Filmstar Leipzig? - Eine Diskussionsrunde lobt die Stromlinienförmigkeit
Ralf Julke
01.07.2010
In Aktion: Henner Kotte, Dirk Thärichen, Helge-Heinz Heinker, Volker Bremer.
Foto: Ralf Julke
"Filmstar Leipzig". Der Titel des jüngsten Leipziger Tourismus-Frühstücks am Mittwoch, 30. Juni, in der Moritzbastei lockte so Manchen in die alten Gemäuer, der beim Diskutieren über Leipzigs Image eher die bunten Farben liebt, das Fernseh-Affine. Ach, was ist die Stadt doch schön: ein echtes Sternchen.
Anzeige
Zumindest war das erwählte Podium an diesem Morgen des Lobes voll. Leipzig ist beliebt als Drehort, als Produktionsstätte und als "unverbrauchte" Kulisse. Hier werden Serien gedreht, die Abend für Abend das Pantoffelkino begeistern - von "In aller Freundschaft" (über 470 Folgen seit 1998) über "Soko Leipzig" bis hin zu "Tierärztin Dr. Mertens". Studiotouren begeisterter Zuschauer durchstreifen regelmäßig die Media City und die Zentrale des MDR in der Altenburger Straße. Mit "Elefant, Tiger & Co." hat der MDR 2003 ein völlig neues Format entwickelt, das seitdem die Zuschauer deutschlandweit vor die Bildröhre lockt - gerade wurde Folge Nr. 183 ausgestrahlt. Und ein halbes Dutzend anderer Zoos versuchen mit meist weniger Glück, die Serie aus dem Leipziger Zoo zu kupfern.
Sollte doch eigentlich ganz einfach sein: Die meisten Tiere sind per se nett und gute Schauspieler, man braucht ein emsiges Drehteam, einen begnadeten Sprecher wie Christian Steyer und ein paar pfiffige Tierpfleger, die keine Angst vor der Kamera haben. Und natürlich eine Regisseurin, die ihr Geschäft versteht - wie Anja Hagemeier. Die Serie ist das beste Beispiel dafür, dass auch in Sachsen Fernsehformate entstehen können, die die Region nicht verleugnen und trotzdem einen Qualitätsanspruch setzen, der deutschlandweit gilt.
Was zur Frühstücksdiskussion am Mittwoch zumindest Thema war - auch wenn Dirk Thärichen, Unternehmenssprecher des MDR, die Brisanz der Sache gekonnt umschiffte und darauf verwies, dass die Dreiländeranstalt MDR ja nicht nur Leipziger Bedürfnisse zu beachten habe, sondern auch die Sendergemeinschaft ARD mit sendetauglichem Material versorgen müsse. "Zehn Prozent sind Verpflichtung", sagte er. "Wir schaffen aber meist mehr - so 13, 14, 15 Prozent." Und: "Es wird mit harten Bandagen gekämpft."
Was dann für jede Produktion bedeutet: Wenn sie im deutschsprachigen Raum ihre Quote von 6 Millionen Zuschauern finden soll, muss sie auf andere Sehgewohnheiten und Vorlieben Rücksicht nehmen. Beispiel: der in Leipzig mit Simone Thomalla und Martin Wuttke produzierte "Tatort", der mit zwei attraktiven und auch beliebten Schauspielern besetzt ist - nur aus Leipziger Sicht eben keinen, die das typisch Regionale zur Geltung bringen.
Die Diskussionsrunde: Oli´ver Rittweger (MDM), Autor Henner Kotte, Dirk Thärichen (MDR), Moderator Helge-Heinz Heinker, Volker Bremer (LTM), Kabarettist Thorsten Wolf, Hans-Georg Witthohn (MCA) (vlnr.).
Foto: Ralf Julke
Heftige Kritik an diesem Konzept gab es von Krimi-Autor und Gästeführer Henner Kotte. Die ausgewählten finsteren Ecken Leipzigs, in denen der "Tatort" spielt, ärgern ihn dabei gar nicht so sehr. "Beim Tatort ärgere ich mich weniger über die ausgewählten Plätze als über die Darsteller und die Handlung."
Darauf gab's dann von Dirk Thärichen die Aufklärung über den Quotendruck, den sich die deutschen Sendeanstalten augenscheinlich selbst produzieren. Mit dem Ergebnis, dass in Leipzig Serien rundgeschliffen werden, damit sie auch in München, Bottrup und Buxtehude das Pantoffelkinopublikum bezaubern.
