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Neue Leipziger Studie: Wie emotionale Bilder sich ins Gehirn drängen

Ralf Julke
Emotionen beeinflussen die Aufmerksamkeit.
Emotionen beeinflussen die Aufmerksamkeit.
Montage: L-IZ
Man kann ihnen nicht entkommen. Die Bilder sind überall. Es gibt kaum noch einen Raum in der menschlichen Umgebung, der nicht mit Bildern und Botschaften überschüttet wird. Und der Passant kann den Botschaften nicht entkommen. Er nimmt sie trotzdem wahr, auch wenn er sich ihrer gar nicht mehr bewusst wird. Das stellten jetzt Leipziger Wissenschaftler in einer Studie fest.

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Psychologen in diesem Fall. Aber in der Kommunikationswissenschaft werden zumindest ein paar klügere Zeitgenossen aufgemerkt haben. Ist das nicht genau das Thema, mit dem sie alle zu tun haben - die Journalisten genauso wie die PR-Fachleute? Geht es nicht überall um den Faktor Aufmerksamkeit? Um das Aufmerken von Passanten, Zuschauern, Lesern?

Und alle beschäftigen sie sich mit der Frage: Wie erzeugt man diese Aufmerksamkeit? Welche Themen, welche Bilder schlagen ein? Welche sorgen möglichst schnell für eine möglichst starke Präsenz - für den Artikel, das Foto, das Plakat? Ein Thema, das noch viel brisanter wird, wenn es - wie im Internet - scheinbar nur noch um Geschwindigkeit und Aufmerksamkeit geht.

Das nüchterne Fazit der Studie: Es funktioniert tatsächlich ganz simpel. Wer mit drastischen Bildern und Botschaften in den Raum der Aufmerksamkeit hineinsprengt, erreicht die Gehirne der Menschen.

Die Arbeitsgruppe von Psychologen um Prof. Dr. Matthias Müller vom Institut für Psychologie I der Universität Leipzig fand in ihren mehrjährigen Forschungen heraus, dass emotionale Bilder oder Ereignisse in unserer Umwelt vom Gehirn immer wahrgenommen werden – egal, was man zum entsprechenden Zeitpunkt gerade tut. Ihre Forschungsergebnisse wurden vor kurzem in der renommierten Fachzeitschrift "The Journal of Neuroscience" veröffentlicht.

Die Wissenschaftler konnten mit Hilfe von Gehirnstrommessungen (EEG) zeigen, dass selbst die sehr kurze Präsentation von emotionalen Bildern die Aufmerksamkeit von einer Aufgabe, die die Probanden im Experiment lösen mussten, ablenkt. Die Folge waren deutliche Leistungseinbrüche bei der Lösung dieser Aufgabe.

"Dieser Leistungseinbruch dauert bis zu einer Sekunde nach Darbietung eines emotionalen Stimulus, was unter gewissen Umständen - wie etwa beim Autofahren - eine gefährliche lange Zeit ist", sagt Prof. Müller. Wurden den Probanden neutrale Bilder gezeigt, sei dieser Effekt der Ablenkung nicht eingetreten.

Die Ergebnisse liefern eine Antwort auf eine seit Jahren in den Neurowissenschaften kontrovers diskutierte Frage, ob emotionale Stimuli in der Umwelt automatisch wahrgenommen werden oder dies nur unter ganz bestimmten Umständen der Fall ist.

Besonders spektakulär - so schätzt Müller ein - sei nun die neue Erkenntnis, dass die Ablenkung von der zu lösenden Aufgabe eigentlich erst dann erfolgt, wenn das emotionale Bild nicht mehr zu sehen ist. Dies konnte bisher so noch nie nachgewiesen werden. Daraus könne nun geschlossen werden, dass ein emotionaler Stimulus in unserer Umwelt dazu führt, dass das Gehirn die Aufmerksamkeit darauf lenkt.

Wer skandalisiert, drängt seine Botschaft in den Vordergrund.
Wer skandalisiert, drängt seine Botschaft in den Vordergrund.
Montage: L-IZ

Und abgelenkt wird. Was natürlich Folgen hat. Auch im Journalismus. Wenn emotional aufgebauschte Themen und Bilder mit solchen der nüchternen Analyse konkurrieren, wird Aufmerksamkeit auch umgeleitet. Manchmal bewusst und gewollt. Deswegen ist manche Werbung genau so, wie sie der Mensch wahrnimmt: aufdringlich, schrill und unter der Gürtellinie.

Die menschliche Aufmerksamkeit fixiert sich auch unbewusst auf das emotionale "Alarmsignal". Und anscheinend kann dann der einmal angestoßene Vorgang, den Inhalt des Bildes weiter zu analysieren, nicht mehr unterbrochen werden. Dies lenkt nach Angaben Müllers immer die Aufmerksamkeit des Betrachters auf dieses Bild. Dadurch kann er sich nicht mehr auf seine zu lösende Aufgabe konzentrieren. Die Folge sind Fehler und Leistungsverminderungen.

Ein durchaus interessanter Aspekt in einer Gesellschaft, in der viel und oft über Reizüberflutung und Informationsfluten diskutiert wird. Dabei kann der Mensch von seiner Anlage her nicht mehr Informationen wahrnehmen als Menschen im letzten oder vorletzten Jahrhundert. Doch die emotional "schreienden" Botschaften verdrängen alle Informationen, die über diese "Begleitmusik" nicht verfügen.

