Leipzig anno 1809: Junge Geographen bauen die alte Universität im Computer nach
Ralf Julke
25.09.2009
Leipzig um 1800: Grimmaische Straße mit Blick zum (Alten) Rathaus.
Foto: Geogr. Institut/Uni Leipzig
Am 15. Oktober können die Leipziger des Jahres 2009 ihre Stadt erstmals sehen, wie sie sie noch nie gesehen haben. Unter anderem, weil sie am 21. Juni des Jahres 1809 höchstwahrscheinlich nicht durchs Grimmaische Tor spaziert sind.
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Dann laden die Geographen der Universität nämlich in die Universitätsbibliothek ein und stellen ihr ganz besonderes Geburtstagsgeschenk zum 600-jährigen vor: Das Leipziger Universitätsviertel, so um das Jahr 1800 herum, am Computer nachgebaut in 3D. "Die Zeiten der Zeichen" heißt der Vortrag, die das Ergebnis von über sieben Monat echter Fleißarbeit vorstellt. Denn natürlich spuckt keine Rechenmaschine das Leipzig von vor 200 Jahren einfach so auf Knopfdruck aus.
Aber wie das so ist: Am Anfang steht immer ein einfacher Gedanke. Das war der mit Geburtstagsgeschenk. Aber da gehen auch angehende Wissenschaftler nicht einfach los und kaufen eine Flasche Sekt, sondern da setzen sich die Professorinnen hin und formulieren eine kleine Denkaufgabe. Möglichst eine, die zu einer echten Seminaraufgabe taugt und auch noch neue Instrumente nutzt – etwa die Möglichkeiten der CAD-Programme, mit denen auch Geographen immer öfter arbeiten. Noch nicht ganz so komfortabel wie Architekten. Aber Computerprogramme, die bildhaft zeigen, was etwa neue Bebauungspläne im Stadtbild anrichten, gehören schon dazu – spätestens, wenn man mit Stadtplanern zu tun hat.
„Da lag es nahe, die CAD-Technik dafür zu nutzen", erzählt Frank Meyer, der in eigenen Kursen die Computermöglichkeiten an neue Studentengenerationen vermittelt. Gemeinsam mit Johann Simowitsch hat er das Seminar betreut, in dem es Anfangs darum ging zu ermitteln, welchen historischen Abschnitt der Stadtentwicklung man abbilden wollte. Interessant waren mehrere. Aber nur wenige sind auch mit Bildern und Karten so gut dokumentiert wie das frühe 19. Jahrhundert. Es gibt das geniale Stadtmodell im Alten Rathaus und es gibt eine kleinteilige Stadtkarte aus dem Jahr 1799. Und es gibt Stiche, Zeichnungen, Bilder aller Art. Also einigte man sich auf die Zeit um 1800, kniete sich in das Beherrschen der Software.
Vier von 15: Johannes Marstaller, Frank Meyer, Anett Mickel und Johann Simowitsch.
Foto: Ralf Julke
Fast genau vor einem Jahr, am 1. Oktober 2008 ging es los. Der Andrang der Studenten war groß. 13 waren durften mitmachen. Und am Anfang stand gar nicht die Puzzelei am Computer, sondern Quellenforschung in den Archiven, im Uni-Archiv genauso wie in der Objektdatenbank des Stadtgeschichtlichen Museums.
Klar war nur eines: "Uns hat interessiert, wie es der Universität über die Jahrhunderte gelang, ihre Gebäude zu erhalten", erklärt Prof. Helga Schmidt. Immerhin ist Leipzig mit seiner Uni in der City deutschlandweit ein Sonderfall. Spannend also für Geographen, die alte Uni-Gebäude zu konstruieren – und in ihren stadträumlichen Bezug zu stellen.
Ergebnis: "Wir haben mehr als die halbe Stadt nachgebaut", konstatiert Frank Meyer. Denn die Einzelgebäude der Universität nachzubauen hätte lauter Einzelstücke ergeben – ohne den Zusammenhang. "Also haben wir auch das Umfeld mit einbezogen und so einen Gesamteindruck hergestellt", so Meyer.
Am PC neu erbaut: Das Grimmaische Tor um 1800.
