - dann mit Peter Matthias Gaede, Chefredakteur des Print-Magazins Geo.

Am 13. Januar ist der Chefredakteur des gedruckten Spiegel-Magazins, Georg Mascolo, eingeladen

Am 20. Januar kommt der Verleger Konstantin Neven DuMont ins Zeitgeschichtliche Forum. Sicher ein umstrittener Mann. Dem Verlag DuMont Schauberg gehört die Berliner Zeitung, der Kölner Stadtanzeiger und die Frankfurter Rundschau (deren Relaunch Prof. Michael Haller betreut hat). Und auch die netzeitung, deren redaktionelles Personal gerade die Kündigung erhalten hat.

Im Februar soll dann Nikolaus Brender, Chefredakteur des ZDF, kommen. Das ist der Mann, den der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) so gern aus seiner Position schießen möchte. Es kann also noch streitbar und spannend werden.

www.uni-leipzig.de/~journ/



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