Die Staatsaffäre Johann Georg Schrepfer: Wo begrub Leipzig 1774 eigentlich seine Selbstmörder?
Ralf Julke
15.08.2011
Hier irgendwo wurde Schrepfer begraben.
Foto: Ralf Julke
Im September kommt Otto Werner Försters Buch "Schwindler, Wirt und Logenmeister Johann Georg Schrepfer" heraus - die Geschichte jenes Leipziger Geisterbeschwörers, die 1774 fast zur Staatsaffäre wurde. Der Tod des Weinwirts am 8. Oktober 1774 bleibt bis heute mysteriös. Und selbst sein Grab war ein Mysterium, bis Otto Werner Förster sich die Archivakten vornahm.
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Noch 2005 schrieb er in seinem handlichen Leipzig-Führer "Leipziger Kulturköpfe" forsch zur Kurzbiografie Johann Georg Schrepfers (1738 - 1774): "Begraben auf Altem Johannisfriedhof". Das klingt immer gut. Und die meisten Leipziger wurden seinerzeit natürlich dort begraben. Nur Schrepfer nicht.
In der Schrepfer-Akte des Ratsarchivs fand er den Eintrag, der ihn auf die Spur zum richtigen Begräbnisort brachte. Gerichtsschreiber George Wilhelm Büttner hatte dort notiert: "Ist nach vorgängiger Communication mit der Raths-Stube resolviret worden, daß der Schröpfferische Cörper auf den am Rosenthale gelegenen Lazareth-Gottesacker an der Seite in der Stille eingescharrt werden solle, welches in solcher Maase geschehen."
Otto Werner Förster: Schwindler, Wirt und Logenmeister Johann Georg Schrepfer.
Buchcover: Otto Werner Förster
Der Lazareth-Gottesacker? Wo war denn der? Und wo stand das Lazarett, das dazugehörte? - Die Suche führt in eine Ecke Leipzigs, der man eher nicht ansieht, dass hier die Stadt selbst einmal mit öffentlichen Einrichtungen präsent war - die Emil-Fuchs-Straße. Hier steht, säuberlich restauriert, das Rosental-Tor, dahinter das Rosental, das seit 1663 im Besitz der Stadt ist. Eine grüne Oase. Linkerhand ein paar Villen. Dort kommt man zur Einmündung der Jacobstraße, einer der ältesten Straßen der Stadt. An ihr stand die Jacobsmühle, lagen die Jacobssiedlung und das Jacobshospital. Ein Hospital? Ist es das, was wir suchen? - Vielleicht.
Dort, wo die Jacobstraße auf die Emil-Fuchs-Straße stößt, ist sie jünger. Bis vor etwa 100 Jahren endete die Jacobstraße an der Auenstraße - der heutigen Hinrichsenstraße. Das Straßenstück hier am westlichen Ufer des Elstermühlgrabens gehört heute zur Hinrichsenstraße. Man kann - von der Gustav-Adolf-Brücke kommend, trotzdem mal hier am Elstermühlgraben entlangwandern. Nicht nur, um den Enten zuzusehen, die unten im Wasser paddeln. Der Blick auf die gegenüberliegende Uferseite lohnt sich. Man sieht dort das Kirchgebäude der Brüdergemeinde, eine Ufermauer, ein paar alte Treppen. Jetzt braucht man Phantasie, um sich das vorzustellen, was die Leipziger Stadtumbauer hier verändert haben.
Denn hier stand im 19. Jahrhundert die Städtische Badeanstalt, manchmal auch Altes Stadtbad genannt. "Am Rosentaler Tore bot man kalte und warme mineralische Bäder an", heißt es in dem mittlerweile selbst schon klassischen Buch "Leipzig geht baden" von Pro Leipzig aus dem Jahr 2004. Von der alten Jacobstraße, der heutigen Hinrichsenstraße, würden wir die Rückseite des Alten Stadtbades sehen. Die Vorderseite ging auf den Hof des Jacobshospitals hinaus, das damals - 1774 - noch schwieriger zu erreichen war als heute. Heute kann man zurückgehen bis zur Gustav-Adolf-Brücke, von wo aus man vor 100 Jahren die Jacobstraße einfach weiter östlich verlängert hat - quer über das Gelände des alten Jacobshospitals, das im 19. Jahrhundert die Adresse Rosentalgasse 8 - 10 hatte.
Einmündung der Jacobstraße: Hier standen einst das Jacobshospital und später die Ratsfreischule.
