Auf 100 Quadratmetern kompakt: 300.000 Jahre Leipziger Siedlungsgeschichte
Ralf Julke
10.03.2010
Volker Rodekamp.
Wenn es um Leipziger Vorgeschichte geht, dann kann der Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums, Dr. Volker Rodekamp, ins Schwärmen geraten und gleich mal aus der Jackentasche eine halbe Stunde lang referieren. Selten war die "graue Vorzeit" so spannend. Das sollen die Leipziger auch zu sehen bekommen.
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Am heutigen Mittwoch, 10. März, um 17 Uhr wird ein neuer Teil der Dauerausstellung im Alten Rathaus eröffnet. Nicht nur mit kleinem Rundgang durch den neuen Ausstellungsteil in der ersten Etage des Alten Rathauses. Peter Hiptmair, der zuständige Leiter für die Ausgrabungen des Sächsischen Landesamtes für Archäologie wird auch über die überraschenden Ergebnisse der jüngsten Ausgrabungen in der Leipziger Innenstadt berichten.
Denn Überraschungen gibt es dort in den letzten Jahren immer wieder. Kein Großbauprojekt, bei dem die Archäologen nicht ihre Zelte aufbauen dürfen und die tiefen Schichten der Stadtgeschichte freilegen und die Fundstücke mit den modernsten Methoden untersuchen. Das war in der Vergangenheit eher selten der Fall. Und die letzten Forschungen in dem Bereich stammen aus den 1950er und 1960er Jahren, als Herbert Küas insbesondere am Markt und am Brühl Grabungen anstellen durfte.
"Das ist jetzt mehr als eine Generation her", sagt Rodekamp. Entsprechend dünn war das, was man über die Siedlungsgeschichte und der Leipziger Stadtgeschichte vor dem 15. Jahrhundert wusste. Entsprechend wenig war auch bisher im Stadtgeschichtlichen Museum zu sehen. Dort begann die sichtbare Stadtgeschichte bisher im Grunde mit Luther und der Reformation. Nur wenige Fragmente erinnerten an das Hochmittelalter und die eigentliche Zeit der Stadtgründung. Und was davor geschah, konnte, wer wollte, im Naturkundemuseum vielleicht entdecken – als so genannte Vor-Geschichte.
Faszinierende Keramik aus der Vorzeit: Sie schwebt im Licht der Vitrine.
Foto: Ralf Julke
Eine klare – aber unsinnige Trennung, wie Rodekamp feststellt. Geschuldet eben auch der Tatsache, dass für viele Zeitabschnitte die aussagekräftigen Fundstücke fehlten. Das hat sich in den letzten 20 Jahren gewaltig geändert. Bauherren fluchen zwar über die Mehrkosten und die Zeitverzögerungen, die entstehen, wenn die Archäologen aufs Baufeld wollen. Aber es ist in der Regel die einzige und auch oft die letzte Chance, die vergänglichen Spuren einer Vergangenheit zu sichern, die deutlich reicher, vielfältiger und aufregender war, als selbst die Wissenschaftler bisher glaubten.
Für die war fast alles, was auf dem Sandsporn am Zusammenfluss von Pleiße und Parthe vor dem 15. Jahrhundert geschah, fast komplette terra incognita. Nur wenige Urkunden belegen Existenz und Aufblühen der Handelsstadt. Doch wie sah die Stadt vorher aus? Wie wuchs sie? Wie weit zurück reichen die Siedlungsbelege?
Dass es sehr weit in die "graue Vorzeit" zurückgehen könnte, das war schon zu ahnen, als in den DDR-Tagebauen Funde auftauchten, die menschliches Wirken für die Zeit von 280.000 bis 160.000 belegten. Altsteinzeit nennt man diese Epoche. Und das ist wahrscheinlich genauso irreführend wie der Begriff Jungsteinzeit (Neolithikum). Gerade läuft ja im Neubau des Stadtgeschichtlichen Museums im Böttchergässchen die Ausstellung "Funde, die es nicht geben dürfte". Sie zeigt nicht nur das Aufblühen einer neuen Zivilisation im Leipziger Raum vor etwa 7.500 Jahren, sie zeigt auch anhand der geborgenen Brunnenschätze, dass die wichtigsten Werkmaterialien dieser Zivilisation Holz, Bast und Ton waren – nur haben eben zumeist eher die wirklich "harten" Funde überlebt: Speer- und Pfeilspitzen, Steinäxte.
