Online-Zeitung-Machen in Leipzig: Ein nachgereichtes Interview in voller Länge
Ralf Julke
27.06.2010
Online-Journalismus?
Foto: Ralf Julke
Gerade erst feierte die Leipziger Internet Zeitung ihren sechsten Geburtstag. Vor einem Jahr – zum fünften Jahrestag – nutzte das Leipziger Magazin "Kreuzer" den Geburtstag für ein Interview. "Kreuzer"-Redakteurin Pia Volk hat dazu mit L-IZ-Redakteur Ralf Julke Fragen und Antworten ausgetauscht - drucken konnte man nur die Hälfte.
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Das Interview:
In der Juni-Ausgabe war das Interview dann zu lesen. Aber wie das so ist: Es hat nicht alles auf die gedruckte Seite gepasst. Aber weil die Fragen so schön waren, gibt's hier das Ganze zu lesen. Auch als kleine Zwischenbilanz in einer nicht nur auf Leipzig begrenzten Debatte um Sinn und Zukunft des Online-Journalismus, die gerade wieder auf Bierbüchsen-Niveau deutschlandweit rumort.
Herr Julke, wieso haben Sie vor vier Jahren beschlossen, eine Internet-Zeitung zu machen? Ist Print tot?
Im Juni werden es sogar fünf Jahre. Und die Antwort lautet: natürlich nicht. Nur die Medienvielfalt und das journalistische Hinterland sind in den letzten Jahren irgendwie verschwunden. Und das schon in Zeiten, als es den Printmedien in diesem Land noch gut ging. Besonders gebeutelt hat das die regionale Berichterstattung. Im Grunde findet in weiten Teilen der Republik keine regionale Berichterstattung mehr statt. Und wo sie noch stattfindet, ist sie oft nur noch Alibi-Veranstaltung. Als Regionaljournalisten haben wir uns da gesagt: Auch Leipzig braucht mehr als nur eine Tageszeitung. Die Leserresonanz hat uns Recht gegeben.
Was genau ist die L-IZ? Wieviele Visits hat sie im Monat? Wie finden Sie Leser für die L-IZ? Wie gewinnen Sie die Aufmerksamkeit der Leser?
Ralf Julke.
Foto: Ines Bolle
Der Name sagt's eigentlich schon: Die L-IZ ist eine rein web-basierte Tageszeitung für Leipzig. Ohne Kaspertheater mit frisierten Agenturmeldungen, Promi-Geschwafel oder anderem Textmüll, der Aktualität vorgaukeln soll. Wir bringen Nachrichten und Geschichten aus Leipzig und Umgebung. Und versuchen einfach zu zeigen, was an regionaler Berichterstattung unabhängig von gut gefütterten Verlagshäusern möglich ist. Visits und Page Impressions kann zwar unsere Zählmaschine ausspucken. Aber das sind Zahlen, die am Ende nicht wirklich etwas über Bekanntheitsgrad und Leserinteresse aussagen. Deswegen arbeiten wir lieber mit "unique usern", also dem, was im Printbereich den Lesern entspricht. Und da lesen uns derzeit rund 50.000 Leute (Frühjahr 2010: 80.000. - Die Red.). Mit munter steigender Tendenz. Denn beworben haben wir das Angebot bislang noch nicht massiv. Es spricht sich einfach herum. Und bei den für Leipzig relevanten Themen spucken uns die Suchmaschinen mit Spitzenplatzierungen aus. So finden uns dann auch begeisterte Ex-Leipziger in London, Tel Aviv oder Canberra.
Warum braucht Leipzig noch eine Online Zeitung? Es gibt doch auch die LVZ online und andere? Wie setzen Sie sich von anderen ab? Oder ergänzt die L-IZ andere Angebote?
In einer Halbmillionenstadt wie Leipzig kann die Frage gar nicht lauten, ob da noch was gebraucht wird. Dieser Stadt fehlen definitiv noch ein, zwei echte Tageszeitungen. Einfach schon um die Vielfalt dieser Stadt abzubilden. Von Meinungsvielfalt ganz zu schweigen. Und mal ehrlich: Das Webangebot der LVZ war doch bislang nicht mehr als ein nettes Anhängsel für die gedruckte Zeitung. Da gehört nicht viel dazu, sich "abzusetzen". Aber natürlich werden wir unser Profil in nächster Zeit noch weiter schärfen. Ich glaube auch nicht, dass wir andere Angebote ergänzen müssen: Wir decken ein ganz konkretes Bedürfnis ab. Und unsere Leser bestätigen uns - ja, das ist der richtige Weg.
Sie machen eine Online-Zeitung: Wie verändern sich Inhalte wenn man sie Online aufbereitet im Vergleich zu Print?
Das ist ein weites Feld. Aber im Kern geht es auch um die Rückgewinnung alter Tugenden: Wieder journalistisch schreiben, ohne Bückling vor einer Chefredaktion, die "hammerharte Knaller" haben will, um die hinschmelzende Auflage zu retten. Keine hingerotzten Zoff-Geschichten mehr, sondern wieder fundiertere Berichterstattung. Auch mal als Serie zum Weiterklicken, als Dossier oder als etwas längerer Artikel, der auch mal die Hintergründe beleuchtet.
