Lichtblick in Knauthain: Schösser Müllers Haus ist baulich gesichert
Ralf Julke
20.09.2009

Müller-Haus in Knauthain.
Das Haus hat Geschichte geschrieben, Leipzig-Geschichte zumindest: die Ritter-Pflugk-Straße 20 in Knauthain, lange vom Abriss bedroht, und dabei – neben dem Schloss – im Grunde das historischste Gebäude am Ort. Hier wurde am 15. September 1728 ein Knabe namens Carl Wilhelm geboren.
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Mit Nachnamen Müller. Das sagt noch nicht viel. Und Heutigen sagt auch nicht viel, wenn als Erklärung beigefügt wird: Sohn des Knauthainer Schösser Johann Wilhelm Müller.
Schösser aber waren was im 18. Jahrhundert, denn Schoss war die übliche Kopfsteuer. Und Müller war damit amtlich bestellter Steuereintreiber. Sein Haus – das nach heutigen Maßstäben klein wirkt, war es nach damaligen nicht. Und sein Sohn machte auch keine Dorfkarriere, sondern eine für Söhne aus sächsischen Beamtenfamilien sehr typische: Er besuchte die Landesschule Pforta und studierte ab 1746 in Leipzig. Jura natürlich. Zum ersten Mal hervor trat er 1754 als Mitgründer einer Journalistischen Gesellschaft. Man sieht: Die Sorge der Leipziger Bürger um guten Journalismus ist heuer schon 255 Jahre alt.

Hier wurde C. W. Müller 1728 geboren: Ritter-Pflugk-Straße 20.
Foto: Ralf Julke
Er schrieb auch Gedichte, war ab 1771 Stadtrichter, ab 1776 Baumeister und ab 1778 Bürgermeister. Ihm verdankt Leipzig den modernen Umbau im späten 18. Jahrhundert – vom Abriss der alten Festungswerke bis hin zum Bau des Konzertsaales im alten Gewandhaus. Das war das erste Gewandhaus, das, wo später auch Mendelssohn Bartholdy dirigierte. Gelegen an der Stelle, an der heute das Städtische Kaufhaus steht. Müller junior ließ dort auch das erste Domizil für die Stadtbibliothek bauen. Wen überrascht es, das die Stadtbibliothek 228 Jahre später wieder dort hinzieht? Vorübergehend zwar nur – aber doch an einen traditionsreichen Ort.
Für Carl Wilhelm Müller errichteten die Leipziger im 19. Jahrhundert ein Denkmal im Promenadenring – gleich gegenüber von Hauptbahnhof. Und das war's dann für lange Zeit. An sein Geburtshaus in Knauthain dachte kaum noch jemand. Nicht einmal, wenn wieder einmal Johann Sebastian Bachs Bauernkantate aufgeführt wurde, entstanden 1742 für den Kammerherrn Carl Heinrich von Dieskau, der auf seinem Rittergut Kleinzschocher Geburtstag feierte. Der Textdichter Picander alias Christian Friedrich Henrici nahm dabei auch seinen direkten Vorgesetzten ein bisschen aufs Korn. Und das war natürlich Dieskau in seiner Funktion als Kreissteuerinspektor für Leipzig. Und ein Schösser kommt auch vor im Text. Sozusagen als negatives Gegenstück gegen den edlen Herrn, den man nicht zu sehr kritisieren darf: "Der Herr ist gut: Allein der Schösser, Das ist ein Schwefelsmann, Der wie ein Blitz ein neu Schock strafen kann, Wenn man den Finger kaum ins kalte Wasser steckt. - Ach, Herr Schösser, geht nicht gar zu schlimm Mit uns armen Bauersleuten üm! Schont nur unsrer Haut; Fresst ihr gleich das Kraut Wie die Raupen bis zum kahlen Strunk, Habt nur genung!"

Die Bausubstanz ist gesichert: "Bürgermeister-Müller-Haus".
Foto: Ralf Julke
Gut zu wissen, dass Müller senior just zu dieser Zeit Schösser war im benachbarten Knauthain. Es geht um sein Wohnhaus, nicht um das vom Sohnemann – der wohnte später in der Bettelgasse (der heutigen Johannisgasse) vor den Toten Leipzigs.
Trotzdem ist das Bürgermeister-Müller-Haus, wie es auch die Leipziger Stadtverwaltung jetzt nennt, kulturhistorisch bedeutsam. Die bauliche Sicherung des lange leer stehenden und vom Verfall bedrohten Hauses ist nun praktisch abgeschlossen. Im Dezember 2008 hatte die GfB Sachsen mbH die Immobilie erworben und seitdem die Notsicherung aufgrund eines mit dem Amt für Bauordnung und Denkmalpflege abgestimmten Konzeptes vorgenommen. Der Freistaat Sachsen förderte die Sicherungsmaßnahmen.
Als die GfB Sachsen das Haus übernahm, befand sich das Gebäude in einem kritischen Zustand. Aufgrund starker Schädigung der hölzernen Fachwerkskonstruktion war die Standsicherheit nicht mehr gewährleistet. In vielen Bereichen hatten Schwamm und Nässe das Fachwerk zerstört, was ein die Nässe konservierender Zementputz noch verstärkt hatte. Aufgrund der Zerstörung war die Giebelseite nicht mehr mit den übrigen Wänden verbunden. Die Wände selbst wiesen im Erdgeschoss starke Schäden auf. Durch das zerstörte Dach war Nässe in das Bauwerk eingedrungen.Eine erschreckende Bilanz für das 300 Jahre alte Gebäude: Ein großer Teil der Bausubstanz musste vollständig ersetzt werden. Im Traufbereich war unterspültes Mauerwerk zu ersetzen, im Dachbereich mussten Dachlatten ersetzt und ergänzt werden. Inzwischen ist das Dach auch mit Folie abgedeckt, um das weitere Eindringen von Nässe zu verhindern. Die Vorbereitungen für die Trockenlegung, Entsalzung und Ausbesserungen der Außenmauern sind erfolgt. Im Inneren wurden die das Gebäude stützenden Joche stabilisiert und Holzverbindungen erneuert.
Die Stadt weist in ihrem Engagement besonders darauf hin, dass das Gebäude das Geburtshaus Carl Wilhelm Müllers war, der von 1778 bis 1800 mit wenigen Unterbrechungen Bürgermeister der Stadt Leipzig war. Das Bauwerk selbst als ehemaliges Patrimonialgericht des Gutes Knauthain bildet im Zusammenhang mit dem Rittergut und dem Schloss Knauthain eine Einheit, die in der Leipziger Region einmalig ist. Logisch: Deshalb kommt ihm natürlich hoher denkmalpflegerischer Wert zu. Fast wäre es weg gewesen, weil die Stadt das Haus einem Anlieger verkauft hatte, der schlicht den Abriss des "nutzlosen Gebäudes" vorsah.
Der Investor hat rund 130.000 Euro für die Sicherungsmaßnahmen ausgegeben. Die Förderung durch den Freistaat Sachsen beträgt 51.000 Euro.
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