„Armutszeugnis für die Medienpolitik“: Hanjo Lucassen, der DGB und der Bürgerfunk
Bernd Reiher
02.12.2009

Sendestudio Radio Blau
Foto: Bernd Reiher
Es war einer jener Radiomomente, die in Leipzig selten geworden sind, der am ersten Adventssonntag durch das messestädtische UKW-Band fegte. Wer an diesem Tage kurz nach zwölf auf der Frequenz 99.2 MHz surfte, bekam einen Geschichtsvortrag über den Leipziger Hauptbahnhof geliefert. Runde sieben Minuten Reportage und Interview – Lokalradio ohne Werbung, dafür aber in Bestform.
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Thema dieses Beitrages waren die Entstehung und die Bedeutung des einstmals größten Kopfbahnhofes Europas. Gewürzt mit Anekdoten zum Zeitkino, zu längst vergessenen Tunneln und dem einstigen Bruder Postbahnhof. Angereichert mit Anmerkungen über uralte U-Bahnpläne und solch kuriose Vorhaben, wie einen bahnhofseigenen Flugzeuglandeplatz für Luftverbindungen zum Flughafen im Norden der Stadt.
Ein packendes Stück Leipziger Stadtgeschichte, das in diesen ersten Vorweihnachtsminuten durch den messestädtischen Äther rollte. Geliefert aber nicht von Radio Leipzig oder dem MDR. Es kam aus der Paul-Gruner-Straße in Zentrum-Süd. Vom Seniorenradio auf Radio blau.
Wer die Sendung verpasst hat und nun neugierig geworden ist:
Die Macher dieser Sendereihe zählen zum Urgestein des kleinen Funkhauses. Nach Lage der Dinge werden sie ihre Hörer aber schon in der nächsten Sendung darauf hinweisen müssen, dass das die vorerst letzte im Radio gewesen sein wird.
Der Grund: ab 2010 wird dem freien Radio blau das Geld für die UKW-Verbreitung fehlen. Die Kooperation mit dem bisherigen Mantelanbieter läuft aus. Eine Verlängerung ist nicht in Sicht. Die Übernahme durch die öffentliche Hand sei aufgrund der Rechtslage nicht möglich, sagen zumindest die, die an den Hebeln sitzen.
Freies Radio als Spielball der privatmedialen Zunft – das wurde schon von vielen Seiten moniert. Wenig begeistert davon zeigte sich mittlerweile auch Hanjo Lucassen, der sächsische Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes DGB. Er hat die drohende UKW-Abschaltung der freien Radios in Sachsen jetzt als „Armutszeugnis für die sächsische Medienpolitik“ bezeichnet.
Lucassen sagte am 28. November: „Die freien Radios sind eine Bereicherung der Rundfunklandschaft in Sachsen, deren Erhalt dringend geboten ist.“ Wenn es in Sachsen eine durchdachte und abgestimmte Medienpolitik gäbe, wäre ein solches Trauerspiel wie um die freien Radios seiner Meinung nach gar nicht möglich. Der DGB-Chef weiter: „Gegenwärtig ist aber offensichtlich die Rundfunkpolitik des Freistaates eher auf die Bedürfnisse von kommerziellen Anbietern ausgerichtet.“

Hanjo Lucassen: "Ein Armutszeugnis ..."
Quelle: DGB Sachsen
„Der Willkür von kommerziellen Rundfunkanbietern“ seien die freien Radios derzeit ausgesetzt, sagte Lucassen schließlich. Seine Forderung: „Sachsen sollte im Interesse einer breit aufgestellten und bunten Medienlandschaft unverzüglich eine Lösung für die Freien Radios ermöglichen, um die Abschaltung zu verhindern.“
Viel Zeit dafür bleibt nicht. Runde 30 Tage sind es noch, die genutzt werden können, um Auswege aus dem Abschaltungsdilemma zu finden. Die Bürgerfunker zumindest brüten eifrig. Auch der Protestchor ist vielstimmig geworden. Alle zusammen machen gerade in dieser Woche mit einem Weltrekordversuch auf sich aufmerksam. Sie wollen die meisten DJs aller Zeiten in einer Woche an die Plattenteller eines Radiostudios holen.
Ob das dem Seniorenradio hilft, bleibt fraglich. Sollte diese Aktion zur Rettung beitragen, wäre aber auch ihnen geholfen. Ihre Zielgruppe weiß schließlich großteils nicht, wie man mit einem Stream umgeht. Ihre Geschichten wollen sie dennoch hören. Zumal, wenn es solche wie die vom Hauptbahnhof sind.
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