Georg Mascolo in Leipzig zu Gast: Nachrichten sind ein rares Gut
Ralf Julke
15.01.2010
Georg Mascolo.
Am Mittwochabend, 18 Uhr im Zeitgeschichtlichen Forum, gab es Teil 4 der diesjährigen Einladungsreihe des Leipziger Journalistik-Lehrstuhls. Zu Gast war Georg Mascolo, einer der beiden Chefredakteure des Magazins "Der Spiegel". Es ging natürlich um die aktuelle Krise in der Medienlandschaft. "Die keine Journalismuskrise ist", so Mascolo.
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Immerhin steht ja nach wie vor der zyklopische Titel der Reihe im Raum: "Nur noch Youtube, Blogs und Twitter? Perspektiven des Journalismus." Und der Untertitel dazu: "Zwischen Medienkrise, Online-Revolution und Aufrüstung der PR-Branche sucht der Journalismus seinen Weg. Renommierte Publizisten sprechen über die Zukunft unserer Mediendemokratie."
Man merkt schon, dass sich die Studierenden, die die Reihe organisiert haben, bemühen, ein sehr weites und heterogenes Feld zu beackern. Die Chefredakteure, die sie dazu eingeladen haben, können natürlich direkt aus der Praxis berichten. Und die unterscheidet sich: Ein anspruchsvolles Magazin wie GEO verliert in der aktuellen Krise – im Gegensatz zu vielen Lokalzeitungen – seine Leser genausowenig wie das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Deswegen findet Mascolo den Begriff Medienkrise auch nicht treffend. Anzeigenkrise wäre treffender.
Er verzichtete auf eine große Bilderschau, plauderte ein wenig über seinen Werdegang – immerhin stieß er schon 1988 zur Spiegel-Familie, war in der Zeit der "Friedlichen Revolution" für Spiegel TV im Osten unterwegs und hat aus den beiden Brennpunkten des Geschehens – Berlin und Leipzig – berichtet. Seit 1992 arbeitete er für den gedruckten "Spiegel". 2004 ging er als politischer Spiegel-Korrespondent kurzzeitig in die USA. Und da war er schon drin in einer der wichtigen Fragen, die eigentlich die Vortragsreihe verbindet: Wie verändert das Internet den Journalismus? – Eine Frage, die auch 2004 die USA bewegte – und die „Experten“ gackern ließ wie die Hühner.
Immerhin war der "Spiegel" 1994 das erste große Nachrichtenmagazin, das mit einer eigenen Homepage online ging – "am Abend, bevor das Times Magazin so weit war", erinnert sich der heute 45-Jährige stolz. Immerhin hat er den "Spiegel"-Weg ins Netz von Anfang an miterlebt. Und 1994 war das Internet noch eine Spielwiese. Da redeten auch die Auguren noch nicht davon, es werde den Journalismus verändern. Im Gegenteil: Bis zum Jahr 2000 erlebten vor allem die gedruckten Medien in Deutschland einen unvergleichlichen Aufschwung. Viele fuhren über die Werbeumsätze Renditen von 20 Prozent und mehr ein. Das war die Zeit, in der Investoren "Medien" als schicke Anlage und tolles Spekulationsobjekt für sich entdeckten. Die Entlassungswellen, die den Markt für Journalisten ausgedünnt haben, begannen genau in dieser Zeit, als es der Branche noch blendend ging.
Zu Gast bei Leipzigs Journalistikstudenten: Spiegel-Chefredakteur Mascolo.
Foto: Ralf Julke
Nur die allerwenigsten Medienhäuser aber nutzten das Geld, um in ihre eigene Zukunft zu investieren. Der "Spiegel" gehörte dazu. "Wir saßen jede Woche zusammen, um zu überlegen, ob wir an der Website überhaupt etwas ändern", erinnert sich Mascolo. Im Hause "Spiegel Online" zählt man wohl die diversen Relaunches und Veränderungen schon nicht mehr. "Spiegel Online" ist heute der Marktführer unter Deutschlands Nachrichtenportalen und ist personell völlig autark von der Magazin-Redaktion.
Über die Verzahnung, die beide Redaktionen gefunden haben, berichtete Rüdiger Ditz, Chefredakteur Spiegel Online, am 25. November in der Vortragsreihe. Mascolo beleuchtete ein wenig, wie man bei "Spiegel" tickt, wenn man neue Projekte auflegt. Wie eben Spiegel TV, Spiegel Online oder – wie jüngst erst für die junge Leserschaft aufgelegt: "Dein Spiegel". "Unsere Erfahrung ist", sagte er, „dass die Dinge am besten funktionieren, die wir selber machen wollen, die uns selbst interessieren. Und dann suchen wir uns das Publikum dafür."
