Ein unverhoffter Blick in die Briefwerkstatt von Mendelssohn: Sotheby's-Fundstücke sind jetzt in Leipzig
Ralf Julke
24.08.2010
Mendelssohn-Autographe in Leipzig.
Foto: Ralf Julke
Eigentlich kann ja Felix Mendelssohn Bartholdy nichts dafür, dass er justament im Schumann-Jahr 2010 dem Gefeierten schon wieder den Schneid abkauft. Schuld sind 28 Seiten mit Mendelssohns Handschrift, die am 9. Juni bei Sotheby's in London versteigert wurden. Und zwei Leipziger Institutionen konnten die Blätter erwerben.
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Es sind nicht irgendwelche Blätter, sondern in etwa das, was Forscher immer zu finden hoffen, wenn sie sich übermütig in die Archive oder in große Nachlässe stürzen: Dokumente, die teilhaben lassen an der Geburt großer Ideen. Und die Gründung eines Musikkonservatoriums in Leipzig war eine große Idee: Musiker für ein Orchester mit Spitzenanspruch auch an einer entsprechenden professionellen Einrichtung auszubilden. Nachwuchssicherung auf höchstem Niveau. Und das in einer Stadt der Krämer und Kaufleute, die schon bei Thomaskantor Johann Sebastian Bach geknausert hat mit dem Geld.
Aber zum Glück starb ja am 13. Februar 1839 im Alter von 73 Jahren der Oberhofgerichtsrat Heinrich Blümner und hinterließ ein Legat von 20.000 Talern. Blümner? Muss man den kennen? - In einigen Häusern der Stadt Leipzig sollte man ihn sogar sehr gut kennen. Er war unter anderem Bürgermeister in Leipzig und Amtsrichter. Im Alten Rathaus hängt sein Bild. In Schleußig ist eine Straße nach ihm benannt. Im Brockhaus-Verlag erschien 1818 seine "Geschichte des Theaters in Leipzig". Er besaß das Rittergut Großzschocher, stiftete der Armenanstalt der Stadt genauso Geld wie der Kirche in Großzschocher und der Theater-Pensionsanstalt. Und Vorsteher der Stadtbibliothek war er auch.
Wertvoller Erwerb: Kerstin Sieblist mit den Mendelsohn-Autographen.
Foto: Ralf Julke
Kein Wunder, dass der Kapellmeister des Gewandhausorchesters hier die Chance sah, ein wichtiges Projekt zu verwirklichen. Und das ist ein Teil der 28 Seiten, die am 9. Juni bei Sotheby's zur Versteigerung kamen: Der Entwurf eines Briefes an den sächsischen König Friedrich August II., in dem Mendelssohn versucht, den König für die Idee einer höheren Musikschule zu begeistern. Sieben Blatt Papier, davon elf Seiten Entwurf. Mit Anmerkungen, Streichungen, Konkretisierungen.
Dr. Barbara Wiermann, Leiterin der Bibliothek der Hochschule für Musik und Theater Leipzig, war wie aus dem Häuschen, als sie die Blätter in der Hand hielt. Denn das war eben nicht die Geburtsurkunde der heutigen Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy", es war noch viel mehr: Es war die Keimzelle, der handschriftliche Beleg dafür, wie die Idee reifte - und dass Mendelssohn sich schon 1840 ernsthaft mit der Einrichtung dieser Musikschule beschäftigte, die 1843 gegründet wurde.
Denn bislang hatte man nur die Briefe, die er zwei Jahre später dann tatsächlich abschickte an Johann Paul Freiherr von Falkenstein, den Direktor der Kreisdirektion Leipzig und damit den königlichen Sachwalter in Leipzig. Kleine Anekdote am Rande: Falkenstein erbte später das Blümnersche Rittergut in Großzschocher.
Und noch eine hinterher: Mendelssohn wurde 1843 der 19. Ehrenbürger der Stadt Leipzig, Falkenstein 1844 der 20.
Entwurf eines Briefes an den sächsischen König: Autograph aus dem Konvolut der Hochschule für Musik und Theater.
Foto: Hochschule für Musik und Theater Leipzig
Den Brief an den König hat Mendelssohn nie abgeschickt. Aber seine Überlegungen tauchen natürlich in den Briefen an Falkenstein wieder auf. "Dass es so lange dauerte, bis das Konservatorium 1843 tatsächlich gegründet wurde, lag eindeutig an Mendelssohn", erklärt Wiermann. "Mendelssohn konnte sich die nächsten zwei Jahre einfach nicht zwischen Leipzig und Berlin entscheiden."
Der preußische König hatte dem Leipziger Gewandhauskapellmeister ein Angebot gemacht, das er nicht ausschlagen wollte. "Aber das Konservatorium war dann auch einer der Gründe dafür, dass Mendelssohn nach Leipzig zurück kam", so Wiermann. Die Handschrift, die Rektor Prof. Robert Ehrlich am 9. Juni in London für die Hochschule ersteigerte, zeigt nun, wie gründlich sich Mendelssohn mit der Gründung der Musikschule beschäftigte. In elf Paragraphen erläutert er, wie so eine Schule zu finanzieren wäre, wer aufgenommen werden darf (auch Frauen!), was für Lehrpersonal erforderlich ist und was gelehrt werden soll.
