Musikcenter für Leipzig (2): Die Suche nach Vorbildern und Ideen
Daniel Thalheim
28.03.2010
agra-Messepark
Foto: Patrick Limbach
Eine scheinbar kleine Diskussion schiebt in Leipzig wieder größere Wellenberge an. Nachdem seit Januar wegen der überteuerten Mieten zahlreiche Bands aus dem Hupfeld Center ausziehen, kommt die Frage nach einem entwickelbaren Musikcenter ins Rollen. Ein gutes Vorbild gibt es bereits - in Berlin.
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Die Debatte wird erstaunlicherweise von der Leipziger Stadtverwaltung, namentlich dem Dezernat für Kultur unter Michael Faber, unterstützt.
Bei der Ratsversammlung vom 24. März antwortete der Kulturbürgermeister auf die Anfrage der Stadträtin Juliane Nagel Fraktion „Die Linke“ positiv und verwies auf die Recherchen des Liegenschaftsamtes, ob sich die Halle 2 auf dem agra-Park-Gelände für ein entwickelbares Musikcenter eigne. Er nannte auch leerstehende Schulgebäude.
Zur Erinnerung darf nicht unerwähnt bleiben, dass in der Stadtratssitzung vom 16. Dezember 2009 der Bebauungsplan Nr. 340 „ehemaliger agra-Messepark – nördlicher Teil“, samt Einstellung des Bebauungsplanverfahrens, Erwerb eines Privatgrundstückes, Erarbeitung eines Entwicklungs- und Nutzungskonzeptes und Bestätigung von außerplanmäßigen Ausgaben in 2009 gemäß § 79 (1) SächsGemO vorgestellt und diskutiert wurde.
Hierbei ging es darum, dass nicht wie geplant, Eigenheime auf dem nördlichen Teil des „agra“-Geländes gebaut werden. Auch um das Wave Gotik Treffen als wichtige Veranstaltung in Leipzig in Zukunft nicht zu gefährden.
Bürger und Veranstalter traten damals rechtzeitig und massiv gegen die Eigenheimpläne der DAHG auf. Die Stadt Leipzig schätze schlussendlich den internationalen Charakter des Wave Gotik Treffens höher ein und die neuen Baumaßnahmen werden nun nicht stattfinden.
Schon jetzt werden Teile der Halle 2 für Proberäume genutzt - Bald auch ein weiteres Gebäude auf dem agra-Gelände?
Foto: Patrick Limbach
Damals hieß es in der öffentlichen Niederschrift der Sitzung der Ratsversammlung: „Ein Konzept für den agra-Park im Großen liege bereits vor. Zu verweisen sei in diesem Zusammenhang auf das Entwicklungskonzept und das Sofortprogramm für den Leipziger Teil des agra-Parks, das im April 2006 im Stadtrat zur Kenntnis genommen worden sei.“
Nun müssen Nutzungskonzepte her, die die Spekulation eines Musikcenters konkret werden lassen.
So weit zur Vorgeschichte. Michael Faber soll bei der vergangenen Ratsversammlung vom 24. März auch einen Vergleich zu dem Proberaum-Zentrum „ORWOhaus“ in Berlin gezogen haben. Was ist das für eine Initiative in Berlin? Beispielhaft für das diesjährige Hupfeld-Desaster scheint das eben erwähnte Berliner „ORWOhaus“ zu sein. Ihre Homepage verweist auf dieselbe Problematik hin, wie sie soeben in Leipzig stattfindet.
In Berlin haben sich die Bands zusammen geschlossen und gemeinsam ihre eigene musikalische Grundlage geschaffen.
Das ORWOhaus an der Frank-Zappa-Straße in Berlin: Alternatives Musikzentrum von Musikern für Musiker
Foto: http://www.orwohaus.de/
Anscheinend mit Hilfe der Stadtverwaltung. „100 Proberäume. Rund 700 Musiker. Ein gemeinnütziger Verein. Wir machen Kultur! Hier, in der Musikfabrik ORWOhaus, entsteht täglich ein Stück Berliner Underground.“ Nachdem die Musiker 2004 beinahe ihre Proberäume verloren hatten, sich aber erfolgreich gegen Kündigung, Leerstand und Zerfall durchgesetzt haben, sind sie darüber hinaus heute selbst Eigentümer, Verwalter und Betreiber des ORWOhauses.
Mit zahlreichen Projekten versucht der ORWOhaus e.V. in Selbstverwaltung ein einmaliges Kulturprojekt zu entwickeln. Von Musikern für Musiker. Im März 2009 hat das ORWOhaus die offizielle Nutzungsgenehmigung erhalten. Nach fünf Jahren ist die Zukunft des Projekts damit gesichert. „Wir können uns verstärkt unserer Kulturarbeit widmen.“ heißt es nun auf dessen Internetseite und weiter:
„Wir befinden uns mitten im Berliner Industriegebiet, zwischen Bahnschienen und der sechsspurigen Landsberger Allee - ein paar Kilometer weiter ragen die Hochhäuser von Berlin-Marzahn in den Himmel. Ein kleines Büroteam und ein ehrenamtlicher Vereinsvorstand kümmern sich täglich um das Paradies und sorgen dafür, dass sich die Bands weiterhin wohl fühlen. Um den Musikern noch mehr bieten zu können als nur günstige Proberäume, veranstalten wir regelmäßig Konzerte und planen im Erdgeschoss eigene Clubräume. Das Highlight ist aber unser jährliches Festival auf dem gesamten ORWOhaus Gelände.“
In Berlin scheint die Vernetzung und Initiative von Musikern mit dem „ORWOhaus“ zu einem fruchtbaren Ergebnis gekommen zu sein. Der Hinweis, dass hier einige Jahre ins Land gingen, bis eine Genehmigung zur Nutzung eines zentralen Gebäudes für Musikschaffende erteilt wurde, muss nicht für das übersichtlichere Leipzig gelten.
Denn auch hier existieren dem Verfall preisgegebene Schulgebäude und Industriebauten, die „weitab vom Schuss“ sind und Anwohner wegen der Musik und stattfindenden Konzerte belästigen könnten. Da erscheint das agra-Gelände als zielführende Variante in der beginnenden Debatte um ein von Musikern selbst verwaltetes Musikcenter mit allem Drum und Dran zu sein.
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