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Preis und Wert des Journalismus (2): Von "Synergieeffekten", Krisengeschrei und Fernsehgesichtern

Tom Schimmeck
Tom Schimmeck.
Tom Schimmeck.
Ansonsten ist das Fließband jetzt die neueste Mode der Medienindustrie: Chefredakteure machen gleich mehrere Blätter. Ein paar Frauenmagazine aus einer Hand - das muss doch möglich sein. Bei G+J sind die Wirtschaftsmedien auch schon zentral in Hamburg kaserniert.

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Bernd Buchholz, der Vorstandschef, hat seiner Truppe jetzt erklärt, sie dürfe nicht länger davon ausgehen, dass Redaktionen als autarke "Manufakturen" für nur einen Titel verantwortlich seien. Ziel ist vielmehr – ich zitiere hier mal aus einem Branchendienst der "Aufbau von Plattformstrukturen", bei denen "Kompetenzteams" mehreren Abnehmern und auch externen Mandanten Inhalte zuliefern.

Auch die WAZ-Gruppe hat kräftig gespart und drei ihrer NRW-Blätter zu einem „Content-Desk“ vereint. Insgesamt wurden 287 Stellen gestrichen. Zur feierlichen Einweihung der Sparmaßnahme kamen im Juni bei Bodo Hombach in Essen unter anderen Peter Maffay, Felix Magath und Hombachs neuer Kumpel Jürgen Rüttgers zu Besuch. Man hat rund um den den „Content-Desk“ auch ganz sportlich Tischfußball gespielt.

„Content“ schlage ich als Unwort des Jahrzehnts vor. Früher haben wir ja, naiv, wie wir sind, Content einfach mit Inhalt übersetzt. Aber dann hätte man eigentlich auch gleich weiter Inhalt sagen können. Inzwischen wissen wir: Der Begriff Content wird in der Regel benutzt, wenn das Gegenteil von Inhalt gemeint ist. „Content is king“ – das war der Schlachtruf von Bill Gates und der New Economy. Gates hat schon damals erklärt, was für ihn Content ist: Software, Spiele, Sport, Anzeigen, Entertainment, On-line communities und, ja auch, ein paar News. Content ist oft einfach Heißluft aus dem Unterhaltungsgebläse. Blödsinn in Dosen. Ein alberner Begriff.

Als Unwort-Alternativen bieten sich „Synergieeffekt“, „Kompetenzteam“ oder „Drei-Stufen-Test“ an.

Tom Schimmeck.
Tom Schimmeck.
Foto: privat
Letzten Freitag erfuhr die Redaktion der Netzeitung, vor neun Jahren als wohl erste nennenswerte deutsche Internet-Zeitung gegründet, dass es sie in wenigen Wochen nicht mehr geben wird. Die Online-Zeitung werde als "automatisiertes Nachrichtenportal" weitergeführt, teilte die Kölner Verlagsgruppe DuMont Schauberg mit. Jener DuMont, dem wir im Frühjahr noch alle um den Hals gefallen sind, weil er die Berliner Zeitung, die Hamburger Morgenpost, den Berliner Kurier, den Tip und, ja, die Netzeitung vor der supergefräßigen Heuschrecke David Montgomery gerettet hatte.

Sie erinnern sich noch? Montgomery? Mecom? Dieser Montgomery ist in der Tat ein psychologisches Kuriosum: Ein Großverleger, der Zeitungen hasst. Seine britische Mecom Group besitzt übrigens europaweit immer noch an die 300 Blätter! Unlängst hat er sich wieder zu Wort gemeldet. Die gedruckte Zeitung, deklamierte er neulich in London, sei „ökonomisch bankrott“ und eine „sinnlose, egoistische Obsession mit toten Bäumen“.

Aber wozu brauchen wir Montgomery? Die Messer unserer heimischen Verleger sind auch verdammt scharf. Dumont Schauberg plant für seine vier Abo-Blätter – Frankfurter Rundschau, Berliner Zeitung, Kölner Stadtanzeiger und Mitteldeutsche Zeitung – nun „Schreiber-Pools“. Und die Zusammenlegung ganzer Ressorts. Politik soll in Berlin, Wirtschaft und Wissenschaft eher in Frankfurt gestemmt werden. Die Redaktionsversammlung der Berliner Zeitung hat am 24. August an Verleger Neven DuMont geschrieben:

Bei der Übernahme unseres Hauses haben Sie zugesagt, die Berliner Zeitung zu entwickeln und die Redaktion an diesem Prozess zu beteiligen. Unser Vertrauen in diese Zusage ist erschüttert.

