Media-Analyse fürs sächsische Radio: Wer wird bei der Befragung am Telefon überhaupt noch erreicht?
Ralf Julke
19.07.2012
Digitales Radio.
Foto: Ralf Julke
Nicht mal einen Hauch von einem Zweifel ließ die Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse e.V. durchblicken, als sie am 10. Juli die neuen Zahlen zur Radio-Reichweite in Deutschland bekannt gab. Das tut sie alle halbe Jahre. Und die Zahlen verblüffen jedes Mal. Danach würden wochentags jeden Tag rund 59 Millionen Deutsche 199 Minuten Radio hören.
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80,2 Prozent oder vier von fünf Deutschen würden nach diesen Zahlen Tag für Tag ihr Radio einschalten. Bei den Unter-30-Jährigen wären es auch noch 72,1 Prozent. Den ganzen Zahlensalat kann man auf der Website der AGMA nachlesen. 64.337 Interviews wurden dafür geführt. Telefon-Interviews nach dem CATI-System. Das seine Einschränkungen hat, die schlicht damit zu tun haben, wer in den frühen Abendstunden daheim an seinem Festnetztelefon erreichbar ist.
Die Zahlen gibt es auch nach Bundesland und Sender ausgewertet. Es wurden auch 3.123 Sachsen angerufen. Und da wird es dann schon spezieller in der Auswertung. Denn Radio ist nicht gleich Radio. Die meisten Radiohörer interessieren sich für Radiosender nicht, die ihr Programm mit Werbung unterbrechen. Denn während die AGMA eine Tagesreichweite fürs Radio von 58,83 Millionen Hörern hochrechnet, bleiben für die Werbefunker deutschlandweit nur 20,295 Millionen Hörer übrig. Das ist das, was für die Werbewirtschaft interessant ist. Wer will, kann die Zahl auf die von der AGMA genutzte Basis von 73,2 Millionen potenziellen Hörern ab 10 Jahre hochrechnen. Da kommt er dann nicht mehr auf 80,2, sondern nur noch auf knapp 28 Prozent.
Man sollte beide Zahlen trotzdem mit Samthandschuhen anfassen. Gerade in Sachsen bekommen so die Werbefunker noch erstaunlich hohe Zahlen. Auf 3,818 Millionen potenzielle Hörer über 10 Jahren kämen danach immer noch 1,045 Millionen tatsächliche Hörer, die die Angebote der sieben aufgelisteten Werbefunker hören.
3.123 Sachsen wurden zwischen Januar und April per Telefon befragt. Oder genauer: Die am Telefon erreichbar waren. Die deutsche Befragerzunft glaubt ans Telefon und glaubt mit aller Verbissenheit daran, dass man über den Apparat auch nur ansatzweise aussagekräftige Ergebnisse bekommt. Man ruft eben so lange an, bis man den gewünschten Grundpool der Bevölkerung erreicht hat.
Die Zahlen der Telefonverweigerer aber werden gar nicht erst angegeben. An den Hochschulen der Republik wird sich - wenn es um Methoden der statistisch korrekten Befragung geht - heftig gestritten. Selbst im Unterschied zu Online- oder Face-to-Face-Befragungen ist die Verweigerungsquote beim Telefon am höchsten. Und die Frage ist durchaus berechtigt: Wer gibt überhaupt noch am Telefon über seinen Medienkonsum Auskunft?
"Für die Zukunft gilt es, die hervorragenden Voraussetzungen zu nutzen und Sachsen als einen bundesweit wirksamen, innovativen Radiostandort zu etablieren", soll Dr. Uwe Grüning, Präsident des Medienrates der SLM, in Bezug auf das "attraktive und vielfältige Angebot in der privaten sächsischen Hörfunklandschaft" laut "Radiowoche" gesagt haben.
Digitales Radio.
Foto: Ralf Julke
Aber 1 Million Sachsen, die sich täglich das Gedudel von MDR Jump bis Radio PSR antun? - Das kann nicht stimmen. Jedenfalls nicht in Bezug auf die rund 200 Minuten Hördauer täglich, die die AGMA ausweist. Die Zeit ist ja gleich neben der "Tagesreichweite" ausgewiesen. Aber die "Tagesreichweite" sagt nur, wieviele Leute täglich mindestens 15 Minuten Radio hören. Zum Beispiel im Auto auf dem Weg zur Arbeit.
Die Qualität der Sender wurde übrigens nicht abgefragt. Auch nicht die Art der gehörten Sendungen. Der Rest ist Wünschelruten-Raten. Was dann übrigens auch die halbjährlichen Schwankungen bei den Hörerzahlen ergibt. Bei MDR 1 Radio Sachsen zum Beispiel scheint die Hörerzahl seit der letzten Media-Analyse von 385.000 auf 333.000 gefallen zu sein. Eine Katastrophe?
Eher nicht. Denn hinter den 333.000 hochgerechneten Hörern im Frühjahr 2012 stehen tatsächlich nur 260 Leute, die den Sender am Telefon genannt haben. Radio PSR scheint mit einem Abfall von 181.000 Hörern auf 132.000 geradezu ein katastrophales halbes Jahr hingelegt zu haben. Der Unterschied aber sind 141 Personen zu 96 Personen, denen am Befragungstag der Name "Radio PSR" einfiel. Ähnlich gingen irgendwie auch auch Hitradio RTL Sachsen Hörer verloren: Hier sank die ermittelte Zahl von 172.000 auf 127.000.
Alles natürlich Zahlen, die realistisch in so kurzen Zeiträumen nicht begründbar sind. Statistisch wohl eher. Sie stellen für die Genauigkeit der für die Media-Analyse verwendeten Methode ein Armutszeugnis aus. Die befragte Personengruppe scheint nicht einmal mehr ansatzweise repräsentativ - auch wenn alle demografischen Daten zu stimmen scheinen.
Die Befrager erreichen den Großteil der Bevölkerung nicht mehr. Und die Gruppe, die sich für ihre Befragungen am Telefon zur Verfügung stellt, wird immer kleiner. Das dann als belastbare Reichweite an die Öffentlichkeit zu verkaufen, ist zumindest die Darstellung eines Zustandes, der mit der Wirklichkeit nur noch wenig Ähnlichkeiten hat.
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