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Preis und Wert des Journalismus (3): Von PR-Professoren, Mehrfachverwertung und "Gemeinwohl"

Tom Schimmeck
Tom Schimmeck.
Tom Schimmeck.
Vielleicht sollte man auch einfach mal realistisch sein. Und gleich voll auf PR umschulen. Einen Master in Communication & Leadership machen! Für schlappe 26.000 Euro. Es gibt da jetzt einen neuen Studiengang. Berufsbegleitend. An der Quadriga Hochschule für Kommunikationsmanagement in Berlin – unter der weisen Leitung des Ex-Intendanten Peter Voß.

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Im Prospekt steht, dort finde man „ein starkes und exklusives Netzwerk“, das „optimale Karrierechancen“ biete. Und den direkten Draht zu „hochrangigen Entscheidern“ aus Wirtschaft und Politik sowie zu „Chefredakteuren deutscher Leitmedien“. Die sitzen im Kuratorium. Das Fernsehen ist an dieser neuen PR-Uni stark vertreten. Zum Beispiel durch Dr. Verena Wiedemann, Generalsekretärin der ARD. Durch Christoph Lanz, Fernsehdirektor der Deutschen Welle. Durch MDR-Chefredakteur Wolfgang Kenntemich. Der seit Oktober auch Honorarprofessor für Fernsehjournalismus an der Universität Leipzig ist. Da möchte man auch mal Mäuschen spielen.

Nassforscher Pragmatismus bedroht uns schon in der Ausbildung. Der Wissenschaftsrat warnte 2007 nicht nur davor, dass sich die Zahl der „Medien“-Studenten binnen zehn Jahren fast verdoppelt habe. Er wies auch darauf hin, dass die ja eigentlich konträren Bereiche Journalismus und PR zunehmend miteinander vermatscht werden. An der Fachhochschule Gelsenkirchen können sie zum Beispiel den „Bachelor-Studiengang Journalismus und Public Relations“ belegen. Dieser trägt "der engen Verzahnung von Journalismus und Public Relations im Alltag Rechnung". Nach dem Motto: Wenn es mit meinem Journalisten-Traum nix wird, kann ich immer noch PR machen. Oder, wie es in der Selbstanpreisung der Fachhochschule heißt:

Diese einzigartige Kombination gibt den Studierenden eine breite kommunikative Basis und erhöht die Konkurrenzfähigkeit und Flexibilität im Arbeitsmarkt beträchtlich.

Medien zwischen Geld- und Macht-Gier: Da bleibt die Vielfalt meist auf der Strecke.
Medien zwischen Geld- und Macht-Gier: Da bleibt die Vielfalt meist auf der Strecke.
Foto: Ralf Julke

Eine weitere, sehr handfeste Bedrohung ist die Gier der Verleger. Das fällt ebenfalls in die Abteilung Doppelmoral. Von der Bundesregierung verlangen sie lautstark ein „Leistungsschutzrecht“. Das ist auch schon wieder so eine hübsche Verdrehung der Worte. So wie die Arbeitgeber die Arbeit ja eigentlich nehmen, so soll das „Leistungsschutzrecht“ die Verleger, die ja eigentlich die Verpacker und Zwischenhändler unserer als Urheber erbrachten Leistung sind, schützen. Vor wem? Vor dem bitterbösen Internet? Vor Goo-hu-hu-gle? Dem neuen Koalitionsvertrag ist zu entnehmen, dass unsere schwarz-gelbe Bundesregierung – Klammer auf: den Verlegern zu ewigen Dank verpflichtet – Klammer zu – sich darum kümmern will; dafür sorgen will, dass – so hat es der Herr Döpfner vom Springer-Verlag ausgedrückt – „die Mehrfachverwertung professionell erstellter Inhalte auch bezahlt wird“.

