Wikipedia würdigt einen großen Leipziger Lexikon-Macher: Zedler-Preis wird am 1. Juli vergeben
Ralf Julke
17.06.2012
Titelseite von Zedlers Lexikon.
Foto: Universitätsbibliothek Leipzig
Das ist doch was: Jeder Leser des Lexikons kann mitmachen und den besten Artikel des Jahres wählen. Dazu lud Wikipedia ein. Wikimedia Deutschland verleiht im Jahr 2012 zum ersten Mal den Zedler-Preis für Freies Wissen. Der Preis hat eine Vorgängerin: die von 2007 bis 2010 verliehene Zedler-Medaille. Und beim Namen Zedler sollten die Leipziger zumindest so etwas wie ein Aha-Erlebnis haben.
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Denn nicht nur die großen Lexikon-Macher Brockhaus und Meyer sind mit der Leipziger Buchgeschichte verbunden. Der erste große Lexikon-Macher in Leipzig war Johann Heinrich Zedler, geboren am 7. Januar 1706 in Breslau, gestorben am 21. März 1751 in Leipzig. Er versuchte in Leipzig das, was die Enzyklopädisten parallel in Paris taten: Das gesamte Wissen seiner Zeit in einem Nachschlagewerk zu sammeln. Es war nicht der erste Ansatz dazu. Sehr ausführlich schildert Frank Schulenburg in seinem Zedler-Artikel auf Wikipedia, wie der junge Buchhändler und Verleger 1731 in das Wagnis startete.
Dass Frank Schulenburg als Autor des Artikels benennbar ist, ist eher die Ausnahme. Der normale Wikipedia-Nutzer erfährt eigentlich nicht, wer den Artikel verfasste oder wer alles mit dran arbeitete. Denn viele Artikel sind natürlich Gemeinschaftsarbeiten, werden immer wieder diskutiert, erweitert, korrigiert. Denn vor Fehlern ist niemand gefeit. Und ein Lexikon ist ein Lebenswerk. Das erfuhren nicht nur die Enzyklopädisten in Paris. Das erfuhr auch Zedler, der - anders als die digitale Wikipedia - für seine über die Jahre produzierten Lexikon-Bände nicht nur Autoren finden und bezahlen musste, er musste sie auch drucken und vertreiben. Die Logistik, auf die später Leipziger Lexikon-Verlage wie Brockhaus und Meyer stolz waren, war im 21. Jahrhundert genau das Bleigewicht, das gedruckte Lexika nicht mehr konkurrenzfähig sein ließen. Vor allem im Vergleich mit dem Wikipedia-Projekt, an dem Tausende Autorinnen und Autoren unentgeltlich mitarbeiten. Hier geht es nicht um Konkurrenz, sondern um den Idealzustand des frei zugänglichen Wissens im Internet.
Titelseite von Zedlers Lexikon, 1. Band A - Am
Foto: Universitätsbibliothek Leipzig
Ein paar Fragen, mit denen sich Johann Heinrich Zedler noch herumschlagen musste, haben sich erübrigt. Andere sind bis heute aktuell. Bis hin zur Finanzierung so eines Projektes. Früh schon musste sich Zedler mit Plagiatsvorwürfen herumschlagen - die Schlacht ums Urheberrecht ist so neu nicht, wie heute mancher tut. Im Zedlerschen Leipzig galt das Lexikon durchaus als lukratives Produkt und es waren Leipziger Standesgenossen, die alle Hebel in Bewegung setzten, Zedler das Geschäft unmöglich zu machen. Er musste sogar ins benachbarte Preußen ausweichen, um sein Universal-Lexikon weiter drucken zu können.
Das Wort Universal-Lexikon stammt von ihm. Auch das sei angemerkt. Zedler sollte nie die Wonne des Verlegers erleben, der sein Produkt in aller Ruhe entwickeln und verkaufen konnte. Aus den finanziellen Kalamitäten kam er eigentlich nie hinaus, versuchte sogar seine Lagerbestände zu Niedrigpreisen loszuschlagen, veranstaltete gar eine Bücherlotterie. Den finanziellen Zusammenbruch 1738 konnte er trotzdem nicht verhindern.