Foto: Ralf Julke
1884 stand der große Gebäudekomplex noch - mit Stadtbad und Georgenkirche direkt am Elstermühlgraben, dem Georgenhaus, der Städtischen Speiseanstalt. Das Hospital war hier freilich nicht mehr einquartiert. Dafür war hier noch im repräsentativen Gebäude an der Zöllnerstraße (die heute Emil-Fuchs-Straße heißt) die Rathsfreischule untergebracht. Der Wanderer kann sich umschauen: Er sieht keine Schule. Etwa da, wo die Jacobstraße heute auf die Emil-Fuchs-Straße stößt, stand die Rathsfreischule. Und vorher das Jacobshospital, das auf den älteren Karten meist als Lazareth eingetragen ist. Zum Beispiel auf der von 1799, die Friedrich Gottlob Leonhardi seinem Buch "Geschichte und Beschreibung der Kreis- und Handelsstadt Leipzig" beigegeben hat.
Doch damals führte keine Jacobstraße und auch keine Rosentalgasse zum "Lazareth". An der Angermühle "vorbey kommt man in das (...) Lazareth", schreibt Leonhardi. Und kürzt den Weg ab. Die Angermühle stand gleich am Ranstädter Steinweg am Elstermühlgraben. Man musste das Mühlengelände durchqueren auf einem Weg, der ungefähr der heutigen Jacobstraße entspricht und etwa auf Höhe der heutigen Gustav-Adolf-Brücke den Flutgraben mit einem Steg überquerte. Erst 1884 wurde die Gustav-Adolf-Brücke gebaut und 1908 auf ihre heutigen Dimensionen verbreitert.
Als man 1774 Schrepfers Leichnam ins Lazarett brachte, überquerte man hier den Steg und lief die (heutige) Jacobstraße entlang praktisch direkt hinein ins Lazareth. Das haben wir nun gefunden. Aber wo war der Gottesacker, auf dem Schrepfer beerdigt wurde? - Leonhardi hat es aufgeschrieben: "Zu dieser Anstalt gehört auch ein hinter derselben im Rosenthale an der Elster liegender Begräbnißplatz, auf welchen in der Regel auch alle diejenigen begraben werden, welche sich selbst entleibet haben."
Womit wir jetzt auch wissen, warum Schrepfer nicht auf dem (Alten) Johannisfriedhof begraben wurde, sondern hier. Als Selbstmörder. Der er vielleicht nicht war. Otto Werner Förster hat auch eine Karte ausgegraben von 1780, auf der das "Lazareth" etwas detaillierter eingezeichnet ist als bei Leonhardi. Da sieht man, dass es in der Ausdehnung dem Städtischen Krankenhaus auf einer Karte von 1866 entspricht. Auf der Karte von 1866 ist der Friedhof des Krankenhauses eingezeichnet. Doch zwischen ihm und dem Krankenhaus ist ein freier Platz.
Und dieser freie Platz zeigt 1780 die kleinen Kreuze, die auf dem Begräbnisplatz des Lazaretts hinweisen. Hier wurden Leipzigs Selbstmörder begraben. "Da ist wohl auch noch ein Massengrab aus der Völkerschlacht", erzählt Otto Werner Förster. Hier steht kein Grabstein mehr. Hier stehen Gebäude. Die einen rund 100 Jahre alt, die anderen erst 30. Die älteren sind ein paar Villen, in denen unter anderem ein Finanzunternehmen residiert. Seine Fahnen flattern an der Straßenfront. Westlich davon der kleine Parkplatz der Katholischen Gemeinde und der erste Gebäudeteil der 1978/1982 erbauten St. Trinitatis-Kirche. Die wird bald abgerissen, weil auch 2011 noch gilt, was Leonhardi 1799 schrieb: "Die Lage selbst ist zwar etwas feucht ..."
Das ist sie unter anderem auch deshalb, weil hier nicht nur der Elstermühlgraben fließt, sondern etwas weiter nördlich im 18. Jahrhundert auch noch die Pleiße floss - etwa auf Höhe der Emil-Fuchs-Straße - bevor sie durchs Rosenthal ein Bogen nach Norden machte, um sich dann mit der Parthe zu vereinigen. Das war also alles natürliches Auen- und Überschwemmungsland. Und es ist bis heute nicht so stabil, dass ein schwerer Betonbau wie die Trinitatiskirche fest darauf stehen kann. Deswegen wird sie auch - wenn die neue Trinitatiskirche am Martin-Luther-Ring fertig ist, abgerissen. Dann wird zumindest ein Teil des alten Begräbnisplatzes wieder freigelegt, auf dem Leipzigs Selbstmörder einst begraben wurden. "Aber dass man dabei Schrepfers Gebeine findet, bezweifle ich", sagt Förster. "Dazu müsste man schon genau wissen, wo sein Grab war."
Aber das hat auch Gerichtsschreiber Büttner nicht aufgeschrieben.
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