Neue Sender-Intendantin: MDR soll Lebenswirklichkeit des Ostens widerspiegeln und Glaubwürdigkeit zurückgewinnen
Matthias Weidemann
03.11.2011
Prof. Dr. Karola Wille.
Foto: Matthias Weidemann
Mit dem Aberglauben ist das so eine Sache. Für den einen ist die 13 eine Glückszahl, für den anderen bringt sie Pech. Für die neue Intendantin des MDR, Karola Wille, bedeutet das 13. Stockwerk der Sendezentrale in der Kantstraße Visionen verbunden mit Aussichten auf die Zukunft.
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"Hier oben treffen wir uns immer, wenn wir Inspiration brauchen, wenn es um Zukünftiges und um Weitblick geht, deshalb haben wir Sie auch zum Pressegespräch hier her gebeten", sagt sie am Mittwoch, 2. November, zu ihrer ersten Presekonferenz im Sendezentrum in Leipzig.
Mit „wir“ meinte die Senderchefin ihren neuen Führungsstab, den sie am Tag zuvor berufen hatte. Und in diesen war mit Elke Lüdeke, der Direktorin des Landesfunkhauses in Sachsen-Anhalt - erstaunlicherweise - neben der Intendantin selbst nur eine Vertreterin des vermeintlich schwachen Geschlechts aufgerückt. Der Rest: Männerdomäne. Das merkte selbst die Intendantin an: „Sie sehen hier nur eine Frau, neben mir natürlich, aber so habe ich nun mal entschieden.“
Die neue Führungsmannschaft des MDR.
Foto: Matthias Weidemann
Weiter ging es zur Tagesordnung. Eine der ersten Amtshandlungen der MDR-Chefin war eine via Bildschirm in der Sendezentrale abgehaltene Mitarbeiterversammlung, auf der Karola Wille ihre neue Ausrichtung bekannt gegeben hatte. Das, so die Senderleiterin, sei von den rund 600 teilnehmenden MDR-Mitarbeitern durchweg positiv aufgenommen worden: „Außerdem haben wir gestern unser Trimediales-Newsdesk gestartet. Auch eine Ausrichtung auf die kommenden medialen Herausforderungen und die Zukunft des Senders.“
Für die nächsten zehn Jahre sehe sie, so Wille, drei Herausforderungen, aus denen sich fünf Handlungsfelder ergeben würden. Die erste Herausforderung sei es, den von Krisen geschüttelten Sender wieder in ruhiges Fahrwasser zu bringen sowie die Glaubwürdigkeit bei Zuschauern, Hörern und Mitarbeitern zurückzugewinnen. Bei der zweiten Herausforderung gehe es darum, den vor 20 Jahren gegründeten Sender jetzt auf Herz und Nieren zu überprüfen, weil der Wettbewerb im digitalen Zeitalter immer härter werde.
Neue MDR-Intendantin: Prof. Dr. Karola Wille.
Foto: Matthias Weidemann
„Und die dritte Herausforderung sehe ich darin, unser Programm zukunftsfähig zu machen. Wir brauchen publizistische Relevanz und müssen ein multimediales Haus werden,“ so die Intendantin weiter. Aus diesen Herausforderungen ergäben sich für sie fünf Handlungsfelder: „Die Unternehmenskultur muss sich ändern. Das betrifft sowohl die Führungsverantwortung als auch die Motivation der Mitarbeiter. Denn nur mit motivierten Mitarbeitern funktioniert ein Unternehmen. Wir müssen uns fragen und prüfen, warum unser System nicht gegriffen hat. Warum hat es nach einem Fall 'Mohren' im Jahr 2011 einen Fall 'Foht' gegeben? Darum wird sich unsere Prüfungskommission kümmern, auf deren Ergebnisse wir gespannt warten und entsprechend darauf reagieren werden.“
Wille betonte in diesem Zusammenhang weiter, dass der Grad der Akzeptanz in einem Unternehmen von der Führungskultur stark abhängig sei. „Dazu gehört auch, dass wir Verfehlungen konsequent ahnden, aber auch gleichzeitig den Teamgeist stärken und die Mitarbeiter zu mehr Eigenverantwortung motivieren,“ so die Intendantin. Der Sender brauche Überprüfungs- und Kontrollstrukturen die unter anderem einhergehend mit mehr Transparenz, sowohl nach innen als auch nach außen, errichtet werden sollen.
Senderzentrale des MDR in Leipzig.
Foto: Matthias Weidemann
Das zweite Handlungsfeld, so die MDR-Chefin, sei die moderne Medienwelt, die man für sich erobern müsse: „Der Kampf ums Wohnzimmer hat begonnen. Wir müssen uns auf eine Medienwelt einstellen, die an Wucht und Dynamik zugenommen hat und in der wir uns einer brutalen Konkurrenz stellen müssen. Dennoch haben wir als öffentlich-rechtliche Anstalt die Pflicht zur Information mündiger Bürger. Wir müssen die Menschen wirtschaftlich, kulturell und politisch interessieren und gesellschaftlich integrierend wirken sowie Werte vermitteln. Dazu gehört auch, dass wir ein scharfes öffentlich-rechtliches Profil mit hohem Wiedererkennungswert entwickeln. Der Gebührenzahler hat ein Recht auf Qualitätsprodukte.“
Dabei wolle man auch die bisher wenig erreichte Zielgruppe der 14- bis 29-jährigen ins Auge fassen. Dazu gehöre die Entwicklung eines digitalen Jugendfernsehens. Als drittes Handlungsfeld nannte Wille den Aufbau trimedialer Strukturen, also das Zusammenwachsen von TV, Hörfunk und Onlineproduktionen. Beim vierten Handlungsfeld handelt es sich wohl um das schwierigste: Die Finanzen.
Karola Wille: „Bisher hat der Sender sich da gut gehalten, doch die Zeiten haben sich geändert, so dass wir sicher an den Punkt kommen werden, wo wir unserer finanziellen Rücklagen aufbrauchen werden. In der mittelfristigen Planung ist vorgesehen, bis 2016 48 Millionen Euro einzusparen. Wir müssen genau abwägen, was wir behalten wollen und was wir uns leisten können.“ Als fünftes und letztes Handlungsfeld nannte die MDR-Intendantin den festen Verbund von MDR und ARD: „Diese beiden Anstalten gehören fest zusammen. Und innerhalb dieses Verbundes sehen wir es als unsere Aufgabe an, die Lebenswirklichkeit im Osten widerzuspiegeln, um so auch ein Stück weit zum Zusammenwachsen der Gesellschaft beizutragen.“
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