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Nächstes "Hundert" zum Jubiläum der Deutschen Nationalbibliothek: Denken als kollektives Sammelgut

Ralf Julke
Hundert Nr. 3: Denkraum.
Hundert Nr. 3: Denkraum.
Foto: Ralf Julke
Es ist ein stilles Geburtstagskind da am Deutschen Platz. 100 Jahre alt ist die Deutsche Bücherei, die seit einiger Zeit Deutsche Nationalbibliothek heißt. Und wer es noch nicht wusste, erfährt im neuen, dem dritten Jubiläumsheft, dass die Bibliothek schon 160 Jahre hätte alt sein können. Hätte ein berühmter Märchenerzähler nicht 1843 festgestellt, dass man so etwas in Deutschland nicht braucht. Jacob Grimm heißt der Bursche.

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Die kleine Geschichte wird auf Seite 7 des Jubiläumsmagazin "Hundert" Nr. 3 erzählt. Es ist nur ein Teil der Geschichte. Denn natürlich hatte der damals 58-jährige Professor und seit 1841 Insasse der Preußischen Akademie der Wissenschaften recht - wenn eine Nationalbibliothek alle veröffentlichten Druckwerke sammelt, dann wird auch alles "Mittelmäßige und Schlechte" gesammelt. Aber ein kleiner Grund für die Ablehnung in Preußen, wohin Grimm ja als einer der "Göttinger Sieben" 1837 geflüchtet war, ist natürlich auch die Herkunft des Vorschlags: Sie kam vom Kasseler Bibliothekar Karl Bernhardi. Das lag damals in Kurhessen. Und die Gründung einer Nationalbibliothek für ganz Deutschland scheiterte immer wieder daran, dass jedes kleine Fürstentum seine eigene Politik verfolgte. Bernhardis Idee war natürlich eine, die die deutsche Einheit mit einem starken Symbol versehen wollte. Das war in Preußen damals nicht opportun.

Es war kein Zufall, dass sich Jacob Grimm und Karl Bernhardi 1848 beide in der Deutschen Nationalversammlung trafen.

Man kann Anekdoten aus der Geschichte auch so knapp erzählen, dass sie nicht mehr stimmen. Die Preußische Akademie der Wissenschaften folgte natürlich dem ablehnenden Votum Grimms. So brauchte sie den preußischen König, der für so ein Projekt ganz und gar nichts übrig hatte, auch nicht vor den Kopf zu stoßen. Nur eben trifft gerade in der Politik eines niemals zu: Dass simple Begründungen eine Entscheidung ausmachen.

Aber gerade das ist ja das Faszinierende an der Geschichte.

Hundert Nr. 3: Denkraum.
Hundert Nr. 3: Denkraum.
Foto: Ralf Julke

Wer dann die ganze Komplexität solcher Vorgänge erfassen will, der ist froh, dass es seit hundert Jahren so eine Einrichtung wie die Nationalbibliothek gibt. "Forschungsstelle bis Wissensspeicher" ist das dritte Heft untertitelt. Oben drüber steht "Denkraum". Wer liest, denkt komplexer. Und will das auch. Das steckte früher auch mal in dem Schlagwort "Land der Dichter und Denker". Die Burschen mit den Rauschebärten und Denkerstirnen fallen auf. Ganz gewiss. Aber sie waren nie die Mehrheit. Und gelesen hat sie von denen, die so gern vom Dichten und Denken reden, in der Regel niemand.

Was ist das dann aber für eine Hitliste, die die DNB zusammenbekommt, wenn sie einmal die im Katalog aufgelisteten Titel von und über die berühmtesten Autoren auflistet? Eine Hitliste? Wessen Hitliste? - Hier taucht (zu finden auf Seite 32/33) auch Jacob Grimm wieder auf als zweithäufigst gelisteter Autor. Ohne seinen Bruder Wilhelm. Nur Goethe überragt ihn mit 9.952 Listungen. Der Autor des Beitrags erklärt zwar nicht, was alles zu Goethe in den Registern steht. Aber da die DNB deutschsprachige Ersterscheinungen sammelt, sind das wohl zuallererst Arbeiten über Goethe – Doktorarbeiten zum Beispiel, all das trockene analytische Zeug, mit dem sich deutsche Philologen beschäftigen, wenn sie unverfänglich sein wollen und ihre Prüfer nicht verärgern wollen. Goethe ist unverfänglich. Und war es in jeder Gesellschaftsordnung bislang. Ähnlich wie der Sprachforscher Jacob Grimm (6.191 Listungen) oder Hermann Hesse auf Rang 4 (4.175). Vor ihm platziert ist noch Karl Marx - der zwar nicht unverfänglich ist, aber der in DDR-Zeiten jede Menge Stoff hergab für alle möglichen Leute, die sich an seiner Lehre austoben wollten, um Mainelken zu sammeln. 4.389 Listungen. Hinter Hesse kommen auch noch lauter Männer, stellt der Artikelautor fest - die üblichen Verdächtigen: Nietzsche, Thomas Mann, Schiller, Luther, Friedrich Engels und Kant.