Wir freien Autoren und unser neuer Verband, die „Freischreiber“, sind köstlich amüsiert. Handelt es sich bei diesen durch das Internet so übel enteigneten Verlage doch just um jene, die seit Jahren mit allen Tricks die angemessene Bezahlung der Mehrfachverwertung unserer Arbeit zu verhindern trachten. Im Fachjargon heißt dies recht treffend „Total buyout“. Als Autor oder Fotograf bekommen sie inzwischen Verträge zugesandt, die zuweilen schon länger sind als der Text, den sie eigentlich schreiben sollen. Die Süddeutsche etwa erlaubt sich – Zitat – darauf hinzuweisen, dass mit jeder Honorarzahlung die Einräumung folgender umfassender, ausschließlicher, räumlich, zeitlich und inhaltlich unbeschrankter Nutzungsrechte abgegolten ist: das Printmediarecht, inklusive das Recht zur Erstveröffentlichung, das Recht zur Bearbeitung, Umgestaltung und Übersetzung, das Recht für Werbezwecke, das Recht der elektronischen/digitalen Verwertung und der Datenbanknutzung sowie das Recht, die vorgenannten Nutzungsrechte auch auf Dritte übertragen zu können.

Hat auch den Öffentlich-Rechtlichen ein bisschen die Leviten gelesen: Tom Schimmeck.
Hat auch den Öffentlich-Rechtlichen ein bisschen die Leviten gelesen: Tom Schimmeck.
Foto: privat

Und: den Dritten zu ermächtigen, diese Nutzungsrechte wiederum weiter zu übertragen, gegebenenfalls auch mit der Maßgabe, abermals Drittverwertungsrechte einräumen zu können usw.

Und so weiter. Das ist mittlerweile schon Standard. Beim Bauer-Verlag erstreckt sich ein Vertrag auch auf die Verbreitung „mittels TV, PC, Handy oder sonstigen Geräten mit oder ohne Draht, via Kabel, Satellit...“

Und so weiter. Aber Heinz Heinrich Bauer pflegt auch einen ganz speziellen Umgang mit seinen Leuten. Der Spiegel fragte den Verleger vor einiger Zeit, ob es wirklich stimme, dass er die Chefin seines Betriebsrates, seit einem Vierteljahrhundert im Hause, noch nie empfangen habe.

Und Bauer antwortete und sprach:

Das kann sein. Ich wüsste auch nicht, worüber ich ein konstruktives Gespräch mit ihr führen sollte.

Einige Verlage haben es inzwischen schriftlich, wie unanständig ihre Verträge sind. Das Landgericht Berlin untersagte dem Axel Springer Verlag im Dezember 2008 die Nutzung seiner „Allgemeinen Vertragsbedingungen“ – weil sie die betroffenen freien Fotografen ”unangemessen benachteiligen”. Auch Bauers „Rahmenvertrag” stieß beim Hamburger Landgericht auf wenig Begeisterung. Die Zeitung Nordkurier, der sich besonders frech hervorgetan hatte, kassierte ein Urteil der 3. Zivilkammer des Landgerichts Rostocks, das gleich eine ganze Latte von Klauseln für „unwirksam“ befand. Der Verlag wollte ein ausschließliches, zeitlich und räumlich unbeschränktes Nutzungsrecht für wirklich alles, Sogar für Merchandising-Produkte inklusive bedruckter T-Shirts und Tassen. Außerdem verlangte er sämtliche Manuskripte, Illustrationen und Bilder einschließlich der Negative für sich. Das war ein bisschen zu dreist. Im Alltag aber sind wir Urheber ständig mit ganz ähnlichen, immer zahlreicher werdenden Klauseln konfrontiert. Und haben nicht die Zeit und den Nerv und die Kraft, immer Nein zu sagen. Neulich habe ich mich, nachdem ich wieder einmal artig so einen ellenlangen Vertrag unterzeichnet hatte, mit einer Email an den Verlag gerächt:

Was machen wir mit den Musicalrechten für Nordkorea? Auch die mögliche Entdeckung von intelligentem Leben in anderen Galaxien scheint mir noch nicht berücksichtigt.

Sie fanden es nicht lustig.

Ich finde, die Verleger und Privatfernsehunternehmer haben‘s wirklich gut getroffen mit der CDU und der FDP. Und umgekehrt. Ich wüsste manchmal auch gerne solch eine Macht hinter mir. Die CDU hat das Privatfernsehen durchgeboxt. Sie wird bald auch das Pressefusionsrecht im Verleger-Interesse ändern. Die schwarzen Ministerpräsidenten führen sich wie Cheflobbyisten der Verlage auf. Und scheinen allzeit bereit, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk an den Karren zu fahren.