Was diese "Brunnen"-Ausstellung schon zeigt, ist, wie komplex die Kultur im Raum zwischen Saale und Elbe schon 5.500 vor Beginn der Zeitrechnung war. Und das mitten in Leipzig: Die Ausgrabungen im Umfeld der Sanierung des Bach-Museums am Thomaskirchhof haben ebenfalls Bandkeramik aus dieser Epoche zu Tage gefördert. Andere Grabungen haben längst auch für die späteren Epochen Belege geliefert. Die ab 2.200 v.u.Z. beginnende Bronzezeit – in die die sensationelle "Himmelsscheibe von Nebra" gehört – ist durch die Erkundung eines Gräberfeldes in Connewitz belegt. Aber auch in der um 750 v.u.Z. beginnende Eisenzeit war die Leipziger Tieflandsbucht besiedelt, ist hier die so genannte Jastorf-Kultur nachweisbar, die zeitgleich mit der im nahen Böhmen nachgewiesenen Laténe-Kultur existierte, welche man oft auch schon mit den Kelten in Verbindung brachte.
So fremd ist das gar nicht: Kinderspielzeug aus Leipzigs Mittelalter.
Foto: Ralf Julke
Und so setzt sich das über die Völkerwanderungszeit und die slawische Besiedlung fort. Eben bis hinein ins Entstehen der mittelalterlichen Stadt, die bei den jüngeren Ausgrabungen etwa am Schumachergässchen sichtbar wurde.
War für die Ausstellungsgestalter um Ulrike Dura nur die Frage: Wie bekommt man das auf ganzen 100 zur Verfügung stehenden Quadratmetern unter? – Sie haben dafür eine ganz lustige Lösung gefunden: schmale Schaukästen mit einigen der schönsten und typischsten Fundstücke der Epoche, die hinter aufklappbaren Flügeln verborgen sind. "Es ist wie der Blick in eine ferne, vergangene Zeit", sagt Volker Rodekamp.
Ausschnitte einer Europa-Karte zeigen jedes Mal, in welchem Kulturzusammenhang der Leipziger Raum zu verorten ist. Und da jede Epoche so einen mit zweisprachigen Erklärungen versehenen Kasten hat, kann der Besucher sich von Zeitfenster zu Zeitfenster vorarbeiten durch die Jahrtausende. Erst mit der Zeit um 1.000, als aus der slawischen Siedlung die durch eine Burg beschützte "urbe libzi" wurde, wird den Funden und Zeitzeugnissen mehr Raum eingeräumt. Immerhin gilt es auch anschaulich zu machen, wie aus der (noch dunklen) Siedlungsepoche die katholisch geprägte Stadt der Klöster und der entstehenden Universität wurde.
Volker Rodekamp macht's vor: 300.000 Jahre Geschichte zum Aufklappen.
Foto: Ralf Julke
Die Leihstücke stammen nicht nur aus dem eigenen Depot. Auch das Naturkundemuseum hat ein paar schöne Stücke beigesteuert. "Wir sind gerade dabei zu erkunden, wie wir diese Sammlungen zur Leipziger Siedlungsgeschichte zusammenführen können", sagt Rodekamp. Denn natürlich hat er – auch mit Unterstützung des Landesamtes für Archäologie – noch Größeres vor. 2015 wird zumindest das urkundlich belegte Leipzig 1.000 Jahre alt. Dazu soll es auch eine große Ausstellung zur frühen Siedlungsgeschichte geben – "mit noch mehr Leihgaben des Landesamtes für Archäologie".
Deswegen wird der Raum, der jetzt erstmals die Zeit vor dem 15. Jahrhundert in all ihren Schichten beleuchtet, nur die nächsten fünf Jahre gezeigt, bevor die Ausstellung zum 1.000-Jährigen auch die Dauerausstellung im Alten Rathaus nachhaltig verändert.
Eröffnung des neuen Ausstellungsteils am heutigen Mittwoch, 10. März, 17 Uhr im Alten Rathaus.
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