Sehr zum Ärger eines Mannes wie Henner Kotte, der "natürlich auch gern mal einen Tatort schreiben würde." Das war schon zu merken, als er sich nach dem recht abrupten Ende der "Tatort"-Staffel mit Peter Sodann den Kommissar Ehrlicher schnappte und ihn in einer gedruckten Krimi-Serie weitermachen ließ. "Der hatte noch Charisma", sagt Kotte. "Die Figuren jetzt sind mir zu wenig charismatisch."
Ein Blick nach Bayern oder selbst ins Saarland zeigen: Dort kommen Land und Leute in den "Tatort"-Folgen deutlich stärker zum Tragen. Auch vor charismatischen Aufklärern ganz in der Tradition von Schimansky scheuen dortige Redakteure und Sendeanstalten augenscheinlich nicht zurück. Thorsten Wolff, Kabarettist von Haus aus und Tierpfleger in der Zoo-Serie "Tierärztin Dr. Mertens", lässt zumindest anklingen, welche Ängste die Serienproduzenten bewegen. "Wir müssen ja so eine Art Hochsächsisch sprechen, damit das überhaupt durchgeht."
"Gewandhaussächsisch", wird er aus dem Publikum verbessert.
Plädoyer für charismatische Tatort-Kommussare: Autor Henner Kotte (links), MDR-Sprecher Dirk Thärichen und Moderator Helge-Heinz Heinker.
Foto: Ralf Julke
Eigentlich ein deutlicher Hinweis darauf, wie sich die seltsamen Umfragen zum Beliebtheitsgrad deutscher Dialekte, die in den letzten Jahren veröffentlicht wurden, in der Hauspolitik der Sender auswirkt. Am 17. Juni 2009 titelte etwa der "Spiegel" nach einer dieser Umfragen: "Sächsisch ist der unbeliebteste Dialekt". In der Pressemitteilung des Instituts für Deutsche Sprache, das die Umfrage veranlasst hatte, hieß der Titel noch "Deutsche lieben ihre Sprache" - und die Sache mit den Sachsen kam gar nicht drin vor.
In diese Richtung drehte erst die Nachrichtenagentur ap das Ganze - und alle, alle veröffentlichten den Mumpitz, der dabei herauskam: die FAZ, die Süddeutsche, der Spiegel und sogar die "Sächsische Zeitung". Der übliche Effekt, wenn Journalisten, die nicht rechnen können, die schreienden Meldungen von Nachrichtenagenturen einfach ohne Nachdenken übernehmen.
Nach wie vor unbeliebt sei und bleibe das Sächsische, verkündete ap, verkündeten alle Nachbeter. 30 Prozent der Befragten empfänden diese Mundart als unsymphatisch, ähnlich sei es mit Bayrisch. Achso? - Warum hört man da so viel Bayrisch in deutschen Sendern?
Dabei hatte in der Auswertung 2009 auch klipp und klar gestanden, dass sich nur die Hälfte der rund 1.900 Befragten zu den Dialekten Bayrisch und Sächsisch geäußert haben. Im Klartext: Nur 15 Prozent der Befragten haben sich abfällig über das Sächsische geäußert - beziehungsweise das Bayerische. 9 Prozent fanden übrigens alle Dialekte gleichermaßen schrecklich.
Nichts untermauert gar die Unterstellung, der sächsische Dialekt bleibe unbeliebt. Dass er mit negativen Konnotationen aus Zeiten der deutsch-deutschen Teilung besetzt ist - verursacht durch einen näselnden Parteichef und rücksichtslose Grenzbeamte - ist verständlich. Aber gerade das wäre ein Arbeitsfeld für einen Fernsehsender in Sachsen, gegenzusteuern. Tut er aber nicht.
Auch das ließ Thorsten Wolf anklingen, der sehr wohl Chancen für neue Spielfilme aus Sachsen mit Lokalkolorit und eindrucksvollen Darstellern sieht. Aber für das deutsche Fernsehen ist die Welt im Jahr 1991 stehengeblieben, als Wolfgang Stumph in "Go, Trabi, go" zeigte, wie man Ressentiments aufarbeiten kann. Zur Freude eines ganzen Landes. Und was erzählt Thorsten Wolf im Jahr 2010? - "Der Ost-Hauptdarsteller ist nunmal Herr Stumph. Wenn Herr Stumph nicht mitspielen will, passiert der Film nicht."