Beim deutschen Verleger macht sich allmählich eine fatale Doppelmoral breit. Sonntags predigt er weihevoll die Qualität, die Vielfalt und gibt, im feinen Zwirn, den verantwortungsbewussten Musterdemokraten. Werktags aber macht er immer öfter einen auf Montgomery.

Soeben meldet der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger, er rechne für das laufende Jahr mit 9,4 Prozent Umsatz-Minus und Stellenstreichungen von 4,75 Prozent. Das heißt: Allein in diesem Jahr darf wieder etwa jeder 20. Festangestellte gehen. Schuld daran ist natürlich die Anzeigenkrise. 2010, sagen die Verleger, könnte umsatzmäßig stabil verlaufen. Weitere „Restrukturierungsmaßnahmen" seien gleichwohl dringend geboten. Der aktuelle Vorschlag der Verleger für den zum Jahresende gekündigten Manteltarif für ihre Redakteure und Redakteurinnen lautet: Weniger Geld für mehr Arbeit. Die Verleger-Mitteilung vom 4.11. trägt übrigens die wunderschöne Überschrift:

Zeitschriftenverleger parieren die Krise mit Mut, Innovationen und neuen Geschäftsmodellen.

Da hat man offensichtlich auch schon den letzten Journalisten rausgeschmissen. Und einen PR-Praktikanten machen lassen.

Haben "Schreiber-Pools" noch etwas mit Journalismus zu tun?
Haben "Schreiber-Pools" noch etwas mit Journalismus zu tun?
Foto: Ralf Julke

Ich will wahrlich nicht bestreiten, dass Verlage neue Wege suchen müssen. Und wenn sie klug und innovativ sind und investieren, werden sie die sogar entdecken. Wir haben etwa 350 Tageszeitungen, 34 Wochenzeitungen, an die 6000 Publikums- und Fachzeitschriften sowie 190 Fernseh- und über 300 Radiosender. Viele werden sich verändern. Einige werden verschwinden. Oder sich ganz neu erfinden. Viel zu wenige sind wirklich gut. Und es wäre schade, verdammt schade, wenn ausgerechnet jene kaputtgehen, die wir brauchen für eine funktionierende Demokratie. Denn es gibt keine Demokratie ohne Öffentlichkeit. Ohne eine Pluralität hervorragender Medien.

Das notorische Endzeit-Gezeter der Verleger aber ist nicht konstruktiv. Es dient vor allem dazu, besser Kasse zu machen. Im dritten Quartal 2009 wurden laut IVW 115,79 Millionen Publikumszeitschriften verkauft – etwa 1,8 Prozent mehr als im zweiten Quartal. Der Kioskverkauf ist um 5,9 Prozent gestiegen. Pro Erscheinungstag konnten außerdem 23,25 Millionen Tageszeitungen einschließlich Sonntagszeitungen abgesetzt werden. Das sind gerade mal 1,17 Prozent weniger als im Vorquartal. Der Einzelverkauf ist mit aktuell 7,16 Mio. Stück sogar leicht gestiegen.

Auf den Milliardärs-Listen von Forbes finde ich neben Silvio Berlusconi und Rupert Murdoch, neben Schlecker und Thurn und Taxis weiterhin auch Hubert Burda, Friede Springer, Heinz Bauer, Anneliese Brost (WAZ), drei Holtzbrincks sowie die Familie des im Oktober verstorbenen Reinhard Mohn. Wir müssen also vielleicht doch nicht sofort sammeln.

Ich tue jetzt mal etwas, was sich für einen „Freien“ nicht geziemt. Ich lasse zwei extravagante Tipps an die Verleger vom Stapel.

Nummer 1: Vielleicht sorgen Sie einmal dafür, dass in Ihren Wirtschaftsteilen auch Leute zu Wort kommen, die nicht immer nur grenzenlose Opferbereitschaft für unsere Exportindustrie predigen, sondern auch solche, die eine Lanze für die Stärkung der Kaufkraft im Lande brechen. Liebe Medienmogule, es mag ihnen entgangen sein, aber in den Portemonnaies ihrer Leser, Hörer und Zuschauer hat sich lausig wenig getan in den letzten Jahren. Dieser Umstand dürfte sich auch in Ihrem Absatz ungut niederschlagen.