Diese Verschiebung von Aufmerksamkeitsressourcen hin zum emotionalen Stimulus und wieder zurück zur eigentlichen Aufgabe ist der Studie zufolge ein relativ langsamer Vorgang, der bis zu einer Sekunde nach Darbietung des emotionalen Bildes dauern kann. In der Praxis bedeute dies, dass ein Werbeplakat am Straßenrand mit einem emotionalen Bild wahrscheinlich dazu führt, dass die Aufmerksamkeit vom Verkehr hin zu dem Plakat verschoben wird.

Wie schreibt doch die Ströer / Deutsche Städte Medien über seine großen, hinterleuchteten Werbesäulen in Leipzig? - "Positioniert an stark frequentierten Standorten sorgen diese quer zum Verkehr stehenden Werbeträger für beste Reichweiten und Kontakte." 307 dieser "Mega-Lights" stehen in Leipzig an hochfrequentierten Kreuzungen. Dazu kommen noch Litfaßsäulen, City-Lights usw.

"Damit steigt das Risiko, genau in dieser Zeit entweder einen Fahrfehler zu machen oder nicht zu merken, wenn der Vordermann bremst", erklärt Prof. Müller in Bezug auf die Platzierung der Werbemittel dicht am Verkehr.

Emotionale Bilder werden in unserer Gesellschaft gezielt eingesetzt, um das Verhalten ihrer Betrachter in eine bestimmte Richtung zu lenken, so das Resümee der Forscher. Schockierende Bilder sollen beispielsweise Raucher zur Aufgabe ihres Lasters bewegen. Ein bekannter Bekleidungshersteller bekam vor ein paar Jahren mit seiner Werbekampagne mit angenehmen, aber auch schockierenden Bildern sehr viel Aufmerksamkeit und entfesselt eine Diskussion über Ethik in der Werbung.

Aber dasselbe Prinzip gilt eben auch für alle anderen Orte, an denen um Aufmerksamkeit gerungen wird. Davon zeugen auch alle Diskussionen um Sex und Gewalt im TV. Einem Phänomen, dem man moralisch nicht beikommen kann. Denn - siehe oben - der Mensch reagiert darauf emotional und oft auch unterbewusst. Oft verdrängen Sendungen mit diesem Inhalt schon in der Vorauswahl all das, was eher den analytischen Zuschauer anspricht, aus dem Fokus der Aufmerksamkeit. Da aber mittlerweile auch Angebote wie Talkshows, Nachrichten- und Reportagesendungen ihr Material immer mehr zur Sensation machen, wird der Kampf um die Aufmerksamkeit der Zuschauer nicht geringer - im Gegenteil: Das emotionalisierte Angebot verdrängt den nicht so aufgeregten Rest immer mehr.

Selbst Börsen- und Finanzmarktnachrichten werden "emotionalisiert". Die Bildauswahl unterstützt die alarmierende Botschaft.
Selbst Börsen- und Finanzmarktnachrichten werden "emotionalisiert". Die Bildauswahl unterstützt die alarmierende Botschaft.
Screenshot: L-IZ
Dasselbe Phänomen wird augenblicklich im Internet diskutiert. Dort nennt man es dann gern "Boulevardisierung". Denn das Setzen von Themen, die menschliche Ängste, Lüste oder auch das Sicherheitsempfinden der Betrachter direkt ansprechen, macht sich in "Klickzahlen" bemerkbar. Redaktionen filtern Nachrichten immer mehr auf den emotionalen Effekt hin. Und selbst Medien, die sich eigentlich eher mit seriöseren, analytischeren Themen beschäftigen, schrecken vor einer emotionalen Aufladung nicht zurück. Sei es in der Bild- oder der Wortwahl, sei es überhaupt in der Darstellung von Themen - wie gerade aktuell der Staatsschuldenkrise, den Börsenwetten oder selbst der simplen deutschen Politik.

Was ebenfalls wieder Folgen hat. Denn wer im politischen Talk- und Tagesgeschäft keine Emotionen mehr anrührt, gerät aus dem Fokus - nicht nur dem Fokus der Talk-Master, sondern auch aus dem des Publikums und letztendlich der Wähler.

Man braucht nicht zu suchen im Netz. Man stolpert selbst an den Stellen über diese Art, Nachrichten zu "machen“, wo man eigentlich nicht damit rechnen würde. Das Geschehen an der Börse wird für die "Financial Times Deutschland" (FTD) zur "Ruhe nach dem Sturm auf die Anleihen". In der Schuldenkrise zittert gleich ganz Europa "vor der Kernschmelze". Der "Ökostromwende droht (ein) Rückschlag". Um nur drei Geschichten vom Mittwoch, 16. November, zu nennen.

Und da längst auch die Nachrichtenagenturen, auf deren Material das Meiste basiert, was täglich durch die großen Medienportale geschleust wird, so arbeiten und Nachrichten, die sie in diesen Medien untergebracht sehen wollen, entsprechend emotionalisieren, entsteht ein nicht wirklich guter Effekt: Die große, hochemotionale Informationsmaschine sorgt immer stärker für eine Veränderung der Maßstäbe dessen, was die Bürger als wichtig, bedrohlich und akut wahrnehmen.

Mit Rückwirkungen auf all jene dauerpräsenten Politiker, die von einer Talk-Runde zur nächsten jetten und nicht über das reden, was tatsächlich wichtig ist, sondern was im aktuellen Nachrichtenzirkus als wichtig gilt. Sie werden immer mehr zu Getriebenen von medial ausgeschlachteten Emotionen - und verlieren die Souveränität, über den Tag des Rummels hinauszudenken und zu planen. Sie leben im medial inszenierten Kunstraum. Was auch ein Grund dafür ist, dass der Zuschauer und Leser immer verblüffter darüber sein kann, wie fern aller tatsächlichen Realität Politik mittlerweile zelebriert - oder besser: inszeniert - wird.

www.uni-leipzig.de/~psycho


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