Kleine Zugabe: Eine Seite enthält eine Zahlenkolonne. "Aber da ich nicht spiele, kann ich damit gar nichts anfangen", sagt Wiermann. Wäre vielleicht ein kleines Forschungsthema für Historiker, die sich mit den Gesellschaftsspielen des frühen 19. Jahrhunderts auskennen. Eine Seite enthält das Repertoire der aktuellen Gewandhaussaison - und eine Seite stammt von fremder Hand. Da hat der Komponist einfach ein gelesenes Schreiben umgedreht und zweitverwertet. Papier war noch ein Luxusgut. Die industrielle Produktion hatte gerade begonnen.
Zum Glück, sagt Wiermann: Denn genau das eine Blatt in dem Paket, das aus industrieller Produktion stammt, beginnt zu zerfallen, auch die Tinte zerläuft. Während das klassische Haderpapier, auf dem Mendelssohn gewöhnlich schrieb, keine Probleme in der Archivierung bereitet.
Und Ehrlich fuhr ja am 9. Juni nicht allein nach London. Für das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig steigerte auch dessen Direktor Dr. Volker Rodekamp mit. Für ein zweites Konvolut aus der Feder Mendelssohn Bartholdys, das im Versteigerungskatalog aufgetaucht war. In diesem Fall 17 eng beschriebene Seiten mit vier bislang unbekannten Briefentwürfen an den Rat der Stadt Leipzig und an die Gewandhausdirektion. "Es gibt Anhaltspunkte darin, mit denen wir die Briefentwürfe auf den Herbst 1839 datieren können", sagt Kerstin Sieblist, Kuratorin für Musikgeschichte am Stadtgeschichtlichen Museum. In den Entwürfen nahm sich Mendelssohn eines Themas an, das im Gewandhausorchester schon seit längerer Zeit kochte. Die Bezahlung der Musiker, mit denen Mendelssohn immerhin das beste Orchester seiner Zeit formen wollte, war hundsmiserabel. Die Gehälter waren noch immer auf dem Stand des Jahres 1820. 1838 hatten die Musiker selbst einen Brief an die Gewandhausdirektion geschrieben und dargelegt, warum sie eine höhere Besoldung wünschten.
Ein Jahr später muss die Lage noch ein Stück dramatischer gewesen sein. Mendelssohn deutet an, dass es in anderen Orchestern bei solch einer Bezahlung schon längst zur Revolte gekommen wäre. Oder zu dem, was er am meisten fürchtete: Dass die besten Musiker aus Leipzig abwanderten.
Dr. Barbara Wiermann (li.) und Kerstin Sieblist mit den neu erworbenen Mendelssohn-Autographen.
Foto: Ralf Julke
Mit heutigen Honorierungen im Leipziger Vorzeigeorchester hatte die damalige Bezahlung tatsächlich noch nichts zu tun. Die meisten Musiker mussten - neben ihrem Einsatz in Gewandhaus, im Theater und in den Kirchen - auch noch in Gasthäusern spielen, um ihren Lebensunterhalt zusammen zu bekommen.
Mendelssohn: "Die Klagen des Orchesters werden seit einiger Zeit so häufig, und sind großentheils, ich kann es nicht anders sagen, so gerecht, daß sie an andern Orten gewiß schon zu Widersetzlichkeit geführt haben würden."
Die Briefe, die Mendelssohn aufgrund dieser Entwürfe dann an den Rat der Stadt und die Gewandhausdirektion – und das mit Erfolg - schrieb, sind augenscheinlich nicht erhalten. Und so ist auch Sieblist sichtlich begeistert über dieses Fundstück direkt aus der Briefwerkstatt des großen Musikers. Nur die Frage bleibt: Wie gelangten die beiden Funde zu Sotheby's? Wer hütete sie die ganzen 150 Jahre? Denn bis dato waren sie der Forschergemeinschaft unbekannt. Sie waren auch nie in anderen Nachlässen oder Versteigerungskatalogen aufgetaucht.
Und natürlich musste es schnell gehen, als die beiden Versteigerungsposten im Sotheby's Katalog im Mai 2010 bekannt wurden. "Wir sind es gewohnt, in solchen Fällen die Feuerwehr zu spielen", sagte am gestrigen Montag im Musiksalon der Hochschule, wo die ersteigerten Fundstücke vorgestellt wurden, Isabel Pfeiffer-Poensgen, Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder. Die Kulturstiftung sorgte dafür, dass die beiden Leipziger Institutionen das nötige Geld hatten, um in London mitzusteigern.
"Für gewöhnlich trifft man uns da ja aus bekannten Gründen nicht an", meinte Volker Rodekamp beiläufig. Aber das Beiläufige ist natürlich ernst gemeint: Wenn solche Dokumente nicht in die für die Forschung wichtigen Sammlungen kommen, verschwinden sie für gewöhnlich wieder in Privatsammlungen und Tresoren - und das oft für Generationen. Diesmal handelte es sich um rund 32.000 Euro, die in kurzer Frist bereitgestellt werden mussten, um die einmalige Chance zu ergreifen.
Mitgeholfen, die Summen zusammen zu bekommen, haben neben der Kulturstiftung der Länder auch die Hieronymus-Lotter-Gesellschaft, die Sparkasse Leipzig, die Leipziger Stadtbau AG, Aengevelt Immobilien, Prof. Monika Harms und der Freundeskreis der Hochschule für Musik und Theater.
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