Sie hier beim ZDF können ja ein langes Liedchen in Sachen Einmischung singen. Neulich fiel mir eine dicke Broschüre in die Hände: „Der Wert des ZDF“. Aus dem Jahre 2006. Da stehen Passagen drin, bei denen einem ganz festlich zumute wird – über „gemeinwohlorientierten Rundfunk“ als „Errungenschaft der Demokratie“, „unabhängig von Markt und Staat“, „kulturellen Standards und journalistischer Qualität verpflichtet“. Und ich dachte mir: Das ist alles wunderschön und höchst erstrebenswert. Aber warum meint das ZDF, dazu eine 80seitige Broschüre verfassen zu müssen? Die Antwort ist ganz einfach: Weil all dies eben kein politischer Konsens mehr ist. Weil viele Mächtige immer wieder am öffentlich-rechtlichen Rundfunk sägen!

Mehr zum Thema:

Preis und Wert des Journalismus (2): Von "Synergieeffekten", Krisengeschrei und Fernsehgesichtern
Ansonsten ist das Fließband jetzt die neueste Mode der Medienindustrie: Chefredakteure machen gleich mehrere Blätter ...

Preis und Wert des Journalismus: Tom Schimmecks Rede zum Mainzer Mediendisput 2009 (1)
Am 9. und 10. November fand in Mainz der 14. Mainzer Mediendisput statt unter dem Motto "Schweigen, Lügen und Vertuschen ...
Ich hab hier ein schlimmes Pamphlet, aus dem ich auszugsweise zitieren möchte:

Immer stärker dringen Schlachtlärm aus und Kassandrarufe nach Mainz, als gelte es ... allein die negative Bilanz der Anstalt zu komplettieren: ...Die größte deutsche öffentlich-rechtliche Fernsehanstalt scheut am stärksten die Öffentlichkeit. ... Eine streng zentral-hierarchische Struktur, der autoritäre Führungsstil, ein extremer Bürokratismus und mangelnde Kommunikation im Haus sorgen permanent für ein schlechtes Betriebsklima. Proteste der ZDF-Redakteure gegen ... die CDU-Vereinheitlichung der Führungsspitze blieben wirkungslos. ...Nahtlos reihen sich auch die Parteilosen und die SPD-Alibis in diese christlich-konservative Phalanx ein...

Ich muss zugeben: ich bin dafür ziemlich tief ins Archiv gestiegen: Der Artikel stammt aus der Zeit vom 20.08.1971 und trägt die schöne Überschrift: „Ein später Sieg für Konrad Adenauer“. Der Verwaltungsratsvorsitzende hieß damals übrigens Helmut Kohl.

Ach, ich muss noch das Fazit des Zeit-Autors nachtragen:

Zehn Jahre nach Konrad Adenauers gescheitertem Versuch, ein CDU-Staatsfernsehen zu etablieren, bescheren ihm die routinierten Strategen seiner Partei einen späten Sieg. Die Reaktion marschiert, und die SPD sieht tatenlos zu. Ihre verschlafene Medienpolitik ist das Unbegreiflichste und Gefährlichste an der jüngsten Entwicklung des ZDF.

Das Zitat mag Ihnen verdeutlichen, dass Sie es mit einem ziemlich notorischen Problem zu tun haben. Ich war schon als junger Bursche ein staunender Bewunderer sozialdemokratischer Medienpolitik. Damals beim NDR. Die Sozis packten dort immer diese Personal-Päckchen. Und der CDU-Intendant wickelte sie aus und sagte: Aaah, wie hübsch – drei Rote, drei Schwarze. Die Roten nehmt mal wieder mit. Aber die Schwarzen sind ein sehr konstruktiver Vorschlag.

Übernächstes Jahr können Sie mit Roland Koch auf 50 Jahre CDU-Herrschaftsanspruch im ZDF anstoßen. Na dann Prost.

Und weil ich hier zu Gast bin, möchte ich Ihnen auch etwas Nettes sagen: Ich finde ihr Programm oft verblüffend gut. Vor allem, wenn man bedenkt, dass sich in Ihrem Verwaltungsrat vier bis fünf Ministerpräsidenten herumdrücken. Interessanter aber ist natürlich die Frage, wie man sich politisch unsittlichen Annäherungen auf Dauer erfolgreich erwehrt. Nicht, dass es am Ende heißt: Mit dem Zweiten kneift man besser.

Ich danke Ihnen für Ihre Geduld.


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