Das Schöne an Online-Journalismus ist ja auch, dass man Videos oder akustische Elemente einbetten könnte. Wieso verzichten Sie bei der L-IZ darauf?
Wir verzichten ja gar nicht darauf. Einiges kann man auch schon sehen bei uns. Doch das Schöne am Online-Journalismus ist in Wirklichkeit der Online-Journalismus. Video und Podcast sind Zugaben. Im Kern geht es um gute Geschichten, gut geschrieben und gut bebildert. Denn im Gegensatz zu bewegten Bildern und schönen Tönen ist der gut lesbare Journalismus das, was gefehlt hat. Und was online wieder möglich ist.
Internet schafft Raum für journalistisches Arbeiten.
Foto: Ralf Julke
Wieso kann ich in der LIZ die Artikel nicht kommentieren? Legen Sie keinen Wert auf user generated content?
Zu "user generated content": Genau so ist es. Es wird bei uns keine Volks-Reporter und Kamera-Hasen geben. Keine Foren, in denen sich Max Mütze austoben kann, keine Blog-Idylle mit immer den selben Büttenrednern und auch keine Foren, in denen wir rund um die Uhr Wache schieben müssen, weil sich dort Leute einbringen, deren Beiträge nicht nur gegen das Presserecht verstoßen. - Dieser ganze Web 2.0-Glaube, man könne auf fleißige und penible Journalisten verzichten, weil da draußen ein Haufen Wissensträger herumliefe, die das alles sowieso schon wüssten, ist ein moderner Aberglaube. Wer unsere Artikel kommentieren möchte, kann jederzeit - online - einen Leserbrief schreiben. Und davon bekommen wir auch immer mehr. Und veröffentlichen auch längst nicht alle. Denn auch von Lesern erwarten wir, dass sie sich, wenn sie sich zu Wort melden, kompetent und stilistisch ordentlich zu Wort melden. Ist der Brief gut, geht er auch online.
Online-Journalismus wird immer vorgeworfen, Häppchen-Journalismus zu sein. Wie gehen Sie mit dem Vorwurf um?
Warum sollte ich damit umgehen? Lesen Sie unsere Häppchen. Ein paar davon würden Sie ungekürzt in keinen "Kreuzer" kriegen.
Der Online-Journalismus hat damit zu kämpfen, als nicht seriös angesehen zu werden, weil die Laienkommunikation zunimmt. Wie pflegen Sie Ihre journalistische Marke?
Na so was? Und da wollten Sie mir gerade "user generated content" unterjubeln. Es gehört halt auch zur Pflege der Marke, dass man Laien nicht die Arbeit überlässt. Das können sich vielleicht große Konzerne leisten, die ihre Laienspieler dann, wenn's schief geht, an die frische Luft setzen. Aber das, was Zeitungen von Laienspielwiesen unterscheiden sollte, sollten schon Kompetenz, Erfahrung, Fleiß und Geduld sein. Und Sie können mir glauben: Aufmerksame Leser können sehr wohl unterscheiden, wo kompetent gearbeitet wird und wo nur die News Maker ihren Firlefanz produzieren.
Internet-Leser sind genauso anspruchsvoll wie Print-Leser.
Foto: Ralf Julke
Die Finanzkrise trifft die Print-Medien hart - macht sie sich auch bei Ihnen bemerkbar? Haben Sie mehr Leser (weil sie von Print zu Ihnen wandern) oder weniger Anzeigenkunden?
Die Print-Medien - und hier allen voran die Tageszeitungen - haben im Grunde dasselbe Problem wie die Autobranche: Sie versuchen ihren Kunden die veraltete Modellpalette mit ihren miesen Verbrauchs- und Abgaswerten als alternativloses Qualitätsprodukt unterzujubeln. Die Print-Medien, die tatsächlich auf Qualitätsjournalismus gesetzt haben, verzeichnen Zuwachsraten. Während etwa all die auf Rendite getrimmten Regionalblätter jetzt einfach ihre Leser verlieren. Sie haben alle geglaubt, sie kommen mit der Masche durch: Die Redaktion zusammensparen und den Rest mit eingekaufter Massenware aufblasen. Das will natürlich kein Mensch mehr teuer abonnieren. - Natürlich wachsen wir, weil wir genau das Gegenteil tun. Und weil das auch jeden Tag lesbar ist.
Eine Studie besagt, dass bei knapp der Hälfte der journalistischen Internetangebote ihre Erlöse nicht reichen, um die Kosten zu decken. Wie steuern Sie dem entgegen?
Mit täglicher schweißtreibender Arbeit. Das können Sie mir glauben. Mit täglicher Aktualität, mit Qualität - und mit einem Thema, das einfach nicht unaktuell oder langweilig werden kann: Leipzig und den Leipzigern. Unser eigentliches Problem ist das Unbehagen so kurz vorm Sandmännchen: Eigentlich gern noch zehn Geschichten machen zu wollen, weil sie schlichtweg auf dem Schreibtisch liegen. Aber irgendwie sind die Tage zu kurz und der Kaffee ist alle und ein paar Leute beschweren sich auch schon, dass sie mit Lesen nicht hinterherkommen.
Vielen Dank für die Beantwortung der Fragen. Herzliche Grüße.
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