Die erste Frau kommt erst weit, weit zurück - knapp vor Günther Grass (1.357). Es ist Hedwig Courths-Mahler (1.385).

Hundert Nr. 3: Denkraum.
Hundert Nr. 3: Denkraum.
Foto: Ralf Julke
Was heißt das nun? Ist Denken in Deutschland männlich? Oder zeigt die Listung nur, wie männerfixiert vor allem das philologische Schrifttum in Deutschland ist? Denn hier werden die meisten Papierwerke erstellt, die dann - zumeist fortan ungelesen - in der DNB landen. Wen hätte man in einem nicht so verstaubten Denker-Land als Frau viel, viel weiter vorn erwartet? - Alice Miller vielleicht, Hannah Arendt, Bettina von Arnim, Christa Wolf, Rosa Luxemburg ... Aber Register richten sich ja nicht nach dem, was denkbar wäre, sondern nach dem, was ist. Und das Bild ist deutlich. Wo Männer die Professorenstellen dominieren, dominieren Männer auch die Register.

Oder die "Giftschränke" oder "Gifttürme". Erich Loest hat den fast kafkaesken Aufstieg zur abgesperrten Literatur in der alten DB geschildert. Vor ihm wollte schon ein anderer großer Neugieriger diese Absperrkammer der unerwünschten Schriften sehen - die Reportage von Egon Erwin Kisch ist ein Klassiker. Die Abteilung der nicht frei zugänglichen Schriften gibt es bis heute, auch wenn all die in DDR-Zeiten inkriminierten Schriften mit der Vereinigung wieder befreit wurden. Ein kleiner dreieckiger Stempel erinnert noch an ihr Fortgeschlossensein.

Aber der Artikel von Nils Kahlefeldt ist folgerichtig: Zum Denken gehören auch die jeweiligen Denkverbote der Mächtigen. Das ist nicht nur in Orwells "1984" Thema oder in Bradburys "Fahrenheit 451". Wer liest und zu lesen weiß, gefährdet immer die betonierten Denkgebäude der Macht.

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Anna Spitzner schildert zwar in ihrer Kurzgeschichte "Lektüre mit Nebenwirkungen", dass Literatur auch einlullen kann. Aber es ist eine Kurzgeschichte mit Denkfehler. Man kann gute Literatur nicht mit der Spritze injizieren, auch wenn manche Bücher besoffen machen und den Leser völlig in ihren Bann ziehen. Lesen ist kein konsumierender Akt, egal, wie schlecht die Lektüre ist, sie ist immer ein Dialog. Es entsteht bei jedem Lesen mehr als nur das, was der Autor sich als Geschichte ausdachte.

Zum Denkraum gehört natürlich auch der Bibliotheksbau selbst. In diesem Heft kommen deshalb auch Gabriele Glöckler und Hans-Dieter Kaiser zu Wort. Die eine entwarf den neuesten Erweiterungsbau der Leipziger Dependance, der andere den 1997 bezogenen Neubau in Frankfurt. Die Frankfurter werden selber wissen, ob ihnen Kaisers Bau gefällt. Die von Glöckler entworfene Buchhülle jedenfalls beeindruckt - und macht auch deutlich, wie sehr sich Raum und Inhalt ergänzen können.

Wie's drinnen aussieht, wissen die Nutzer. Sie wissen auch, dass die Millionen Bücher und Medien eine Ordnung brauchen. Ordnung verheißt auch schnellen Zugriff. Leichtes Finden in einer Überfülle. Anke te Heesen beschäftigt sich in einem Essay mit dieser eindrucksvollen Verheißung, die gerade Sucher und Denker fasziniert: "Übersicht trotz Fülle".

www.dnb.de


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