Da kann man sich dann zwar freuen, dass Leipzig praktisch jede Woche im Fernsehen auftaucht - in 48 Folgen "In aller Freundschaft" im Jahr, in elf jährlichen Folgen "Dr. Mertens" (Staffel 4 ist gerade abgedreht und kommt wohl 2011 zur Ausstrahlung), in vier Tatorten und etlichen Dokumentationen. Auch im Kino erscheint die Stadt - zumeist unter anderem Namen. Hier finden "location scouts", was sie an vielen Original-Schauplätzen in ganz Europa nicht mehr finden - ein Stück Berlin, ein Stück Paris, ein bisschen Russland. Dazu augenscheinlich preiswerte und gute Produktionsbedingungen. "Und schnelle Genehmigungen", wie Hans Georg Witthohn, Geschäftsführer der Media City Atelier GmbH, betont. "Wenn wir da nachlassen, sind wir weg vom Fenster."
Auch us-amerikanische Produzenten haben Leipzig mittlerweile für sich entdeckt. Immer öfter wird irgendwo im Stadtgebiet eine Straße abgesperrt und die Media City Atelier GmbH verwandelt sie mit entsprechender Staffage in ein Stück Warschau oder Wien. Einige Lokalitäten sind unter Regisseuren geradezu berühmt, weil sie als Unikat all das ersetzen, was andernorts von Krieg oder wild gewordenen Stadtplanern längst vernichtet wurde - der Leipziger Hauptbahnhof etwa, der schon für die alten Bahnhöfe von Berlin oder Paris Kulisse stand, die Konsumzentrale in Plagwitz, das stilvolle Ringcafé oder selbst das Parkkrankenhaus in Dösen.
Die Mitteldeutsche Medienförderung hält einen ganzen Katalog mit attraktiven Filmorten in den drei Bundesländern bereit - 75 davon allein in Leipzig. Die Regisseure können sich ihren Drehort einfach online aussuchen und die Scouts losschicken. - Das Fazit der Diskussionsrunde: Leipzig ist ein beliebter Filmstar - nicht weil die Stadt so auffällig wäre, sondern weil sie Drehorte bereit hält, die man anderswo längst vergeblich sucht. Die Leipziger leben mittendrin und müssen nur manchmal eine neue Umleitung fahren. Die Hoteliers profitieren davon. "Allein ein 'Tatort' bringt 900 Übernachtungen in die Stadt". rechnet Thärichen vor.
Was nichts daran ändert, dass Henner Kotte mit einigem Recht sagen kann: "Tatorte aus Leipzig bieten einfach keine Reibungsfläche. Das bleibt alles zu stromlinienförmig. Damit bleiben auch die Fälle zu stromlinienförmig."
Aber das sei normal, so Thärichen. Die Drehbücher werden eben in München, Hamburg oder Berlin geschrieben. Und nicht in Leipzig. Hier werden sie vom MDR nur abgenommen und umgesetzt. Und so gibt's die besten Leipzig-Krimis eben nicht im Fernsehen zu sehen, sondern im Buchladen zu kaufen.
Die Straße des 18. Oktober ist lang. Länger, als mancher denkt. Sie beginnt am Bayrischen Platz, führt schnurstracks zum Deutschen Platz und danach quer durchs alte Messegelände zum Völkerschlachtdenkmal. Eigentlich ist sie auch die Magistrale der Alten Messe, auch wenn sie derzeit nicht so aussieht. Aber sie soll wieder so aussehen. Stückweise ab 2013. mehr…
In „Voland & Quists Literatursalon“ im Horns Erben (Arndtstraße 33) tritt am Freitag, 10. Februar, ab 20 Uhr die Dresdner Lesebühne Sax Royal auf. Sax Royal sind der Kolumnist, Blogger und Moderator Michael Bittner, der Poetry-Slam-Bühnenheld Julius Fischer („Ich will wie meine Katze riechen“), der Lyriker und Prosaist Roman Israel, der Erzähler, Cartoonist und E-Orgel-Alleinunterhalter Max Rademann sowie Stefan Seyfarth. mehr…
„Anders wachsen – Eine sächsische christliche Initiative gegen die Ideologie des Wirtschaftswachstums“ lautet das Thema eines Vortrags- und Gesprächsabends am Freitag, 10. Februar. Die Veranstaltung im Pfarrhaus der Gnadenkirche Leipzig-Wahren, Rittergutsstraße 2, beginnt um 20 Uhr. mehr…
Die Selbsthilfegruppe für Kinderlose sucht neue Mitstreiter zum regelmäßigen Erfahrungsaustausch. Nächster Treff ist am kommenden Mittwoch, 8. Februar, um 19 Uhr im Soziokulturellen Zentrum „Die Villa“ (Beratungsraum 3. Etage, Lessingstraße 7), teilt das Gesundheitsamt mit. mehr…