Nummer 2: Das ständige Streichen und das flankierende Krisengeschrei wird mittelfristig nicht nur der Moral ihrer Mitarbeiter, sondern auch der Substanz ihrer Medien schaden. Ja, ich weiß: Es gibt in Deutschland große Verlage, in denen seit 1875 kein aufklärerisches Wort erschienen ist. Trotzdem bleibt Qualität ein Kaufkriterium. Oder, schlichter gesagt: Nur Mist werden sie auf Dauer nicht los. Trauen sie sich. Lassen sie die vielen guten Journalisten viele gute Sachen machen. Nicht nur „Dogs“ und „Adel aktuell“.

Es sind Verleger, die das "Endzeit-Gezeter" immer wieder anstimmen ...
Es sind Verleger, die das "Endzeit-Gezeter" immer wieder anstimmen ...
Foto: Ralf Julke

Gerade ist eine neue US-amerikanische Studie erschienen: “The Curse of the Mogul“ - „Der Fluch des Moguls". Von drei Experten verfasst, die nun mit dem Mythos der superkreativen Massenmedienindustrie aufräumen. Die haben sich die 15 weltgrößten Medienindustriellen angeschaut und stellen fest: Ihr Fluch sind Hybris, übergroße Ambition und Selbsttäuschung. Manche Mogule stehen in diesem Licht als ziemlich dämliche Kapitalvernichter da, als Supernieten in Nadelstreifen sozusagen. Seit dem Jahr 2000, so lautet die Bilanz, haben die Größten gemeinsam etwa 200 Milliarden Dollar an Werten verbrannt. Durch zu teure Akquisitionen, falsche strategische Investitionen etcetera. 200 Milliarden! Diese gewaltige Summe, sagen die Autoren, "spiegelt den Grad der Verzweiflung unter Medienmogulen angesichts neuer Konkurrenten, neuer Technologien und neuer Kundenwünsche wieder".

Zurück zu unseren irdischen Nöten. Zu unserem Preis und Wert. Insgesamt gibt es hierzulande etwa 50 000 hauptberufliche Journalisten. Festangestellt sind rund 14000 bei Tageszeitungen, gut 9000 im Rundfunk und etwa ebenso viele bei Zeitschriften. Dazu kommen noch Agenturen und Onlineredaktionen. Hinzu kommt die Schar der freiberuflichen Text-, Ton- und Bildarbeiter, die immer wichtiger werden. Da in den Redaktionen immer weniger Redakteure die Seiten und Kanäle befüllen müssen. Gleichwohl fallen bei den Freien seit Jahren die Honorare. Auch Korrespondenten im In- und Ausland beziehen immer seltener reguläre Gehälter.

Das Ergebnis: Um überleben zu können, produzieren alle für möglichst viele Kunden in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Text. Recherche – Nachhaken, Nachdenken, Nachlesen – verkommt zum Luxus. Journalisten sind verdammt zum Wiederkäuen der zirkulierenden Worthülsen und Soundbytes. Viele finden selbst bei vollem Einsatz kaum mehr ein Auskommen. „Wie viele unserer Professionsgenossen“, klagt der Publizist Klaus Harpprecht, „sind gezwungen, unter ihren geistigen Verhältnissen zu schreiben, zu recherchieren, zu redigieren!“

Wir müssen wohl langsam von Armut reden. Ich weiß, schon mit dem Wort tun sich deutsche Medien schwer. Es passt nicht recht in unser Marktwirtschafts-Märchenbild. Es passt auch nicht in das Weltbild vieler Journalisten, die, wie Studien zeigen, meist aus besserem Hause kommen. Die kannten materielle Existenzbedrohung bislang gar ist. Sie wussten nicht, wie das ist, stundenlang auf dem Flur des Sozialamtes rumzuhängen und die Selbstgedrehte in einer alten Blechbüchse auszudrücken.