Wer immer nur dem Leser hinterherlaufe, der sähe bestenfalls dessen Rücken. "Aber wir wollen dem Leser ins Gesicht sehen", sagt Mascolo. Deswegen hat "Spiegel" auch am Online-Auftritt festgehalten, als der Hype um neue und alte Medien 2000 / 2001 platzte, habe sogar investiert. Mascolo: "Der Spiegel hat investiert, weil er an Journalismus geglaubt hat."
Mehrmals an diesem Abend kommt er auf Kernkompetenzen zu sprechen und gibt den Studierenden im Saal (der diesmal bei weitem nicht ausreicht für das interessierte Publikum) einige Steilvorlagen. So nebenbei wischt er auch die These vom Tisch, Nachrichten seien überall und leicht verfügbar und deswegen auch nichts wert. "Einer der Rohstoffe in dieser Welt, die sie nicht beliebig vermehren können, sind Nachrichten", so der Chefredakteur, der diesen Posten beim "Spiegel" seit bald zwei Jahren inne hat.
Georg Mascolo: Wir haben in Journalismus investiert.
Foto: Ralf Julke
Er deutete auch an, was er damit meint, und warf damit ein helles Licht auf eine Branche, in der die Begriffsverwirrung längst zum Tagesgeschäft gehört. "Das Umschreiben von dpa-Meldungen wird in Zukunft nicht mehr reichen." Und an den Saal voller angehender Journalisten gewandt: "Für Sie wird es schwieriger."
Oder hätte er doch besser sagen sollen: spannender? – "Sie werden mehr tun müssen, um Leser zu begeistern." Denn das Internet hat Medienwahrnehmung tatsächlich verändert. Was im Print-Zeitalter über die Agenturen an große und kleine, überregionale und lokale Medien gestreut wurde und auch am nächsten Tag immer noch eine neue Meldung war, wird im Internet-Zeitalter zur Massenware. Die Geschwindigkeit eines "Tankers" können sich nur große Zeitungen und Magazine leisten, die eigene Nachrichten produzieren, selbst Geschichten und Diskussionspunkte setzen.
Deswegen leiden auch „Zeit“, „Spiegel“ und „Süddeutsche“ eher nicht unter der "Medienkrise". Im Gegenteil: Sie konnten teilweise ihre Auflagen steigern. "Aber Regionalzeitungen", so Mascolo, "haben echte Probleme." Sie verlieren tatsächlich ihre Abonnenten und haben – anders als "Der Spiegel" – eher nicht in ihre Webauftritte investiert und auch nicht in die Qualität ihres Journalismus. Deswegen reagiert Mascolo an diesem Abend auch eher gereizt auf die Frage, wie er auf den nicht gerade freundlichen Angriff Neven DuMonts antworten wolle, der die "Spiegel"-Kritik an den Sparprogrammen einiger wichtiger Regionalzeitungen nicht so toll fand.
Auch mal krisch gefragt: Wie war das mit der Lafontaine-Geschichte, Herr Mascolo?
Foto: Ralf Julke
Konstantin Neven DuMont wird am 20. Januar im Zeitgeschichtlichen Forum zu Gast sein. Die Studierenden haben keineswegs vergessen ihn einzuladen. Und wenn sie pfiffig sind, werden sie den Mitinhaber von Berliner Zeitung, Kölner Stadtanzeiger, Frankfurter Rundschau und Mitteldeutscher Zeitung löchern zu einem Thema, das Mascolo immer wieder ins Gespräch brachte: die Wichtigkeit von Qualitätsjournalismus für den Erfolg eines Mediums. Denn nur wenn Leser ein Qualitätsprodukt erwarten, werden sie dafür auch Geld ausgeben.
Was für Print genauso gilt wie fürs Internet. Auch wenn Mascolo die derzeit aufkeimenden Erwartungen, man könne demnächst für Nachrichten im Netz Geld verlangen, dämpft. "Wir werden ein Jahrzehnt der Unübersichtlichkeit erleben", prophezeit er (und warnt gleichzeitig davor, Prophezeiungen allzu ernst zu nehmen). Was kommen werde, seien Bezahlinseln im Netz. Daran arbeite nicht nur "Spiegel Online".
Und im Print-Markt würde man sich wohl längerfristig auf sehr schwankende Anzeigenerlöse einstellen müssen. Was wohl dazu führt, dass Qualitätsprodukte wie "Der Spiegel" einen größeren Teil des Umsatzes über den Vertrieb einspielen müssen. Was dann heißt: Die Hefte werden teurer. "Und teurer werden müssen sie." Was aber auch nur funktioniert, wenn weiter in Qualität investiert wird.
Nächste Veranstaltung in der Reihe "Perspektiven des Journalismus" am 20. Januar, 18:15 Uhr im Zeitgeschichtlichen Forum mit Konstantin Neven DuMont, Verleger DuMont Schauberg.
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