Ganz unbekannt ist Anne Dorn als Lyrikerin nicht. Aber trotzdem feiert die 1925 in Wachau bei Dresden Geborene mit 86 eine Premiere: Erstmals erscheinen ihre Gedichte in einem eigenen Band - und das noch als Nummer 1 der Reihe "Neue Lyrik", die im Poetenladen erscheint. Ein Auftakt in Quittegelb. mehr…
Die Fördermittelvergabe durch den schwarz-gelb regierten Freistaat orientiere sich offenbar weniger an den tatsächlichen Problemlagen als an Parteipräferenzen, meint Ilse Lauter. Eine solche Einschätzung lege die jüngste Analyse der Dresdner Vergabepraxis für die Jahre 2007 bis 2010 nahe, nach der Leipzig insgesamt 600 Millionen Euro weniger Mittel erhalten hat als die Landeshauptstadt. mehr…
„Zum jetzigen Zeitpunkt sind Kürzungen bei der Förderung im Bereich erneuerbare Energien und energieeffizientes Bauen das völlig falsche Signal. Es fehlt ein schlüssiges Gesamtkonzept. Die Energiewende ist so nicht zu schaffen“, erklärt Reinhard Schröter, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer zu Leipzig, vor der Sitzung des Vermittlungsausschusses (8. Februar) zwischen Bund und Ländern zur steuerlichen Förderung der energetischen Gebäudesanierung. mehr…
Das Viertelfinale im europäischen Cupwinners Cup ist für die Handballerinnen des HC Leipzig zum Greifen nah. Im Achtelfinal-Hinspiel am Sonntag gab die Madsen-Sieben ihren mazedonischen Gästen von Metalurg Skopje einen 12-Tore-Rucksack mit auf die Heimreise. Ob der schwer genug ist, wird sich bereits am kommenden Sonntag herausstellen. mehr…
Die beiden sind eigentlich putzig. Mutti macht in Frankreich Wahlkampf und der Kleine kommt sicher auch mal vorbei, wenns 2013 losgeht. Obwohl man kaum glaubt, dass dies etwas nützen sollte. Und natürlich nur wenn er gegen den bösen Sozialisten die Wahl gewinnt. Heute saßen sie traut vereint vor der ZDF-Kamera und erklärten die Welt. mehr…
Martin Scorsese ist Cineasten bekannt für harte Stoffe. Seine Mafia-Trilogie hat längst Kultstatus. Zuletzt tischte er dem Publikum mit "Shutter Island" (2010) einen düsteren Psychothriller auf. Sein Kinderfilm-Debüt "Hugo Cabret" entpuppt sich dagegen als leicht verdauliche Kost höchster Güte. mehr…
Kettcar ist mit "Zwischen den Runden“ zurück. Und wie! Vor allem anders als erwartet. War ihre letzte Scheibe „Sylt“ eine wütende, eher weniger positive Bestandsaufnahme der Gegenwart, so dominieren jetzt die persönlichen, auch ruhigeren Töne. Auf einmal gewinnen die Texte enorm an Bedeutung. Für Radio Mephisto ist die CD schon jetzt das Album der Woche. mehr…
Armin Zarbock ist Schauspieler. Sonst oft in den Leipziger Cammerspielen zu sehen, verschlägt es ihn am 8. Februar ins Horns Erben. Zusammen mit Susanne Bolf und August Geyler erzählt er die Geschichte von Adolf Südknecht und Familie. Mal historisch verbürgt, mal halb wahr, mal völlig erfunden. Armin Zarbock erzählt mehr. mehr…
"Stellplatzbaupflicht - Fluch oder Segen?" heißt eine Veranstaltung im Tapetenwerk am 8. Februar. In der "K3 Werkstatt" im Haus K diskutieren Verkehrsexperten über den Sinn oder Unsinn von Parkplätzen. Die so genannte Stellplatzbaupflicht gehört dazu. Jürgen Kasek, Vorsitzender BUND Regionalgruppe Leipzig, gab der L-IZ im Interview einen Einblick rund um das Auto und seinen Stellraum. mehr…
Dietmar Pellmann rechnet gern. Eigentlich ist der Landtagsabgeordnete der Linken studierter Historiker. Aber mit Zahlen lässt sich Geschichte ganz hübsch illustrieren. Diesmal hat er den Finanzminister nach den sächsischen Staatspensionären gefragt. 4.519 gab es davon zum Stichtag 31. Dezember 2011. Dazu 816 Witwen und Waisen. mehr…
Während Bürgerinitiativen in Frankfurt, München, Berlin und Leipzig verzweifelt darum kämpfen, den Fluglärm über ihren Köpfen eingedämmt zu bekommen, hat die EU-Kommission gerade eine Verordnung auf den Weg gebracht, die Betriebsbeschränkungen an Flughäfen aufheben kann, wenn sie den Wettbewerb einschränken. mehr…