Das Vermögensgefälle zwischen Karl und Theoder Albrecht und deren Kunden wird immer steiler. Auch die Journalisten, die freien zumindest, werden ärmer. Wer, wie ich, viel im Ausland arbeitet, muss richtig zaubern, um die Unkosten halbwegs reinzubekommen. Fragen Sie heute mal einen Redakteur am Telefon nach Reisespesen. Da kommen manchmal Geräusche aus der Hörmuschel, die Sie bislang nur aus Hagenbecks Tierpark kannten. Honorare stehen nur selten noch in einem halbwegs angemessenen Verhältnis zum betrieben Aufwand. Wenn Sie es richtig gut machen – wenn Sie wirklich recherchieren, telefonieren, nachlesen und nachhaken, wenn Sie nochmal losfahren und richtig hingucken, sind Sie ökonomisch betrachtet ein Vollidiot. Auch „Qualitätszeitungen“ zahlen wahrlich keine Qualitätshonorare mehr. Von einer sehr auflagenstarken Qualitätszeitung erhielt ich in diesem Frühjahr für eine volle Woche Arbeit 200 Euro. Ein Medienmagazin bat mich kurz darauf um eine Buchrezension. Auf die kühne Nachfrage nach dem Honorar kam die Antwort, ich könne ja das Buch behalten.

Hier die wissenschaftliche Untermauerung: Leipziger Journalismus-Forscher haben 235 Journalisten in Tageszeitungen, Hörfunk, Fernsehen und Online-Redaktionen beobachtet und festgestellt, dass diese pro Tag im Schnitt noch 108 Minuten für sogenannte Überprüfungs- und Erweiterungsrecherchen aufwenden. Für die Kontrolle der Glaubwürdigkeit und Richtigkeit von Quellen und Informationen bleiben gerade elf Minuten. Raus in die weite, wahre Welt kommen sie gar nicht mehr. Der Anteil der Ortstermine und leibhaftigen Begegnungen an der knappen Recherchezeit beläuft sich auf sagenhafte 1,4 Prozent. Der deutsche Journalist, könnte man folgern, ist der letzte, der mitkriegt, was in Deutschland los ist.

In der Welt der Hochglanz-Magazine sieht es oft nicht besser aus. Freie Journalisten werden hier zu Tätigkeiten genötigt, die viel mit den Wünschen der Inserenten zu tun haben, aber wenig mit Journalismus im engeren Sinne. Meine Kollegin Gabriele Bärtels schrieb nach vielen frustrierenden Berufserlebnissen im Sommer eine kleine Kolumne, die mit dem schönen Satz begann: "Die Pressefreiheit ist konstituierend für die Demokratie, aber nachts steht sie im dünnen Kleidchen an einer Laterne und zwinkert den Anzeigenkunden zu."

Sie beklagt in diesem Text, was viele von uns bedrückt, nämlich, dass "die Journalistenbranche von innen verfault und ich Texte schreiben soll, in denen nichts von dem vorkommt, was ich gesehen oder gehört habe.“

Gabriele Bärtels lieferte auch ein Beispiel, das die Misere so blendend illustriert, dass ich es hier ganz vortragen möchte:

Gestern zum Beispiel: Da sollte ich für ein Lifestyle-Magazin einen Text über zwei Schauspieler schreiben, die in einem Fitness-Studio trainieren, um sich für eine Mega-Inszenierung, deren Hauptdarsteller sie sein werden, fit zu machen. Tatsache ist aber, dass sie nie in diesem Fitness-Studio trainieren, nur an diesem Tag, unter den Augen und in der Obhut von Fotograf, Assistent, Stylistin, Produktionsleitung und natürlich der Marketing-Dame des Studios.

Der Verlag des Life-Style-Magazins ist geschäftlich mit dieser Fitnessstudio-Firma verbunden. Deswegen muss dafür gesorgt werden, dass sowohl im Text als auch im Bild klar wird, in welch exklusiver Umgebung das Training stattfindet, das sich die beiden Schauspieler im wahren Leben gar nicht leisten können. Die Produzenten der Mega-Inszenierung wiederum stellen dem Lifestyle-Magazin Freikarten zur Verfügung, die diese an ihre Leser verlosen können. Und weil das Fitness-Studio eine bestimmte Sportklamotten-Marke favorisiert, müssen die Schauspieler genau die auch anziehen.

Und ich soll einen Text schreiben, in dem nichts davon vorkommt, was ich an diesem Tag gesehen und gehört habe. Sondern so tun, als würden hier zwei Schauspieler begeistert schwitzen... Im Heft wird er als redaktioneller Beitrag erscheinen. Sämtliche Beteiligte finden das normal, sie arbeiten so seit ewig und drei Tagen. Gewissensbisse würden sie ganz und gar lächerlich finden.