Wer also immer nur die schönen Seiten der Buchstadt Leipzig sehen will, sieht hier einmal die finsteren. Büchermachen ist zwar ein schönes Gewerbe - aber es unterliegt den selben Marktregeln wie die Produktion von Perücken, Automobilen oder Fußballtröten. Es gibt Konkurrenz - und die sitzt oft genug gleich nebenan. Man muss das Publikum zum Kaufen animieren, den Vertrieb auf die Reihe bekommen, hat Herstellungskosten zu refinanzieren. Und irgendeiner fängt immer an, auch mit Billigangeboten und Ramschware den Markt zu überrollen.
Derlei Lieder können auch alle heutigen Leipziger Verleger singen.
Titelseite von Zedlers Lexikon, 1. Band A - Am
Foto: Universitätsbibliothek Leipzig
Zedler selbst hat wohl seine letzten Lebensjahre auf seinem Gut in Wolfshain nahe Leipzig verbracht. Gewohnt hatte er in der Großen Fleischergasse.
Noch heute gilt das Zedlersche Universal-Lexikon, das zwischen 1732 und 1754 erschien, als das "umfangreichste enzyklopädische Projekt im Europa des 18. Jahrhunderts. In 64 Bänden und weiteren vier Supplementbänden sind rund 284.000 alphabetisch geordnete Einträge verzeichnet. Die einzelnen Artikel sind durch rund 276.000 Verweise miteinander verknüpft", kann man im Wikipedia-Artikel zum Lexikon lesen. Womit die Verwandtschaft wieder betont wird. Auch Wikipedia-Artikel sind durch heute Link genannte Querverweise miteinander verknüpft.
Und Frank Schulenburg ist deshalb als Zedler-Artikel-Verfasser bekannt, weil er in der Jury zum Zedler-Preis sitzt. Die Jury hat jene Wikipedia-Artikel ausgewählt, unter denen die Gewinner des Preises in den drei Kategorien "Wikipedia-Artikel des Jahres", "Community-Projekt des Jahres" und "Externes Wissensprojekt des Jahres" gekürt werden. Vorschlagen durften die Artikel und Projekte die Wikipedia-Nutzer selbst.
Zu den externen Wissensprojekten gehören zum Beispiel VroniPlag und Open StreeetMap. Unter den Wikipedia-Artikeln des Jahres findet sich der Beitrag zur NSU, der zur Nuklearkatastrophe in Fukushima, aber auch der zur Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach.
Ein nicht ganz unbekannter Leipziger sitzt in der Jury: Ulrich Johannes Schneider, Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig. Wikipedia: "Seine Arbeitsschwerpunkte sind Wissensgeschichte und französische Philosophie. Er moderiert den Leipziger Wissenschaftstalk Thomasius-Club und ist auch sonst unterwegs, wissenschaftliche Themen vor einem breiteren Publikum zu diskutieren. Schneider: 'Ich weiß, dass es nicht leicht ist, über komplexe Themen verständlich zu schreiben, und bewundere alle, die es versuchen.'"
Die Bekanntgabe und Auszeichnung der Preisträger erfolgt öffentlich - am Sonntag, 1. Juli, 14 Uhr "lädt Wikimedia Deutschland alle Freundinnen und Freunde Freien Wissens zur Zedler-Preisverleihung in den 'Supermarkt' (Brunnenstraße 64, Berlin-Mitte) ein, um gemeinsam die Gewinner zu bestaunen und zu feiern. Begleitet von einem festlichen Rahmenprogramm, durch das Pavel Richter (Vorstand von Wikimedia Deutschland) führen wird, werden die drei Haupt- sowie zwei Sonderpreise verliehen."
Am selben Wochenende veranstaltet Wikimedia Deutschland in Berlin auch die Wikipedia Academy.
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