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125 und noch immer Unruhestifter: Ernst Bloch und das Prinzip Veränderung

Ralf Julke
Entnthüllung Gedenktafel 2005.
Entnthüllung Gedenktafel 2005.
Foto: Ralf Julke
Am heutigen 8. Juli wäre er 125 Jahre alt geworden: Ernst Bloch, Autor jenes Buches, das zwar gern benannt und auch wieder verächtlich beiseite getan wird, wenn es um Revolutionen und Zukunftsvisionen in Deutschland geht: "Das Prinzip Hoffnung". Wahlleipziger für 13 Jahre.

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Dieser Tage wurden der Mann und sein Werk wieder einmal öfter zitiert, denn gerade das "Prinzip Hoffnung" und Blochs Wirken in Tübingen waren einer der Initialfunken für die Proteste der 1968er. Für Rudi Dutschke, den charismatischen Sprecher der Bewegung, war Bloch ein Mentor und Ideenstifter im besten Sinne. Ein Unruhe-Stifter sowieso. Protest war für ihn die Grundvoraussetzung jeder Utopie.

Er protestierte gegen die militaristische Politik Deutschlands im ersten Weltkrieg - und musste wegen seiner pazifistischen Überzeugung in der Schweiz Exil suchen. In der Weimarer Republik schrieb er beherzt gegen Militaristen und die aufkommenden Nationalsozialisten an - und wurde 1933 ausgebürgert und musste wieder ins Exil. Zuerst in die Schweiz, dann führte ihn sein Weg nach Paris und dann in die Tschechoslowakei, ein Land, das den neuen Herrschern in Deutschland auch und gerade wegen seiner unbeschädigten bürgerlichen Demokratie ein Dorn im Auge war. Als Hitler den Franzosen und Engländern das "Münchner Abkommen" abtrotzte, war klar, dass die Tschechoslowakei nun den Nationalsozialisten hingeschmissen war als leichte Beute. Und Bloch emigrierte in die USA.

Es war nicht die DDR, wo er sein dreibändiges Werk "Das Prinzip Hoffnung" schrieb. Das wird gern vergessen, wenn süffisante Intellektuelle das, was Bloch da schrieb, gleichsetzten mit dem, was da im Osten Deutschlands probiert wurde. Für einen kurzen historischen Moment war die entstehende DDR tatsächlich das Fünkchen Hoffnung, in dem zahlreiche deutsche Emigranten die mögliche Verwirklichung einer Utopie sahen. Auch deshalb folgte Bloch 1948 dem Ruf an die Universität Leipzig.

Georg Girardet und Jan-Robert Bloch bei der Enthüllung der Gedenktafel 2005.
Georg Girardet und Jan-Robert Bloch bei der Enthüllung der Gedenktafel 2005.
Foto: Ralf Julke

Da war sein Werk "Das Prinzip Hoffnung" im Wesentlichen ausgearbeitet. Geschrieben hatte er es 1938 bis 1947 im US-amerikanischen Exil. 1954 bis 1959 erschien das Werk dann in der DDR, in dem er auch versucht, andere Motive zu definieren, die Menschen dazu bringen, ihre Gesellschaft zu verändern, als eben nur die "Produktivkräfte", wie es Karl Marx getan hatte. Hoffnung als Gestaltungselement. Leipzig als Diskussionsort. Es sollte nicht sein. Block geriet - genauso wie Hans Mayer, der aus ähnlichen Motiven nach Leipzig gekommen war - mitten hinein in die rabiate Umgestaltung der Universität zu einer "sozialistischen Hochschule", die mit der Ausschaltung freier Studentenvertretungen begann und immer stärker in eine ideologische Standardisierung des gesamten Studiums mündete.