Foto: Geogr. Institut/Uni Leipzig
Also musste auch zu angrenzenden Gebäuden geforscht werden. "Die Quellen mussten bewertet werden", so Dr. Gudrun Mayer, die sich in den zwei Semestern immer wieder nur wunderte, mit welchem Fleiß die Studenten ans Werk gingen und das, was sie in den Archiven fanden, am PC akribisch in Häuser, Kirchen und Straßen verwandelten. Und schon dabei was lernten: der Augustusplatz hieß nicht so, und gepflastert war er auch nicht.
Und drinnen in der Stadt die Straßen? "Da schweigen auch die Archive", erzählt Johann Simowitsch. "Einige waren gepflastert. Das steht fest. Über den Zustand anderer Straßen wissen wir über die häufigen Beschwerden."
Rund 150 Gebäude entstanden in – geschätzten – 1.000 PC-Stunden. Da blieben die angehenden Geographen oft bis in die Morgenstunden im Institut. "Es wurde ständig kommuniziert", erzählt Meyer. "Ständig gab es Abstimmungsbedarf." Denn was die Chronisten nicht aufgeschrieben haben – die Studenten mussten es am PC nachempfinden. Möglichst so, dass es zur Zeit passte – und zum Straßenbild.
Die Ritterstraße Höhe Nikolaikirchhof - rechts die Nikolaikirche.
Foto: Geogr. Institut/Uni Leipzig
Dr. Gudrun Mayer gab den Leipzig-Erbauern noch eine Extra-Aufgabe mit: Sie sollten sich mit dem Alltag der Studenten und Professoren um 1800 beschäftigen. "Um sich besser einzufühlen und über die Nutzung der Häuser auch etwas über ihre Gestalt zu lernen."
Das nennt sich dann Kulturgeographie. Eine Denk-Aufgabe bei der der Arbeitsspeicher selbst der etwas leistungsstärkeren Computer im Institut an seine Grenze kam. "Das ganze Modell auf einmal darzustellen, ist mit unserer Technik nicht mehr möglich", schildert Johann Simowitsch das Dilemma. Man kann nur immer einen Teil der Sequenzen aufrufen. Auch wenn die Studenten praktisch das komplette Grimmische Viertel mit Rotem Kolleg, Ritter- und Nikolaistraße samt Nikolaikirche nachgebaut haben, das Gelände des einstigen Dominikanerklosters mit Paulinerkirche und Paulinum sowieso. Und natürlich die "Hauptstraße" des Leipziger "quartier latin": die Grimmaische – samt Grimmaischen Tor – bis zum Alten Rathaus.
Damit das Ganze überhaupt nacherlebbar wird, haben sie die Sequenzen in einem 5 1/2 Miuten Film verarbeitet, der am 15. Oktober auch zu sehen sein wird.
Die Grimmaische Straße - Blick zum Grimmaischen Tor.
Foto: Geogr. Institut/Uni Leipzig
Der Vortrag ist auch der vorläufige Abschluss des Projektes. "Denn im neuen Studiensystem können wir so etwas überhaupt nicht mehr anbieten", sagt Dr. Gudrun Mayer. "Dafür gibt's überhaupt keine Spielräume."
Sie wünscht sich trotzdem, dass eine Fortsetzung möglich wird – mit Unterstützung der Universität. Oder anderen Partnern. Das Stadtgeschichtliche Museum will den 3D-Film vom Leipzig um 1800 unbedingt in seine Dauerausstellung einbeziehen. So plastisch hat noch kein Heutiger dieses Leipzig gesehen – auch nicht die Straßen und Höfe und Plätze um das und im Universitäts-Gelände. Auch eine stärkere Computeranlage wäre notwendig.
Und vielleicht ein potenter Auftraggeber, der auch noch die andere Hälfte von Leipzig anno 1809 in Auftrag gibt, erlebt an einem sonnigen Junitag, so gegen 13:30 Uhr.
Die Zeiten der Zeichen. Geographen erschaffen die Universität Leipzig um 1800 virtuell neu", Vortrag am 15. Oktober, 18 Uhr im Vortragsraum der Universitätsbibliothek “Albertina“, Beethovenstraße 6.
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