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Zeitreise: Offene Fragen zum Schießbefehl am 9. Oktober 1989

Ralf Julke
Zwei unzeitgemäße Zeitgenossen. Plastik von Bernd Göbel.
Zwei unzeitgemäße Zeitgenossen. Plastik von Bernd Göbel.
Montage: L-IZ
Es treibt ihn noch immer um. Dabei ist Roland Mey, 68, ehemaliges Mitglied des Bürgerkomitees Leipzig, Diplom-Physiker, Lehrer, Pförtner, Busfahrer, SPD-Mitglied, eigentlich im Ruhestand. Was geschah da wirklich hinter den Kulissen am 9. Oktober 1989? Gab es den Schießbefehl? – Natürlich, sagt er.

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Er hat es sich sogar bestätigen lassen am 7. März 1990, als noch gar nicht alles entschieden war. Da hat er sich Oberstleutnant Alfred Wächtler, am 9. Oktober 1989 Befehlshaber der VP-Bereitschaft in der Kaserne in der Essener Straße, in sein Bürgerkomitee-Büro in der Braustraße bestellt und sich per Unterschrift bestätigen lassen: Es gab den Schießbefehl. Oder besser: Es gab Wächtlers an diesem Tag gegenüber den Bereitschaftspolizisten geäußerte Drohung: "Wenn Sie auf meinen Befehl nicht auf das bewusste Knöpfchen des PKT drücken, sind Sie am nächsten Tag wegen Befehlsverweigerung vor dem Militärstaatsanwalt."

Über diese Äußerung wurde Mey per Brief am 17. Januar 1990 informiert. Eigentlich gehört es zu seinen Aufgaben, in den Betrieben der Region für die Gründung von Betriebsräten zu werben, wohl wissend darum, dass eine Änderung der Wirtschaftsform ganz andere gewerkschaftliche Vertretung der Beschäftigten brauchte als in der durchorganisierten DDR.

Wächtler kam tatsächlich und bestätigte mit seiner Unterschrift, was er am 9. Oktober gesagt hatte. Und sprach Mey gegenüber von „vorauseilendem Gehorsam“. Aber die Aussage gehört auch zu einem Puzzle, das bis heute nicht vollständig aufgearbeitet ist. Über die Demonstrationen und ihre Akteure weiß man im Jahr 21 danach eine Menge. Doch was im Räderwerk der Staatsmacht hinter den Kulissen geschah – es liegt in weiten Teilen noch immer im Dunkel. Denn auch ein Oberstleutnant der VP konnte nicht in eigener Regie einen Schießbefehl vorab erteilen. Die Einsatzpläne für den Tag waren vorher schon erarbeitet. Davon zeugen die vielen Einzelmaßnahmen, über die Augenzeugen danach berichteten – von den georderten Blutkonserven in den Krankenhäusern und die Vorbereitung der OP-Säle auf eine Vielzahl von Schusswunden bis hin zur Art der Bewaffnung der unterschiedlichen Einsatzkräfte, die in die Leipziger Innenstadt beordert wurden.

Dazu gehörten Volkspolizisten, Kampfgruppen, NVA-Hundertschaften und MfS-Kampfeinheiten. Die Einsatzleitung hatte der Chef der Deutschen Volkspolizei, Generalmajor Gerhard Straßenburg. Er hatte die insgesamt rund 8.000 Einsatzkräfte zu koordinieren. Davon nicht alle in der Innenstadt. Die 1.500 für den Einsatz vorgesehenen NVA-Soldaten standen hauptsächlich in den Außenbezirken der Stadt für den Einsatz bereit. Nur einige Hundertschaften waren zum Schutz von Hauptbahnhof, Hauptpost und Sender Leipzig in der Innenstadt postiert – bewaffnet mit Schlagstöcken. Und auch die im Barfußgässchen stationierten Bereitschaftspolizisten waren mehrheitlich nur mit Platzpatronen, einige mit Maschinenpistolen mit Tränengasmunition ausgestattet. Über scharfe Munition in ihren Pistolen verfügten nach Berichten von fünf Bereitschaftspolizisten im Buch "Jetzt oder nie Demokratie" nur die Offiziere.

Die PKT, die in Wächtlers Anweisung vorkamen, waren die schweren Maschinengewehre auf den Schützenpanzerwagen. Von denen standen nach Bericht der jungen Bereitschaftspolizisten drei auf dem Hof der Bezirksverwaltung der Volkspolizei gleich neben dem Stasi-Gebäude und zehn weitere – mit ständig laufendem Motor – auf dem Kasernengelände in der Essener Straße. Sie scheinen tatsächlich mit scharfer Munition bestückt gewesen zu sein.