Die Autorin Bärtels musste das verschlüsseln – weil sie auch von solchem Quatsch lebt. Aber es ärgert sie, dass es für Lügen weit bessere Honorare gibt als für Wahrhaftigkeit. Damit sind wir auf einer neuen Stufe in dem nach unten offenen Tiefgeschoss der Publizistik angekommen. Früher hieß es: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Heute reden wir von einem brutalen Entweder-Oder: Fressen ODER Moral.

Apropos Moral. Da muss ich noch eine Sache ansprechen, die mir sauer aufgestoßen ist. Den wachsenden Klassenunterschied in unserem eigenen Metier. Vielleicht ist es zwangsläufig, dass sich jetzt auch im Journalismus jeder Hans und jede Franzi als Marke aufstellen muss, um auf dem Markt der unbegrenzten Eitelkeiten einen gewissen Stellenwert zu ergattern. Und entsprechendes Einkommen zu generieren. Mir ist auch klar, dass der hochdotierte Nebenjob lange schon absolut salonfähig ist. Wir haben da allergrößte Vorbilder. Schließlich bekam Helmut Kohl von Leo Kirch von 1999 bis zur Pleite des Medienmeisters 600 000 Mark jährlich. Auch einige seiner Minister, voran ehemalige Postminister, gingen nicht leer aus. Unser Ex-Kanzler Schröder verdingt sich ungeniert als Chefklempner des lupenreinen Wladimir Putin. Und nebenbei noch als Verlagsvertreter von Ringier.

Das Promi-Unwesen ist vor allem ein TV-Problem. Schreiber und Radioleute sind von den Tücken des Promitums weniger bedroht. Man kann als Zeitungsmensch ein Leben lang sagenhafte Texte schreiben. Und wird seine Leser finden. Aber die Visage kennt kein Mensch. Wer aber sein Gesicht regelmäßig in Kameras hält, egal ob als Journalist oder als Talkshow-Dauergast, wird automatisch prominent. Manchmal ist der Begriff ja nur ein Synonym von penetrant.

Ich bedaure Fernsehjournalisten, weil sie immer und überall erkennbar sind. Aber ich war doch verblüfft zu erfahren, wie viele Gesichter, die wir aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen kennen, schätzen und natürlich lieben, zu mieten sind. Etwa bei Nowak Communications in Hamburg: Anja Kohl und Frank Lehmann, Tom Buhrow, Petra Gerster, Astrid Frohloff, Laura Dünnwald. Und viele andere mehr. Können Sie alle haben. Als Moderator oder Gastredner. Das gilt als „private“ Nebentätigkeit. Ich mag begriffsstutzig sein – aber ich verstehe da etwas nicht. Sie alle verdanken die „Bekanntheit“, die sie hier vermarkten, dem Rundfunk – den Redaktionen, der Technik und letztlich den Gebühren, die das finanzieren. Sie stehen für die Integrität und Seriosität der Sendungen und Anstalten, in denen sie auftreten. Zugleich zehren sie vom Ruf dieser Institutionen. Die Reputation, mit der ihr öffentliches Antlitz angereichert ist, ist niemals allein die ihre. Sie sind Repräsentanten für mehr als sich selbst.

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Wie soll denn ein ganz normaler Journalist da noch frohgemut seine Arbeit machen? Stellen Sie sich vor: Sie sitzen in ihrer Lokalredaktion in Vorder- oder Hintertupfingen. Vor drei Jahren waren sie noch zu dritt. Jetzt machen Sie den Job alleine. Die Praktikantin hat Grippe. Die Kaffeemaschine ist kaputt. Der Tisch ist voll mit Pressemitteilungen, in denen Ihnen PR-Heinis, die höchstens halb so alt sind wie sie und mindestens doppelt so viel verdienen, irgendein Produkt oder gleich eine ganze Gesinnung aufschwatzen wollen. Ein Studienrat hat auch wieder geschrieben, weil irgendein Komma nicht richtig saß. Drei Dutzend Vereine und Lokalpolitiker zerren an ihnen. Telefonisch. Weil sie ja längst nicht mehr rauskommen. Sie sind so klein und unbedeutend, dass nicht einmal die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft sie zum Medienpartner haben will. Und dann lesen Sie, was die Damen und Herren Kollegen vom Fernsehen so nebenbei einstecken. Und sollen nicht zynisch werden.


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