Mit Marx hatte das alles wenig zu tun. Der hätte sich gleich im ersten Semester wieder exmatrikulieren lassen und wäre nach Trier zurückgegangen, wenn ihm so ein Unfug als Studium angeboten worden wäre. Wenn er mit seiner Herkunft überhaupt einen Studienplatz bekommen hätte. Gereizt hätte ihn ein Philosophiestudium bei Bloch garantiert. Der Mann regte zum Nach- und Neudenken an, wo die neuen Regierer im Ostberlin gerade dabei waren, die komplette Bildungslandschaft nach sowjetischem Muster zu vereinheitlichen und auf "Marxismus" zu trimmen. Studentengenerationen berichten von den kleinen Spick-Büchern, mit denen sie die Phrasen auswendig paukten, die in "Politische Ökonomie" oder "Wissenschaftlicher Kommunismus" oder wie der erstarrte Unfug sonst hieß, in den Prüfungen dann abgefragt wurde.

Jan-Robert Bloch vor de Wilhelm-Wild-Straße 8: Hier lebte die Familie Bloch bis 1961.
Jan-Robert Bloch vor de Wilhelm-Wild-Straße 8: Hier lebte die Familie Bloch bis 1961.
Foto: Ralf Julke
Eigene Gedanken? - Unerwünscht. - Das bekam auch Ernst Bloch immer stärker zu spüren. Man gängelte ihn, beobachtete ihn. 1957 hatte er vom quasi-sozialistischen Krämer- und Inquisitorengeist die Nase voll und kritisierte öffentlich den erstarrten Marxismus in der DDR. Traute sich das, was sich immerhin einige derer trauten, die die Rede von Nikita Chrustschow von 1956 ernst genommen hatten. Immerhin war Stalin seit nun vier Jahren tot. Es durfte doch wohl nachgedacht werden über die Zukunft dieses Gesellschaftsexperiments, das ja wohl nicht nur den Parteifunktionären in Moskau und Berlin gehörte.

Aber dem war nicht so. Diskussion war im Staate Walter Ulbrichts nicht wirklich erwünscht. Bloch wurde zwangsemeritiert. Fortan widmete er sich seinen Schriften und Vorträgen, wurde auch gern und oft in den Westen Deutschlands eingeladen. Und weil man ihn weiter nervte mit Unterstellungen und Funktionärsargwohn, blieb er 1961 auf einer Vortragsreise dort und bekam auch gleich eine Philosophieprofessur angeboten im beschaulichen Tübingen, das in Blochs Zeit nicht mehr ganz so beschaulich blieb.

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Wovon ja einer seiner Kollegen vorwurfsvoll zu berichten weiß: der damalige Theologieprofessor Joseph Ratzinger, der unter den rebellischen Turbulenzen an der kleinen Universität litt. Dabei waren sich die beiden Männer im Geiste viel näher, als es der heutige Papst Benedikt XVI. selbst wahrhaben wollte. Denn für Bloch gehörte zur Veränderung der Welt immer auch eben jenes theologische Moment der Hoffnung - gepaart mit einem unerschütterlichen Pazifismus.

Deswegen hielt er auch in den 1960er Jahren nicht den Mund und protestierte laut und deutlich gegen den Krieg der USA in Vietnam.

An der kleinen Villa in Schleußig in der Wilhelm-Wild-Straße 8, wo er 13 Jahre lang lebte und arbeitete, erinnert seit 2005 eine Tafel an den Mann, der durchaus wesentlicher Teil einer modernen, streitbaren und linken Universität Leipzig hätte sein können. Aber das war nicht gewollt. Diejenigen, die Akten über ihn anlegten und ihm das Wirken in der DDR verleideten, wussten schon, warum sie das taten. Denn natürlich ist es zuallererst kritisches Denken, das Veränderungsprozesse auslöst. Aber sie wollten ja gar nicht, dass sich etwas veränderte. Und daran scheiterte ja bekanntlich das Experiment zum Schluss.

Erlebt hat das Bloch nicht mehr. Er starb 1977 in Tübingen.

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