Noch am Morgen streute die Staatssicherheit Gerüchte, es würde am Abend geschossen. Immerhin sah die von Generalmajor Straßenburg erarbeitete und von Innenminister Friedrich Dickel genehmigte Einsatzkonzeption vor, Menschenansammlungen am 9. Oktober nicht zuzulassen. Bis hin zur Aufspaltung des Demonstrationszuges und der Einkesselung einzelner Gruppen.

Zu den Gerüchten des Tages gehörte dann auch, es würden Gummigeschosse ausgegeben und auf dem Agra-Gelände seien zwei Hallen für Verhaftete vorgesehen. Martin Jankowski hat in seinem Buch "Der Tag, der Deutschland veränderte" vorgerechnet, dass der Einsatzstab insgesamt mit 480 nötigen Verhaftungen rechnete. "Eine Zahl, die beweist, wie krass die Fehleinschätzung der bevorstehenden Situation durch die 'staatlichen Organe' ausfällt."

Selbst in der LVZ-Redaktion werden die Gerüchte kolportiert. Darüber berichtet Martin Naumann in seinem "Wende-Tage-Buch". "Und einer der Orthodoxen in der LVZ sagt: 'Heute wird die Konterrevolution ein für allemal zerschlagen." Und dann geht er – obwohl er keine Akkreditierung bekommen hat – am Abend doch in die Innenstadt, sieht die Mannschaftswagen der Polizei und hört das Hundegebell, sieht aber keine Polizisten. Nur die Mitglieder der Kampfgruppen stehen vor ihren Fahrzeugen und diskutieren mit den Leipzigern, die in die Innenstadt strömen. Die Grimmaische Straße ist schon schwarz von Menschen.

70.000 sind um 18 Uhr in der Innenstadt. Die Einsatzpläne sind allein schon durch die Zahl der Menschen Makulatur. Wer jetzt eingreift, riskiert tatsächlich blutige Gewalt. Das weiß auch Helmut Hackenberg, der in der SED-Bezirksleitung die Verantwortung trägt für den Einsatz. Die ist er aber nicht bereit, auf seine Schultern zu nehmen. Um 18:30 Uhr ruft er Egon Krenz in Berlin an, will eine Entscheidung von denen, die zuvor eine "Zerschlagung der gegnerischen Gruppen" gewollt hatten. Der aber sagt nur, dass er zurückrufen wird.

Auch der Chef der VP, Gerhard Straßenburg, will einen blutigen Einsatz nicht auf seine Kappe nehmen. Fünf Minuten später ruft er seinen Chef in Berlin an, Innenminister Friedrich Dickel, und lässt sich von ihm bestätigen, dass er zur Eigensicherung der Einsatzkräfte seine Leute zurücknehmen kann. Wenig später erreicht der Demonstrationszug den Hauptbahnhof. Als Egon Krenz um 19:30 Uhr anruft, sind die Demonstranten schon "rum", wie es Helmut Hackenberg formulierte. Die Demonstration war auch an der "Runden Ecke", dem Sitz der Bezirksverwaltung des MfS, friedlich geblieben.

Der Tag blieb friedlich – weil 70.000 friedlich um den Ring zogen. Aber auch, weil keiner der an diesem Tagen Verantwortlichen die Verantwortung für eine Eskalation übernehmen wollte, wenn man von den geharnischten Worten des VP-Oberstleutnants Alfred Wächtler absieht. Aber auch er war an diesem Tag nur ein Rädchen im Getriebe. Die Einsatzbefehle wurden in anderen Instanzen gefällt. Und es steht nach wie vor die Frage: Gab es ihn tatsächlich, den Einsatzbefehl für Schusswaffen? Wer hat ihn formuliert? Und was stand drin? Wer hätte den Befehl gegeben, die Schützenpanzerwagen Richtung Stadt in Bewegung zu setzen?

Das Puzzle ist noch lange nicht komplett, wird es vielleicht auch nie. Am Ende war es tatsächlich Egon Krenz, der die Befehlskette hätte auslösen müssen für die Eskalation. Doch das hat er nicht getan. Was freilich auch Gänsehaut machen kann im Nachhinein: Ein einzelner Mann trug im entscheidenden Moment die Verantwortung für den Einsatz der Waffen.


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