Eine alte Leipziger Staatsaffäre: Der zweifelhafte Selbstmord des Johann Georg Schrepfer
Ralf Julke
14.08.2011
Scherenschnitt von Johann Georg Schrepfer.
Quelle: Otto Werner Förster
Ein wenig Geduld müssen die Leipziger noch haben, dann erscheint Otto Werner Försters Buch über eine der umstrittensten Persönlichkeiten der Leipziger Geschichte: über den "Schwindler, Wirt und Logenmeister Johann Georg Schrepfer". Anfang September soll es vorliegen. Ein echter Staatskrimi, für den Förster beinah geneigt ist, das Stichwort "Sachsensumpf" zu benutzen.
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Denn die Staatsaffäre, die sich da 1774 in Leipzig ereignete, reichte weit hinein nicht nur in die Leipziger High Society, sondern auch bis in den hohen sächsischen Staatsapparat.
Kleines Jubiläum am Rande: Vor 250 Jahren erhielt der in Nürnberg geborene Weinhändler das Leipziger Bürgerrecht. Im selben Jahr heiratete er die Schneiderstochter Johanna Catharina Herr in der Nikolaikirche. Im Hause des Schwiegervaters Johann Heinrich Herr eröffnete er seinen Weinschank. Im Böttchergässchen war das. 1769 übernahm er die Weißledersche Kaffeewirtschaft an der Ecke Barfußgässchen/Klostergasse. Da steht heute "Zills Tunnel".
So richtig zum medialen Ereignis wird Schrepfer ab 1772, als er seine irreguläre "Loge zur ächten Maurerey" gründet und mit Geisterbeschwörungen auf sich aufmerksam macht. So nachhaltig, dass die Geschichte auch 1785 noch immer erzählt und ausgeschmückt wird und einen Sommergast aus dem Schwäbischen fasziniert: Friedrich Schiller. 1787 bis 1789 veröffentlicht Schiller sein Romanfragment "Der Geisterseher (Aus den Papieren des Grafen von O**)" in der Zeitschrift "Thalia". Einiges, was er über den Fall Schrepfer in Leipzig erfahren hat, ist hier eingeflossen. Was den Roman eigentlich zur wichtigsten Schillerschen Leipzig-Literatur macht - wichtiger als das Herumgefummel am "Don Carlos" und dem "Lied an die Freude".
Rätsel um Schrepfers Tod: Selbstmord oder Mord?
Quelle: Johann Georg Schrepfer (Cover-Ausschnitt)
Mancher hat die Schrepfer-Geschichte vermisst in der großen Ausstellung "Erleuchtung der Welt" zum 600-jährigen Jubiläum der Uni Leipzig 2009. Eben gerade weil die Ausstellung zeigen wollte, welche Ausstrahlung die Leipziger Aufklärung hatte. Doch nicht nur Lessing wusste ja schon: Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. Die Aufklärung kommt bis heute nicht ohne ihre finsteres gesellschaftliches Gegenstück aus - Geheimniskrämerei, Obskurantismus, Sektierertum. Gegen-Aufklärung nennt sich das, was einige Leute betreiben, die den unmündigen Bürger so gern unmündig halten wollen. Denn: Die im Dunkeln sieht man nicht nur nicht. Sie wollen bei dem, was sie tun, auch nicht gesehen werden.
Und das betrifft auch einen guten Teil der Staatsgewalten. Heute wie früher. "In seinen Leipziger Kulturköpfen" fasst Förster Schrepfers Ende knapp und bündig so zusammen: "hohe Schulden, Schwindel bei Geisterbeschwörungen fliegt auf, sächs. Hof ist kompromittiert; fast Staatsaffäre. 1774, 8. Okt.: 8 Uhr Selbstmord (?) im Rosenthal ..."
An diesem Selbstmord hat Förster schon seit Jahren gezweifelt. Aber wie klärt man so etwas 235 Jahre später auf? - Klar: Man kniet sich in die Archive. Den Schriften des legendären Stadtgeschichtsschreibers Gustav Wustmann (1844 - 1910) misstraut man sowieso. Die sind denkwürdig, sicher - aber die Aufarbeitung einer 900-jährigen Stadtgeschichte in all ihren Facetten - dass kann kein Einzelner leisten. Da musste sich auch ein Wustmann auf Nachrichten aus zweiter und dritter Hand beziehen. Einige davon waren logischerweise etwas obskur. Auch im Fall Schrepfer.
Schwindler, Wirt und Logenmeister Johann Georg Schrepfer.
Buchcover: Otto Werner Förster
Otto Werner Förster hat sich deshalb in die Archive begeben und dabei Etliches zu Tage befördert, was in den bisher tradierten Schrepfer-Geschichten fehlt, was die Geschichte in anderem Licht erscheinen lässt - und was Details näher beleuchtet. Ein wichtiges Dokument lag zum Beispiel im Stadtarchiv: Der Obduktionsbericht vom 8. Oktober 1774. Aber nicht das Original, sondern eine Abschrift vom 22. Oktober 1774.
Die Obduktion wurde von Dr. Ernst Gottlob Bose, Ordinarius der Medizinischen Fakultät der Uni Leipzig und Stadtphysicus, sowie Johann Georg Hebenstreit, geschworener Stadt-Wundarzt, vorgenommen. Förster hat so seine Zweifel, dass die Abschrift vom 22. Oktober identisch ist mit dem Original vom 8. Oktober. Denn das Protokoll klärt die Frage nicht: Hat er sich nun selbst erschossen - oder wurde dabei von anwesenden Personen nachgeholfen?
Förster hat den Obduktionsbericht einem Mann anvertraut, der beurteilen kann, ob der geschilderte Befund vielleicht doch einen äußeren Einfluss nahe legt: Dr. med. Carsten Hädrich, Rechtsmediziner an der Universität Leipzig. Aber er kann natürlich nur beurteilen, was in der Akte steht.
"Ob es sich um einen Suizid handelt oder nicht, ist anhand der Sektionsbefunde schwer zu beurteilen", schreibt er. "Ungewöhnlich ist der Einschuss im Mundvorhof – und nicht in der Mundhöhle. Denkbar wäre hier ein gewaltsames Einführen der Waffenmündung zwischen den Lippen durch eine fremde Person, wobei ein aktives Aufeinanderpressen der Kiefer (Abwehrverhalten des Opfers) das Eindringen der Waffe in den Mund verhindert hat. Ob typische Festhalte- oder Fesselspuren an den Armen vorlagen, die für eine Fixierung des Opfers sprechen könnten, ist dem Sektionsbericht nicht zu entnehmen."
Da bräuchte man dann die Leiche des Getöteten. Möglichst zeitnah. 235 Jahre sind da schon eine Menge.
Verdächtig findet Förster auch das eifrige Agieren des sächsischen Konferenzministers Friedrich Ludwig von Wurmb, der augenscheinlich größtes Interesse daran hatte, von weiteren Ermittlungen in der "Sache" dringend abzuraten. Es waren hochgestellte Personen aus dem Königshaus verwickelt. Und so wurden die Ermittlungen tatsächlich schnell niedergeschlagen.
Ob der Obduktionsbericht "angepasst" wurde, kann natürlich auch Carsten Hädrich nicht beurteilen. Das, was in der Abschrift vom 22. Oktober 1774 steht, schließt einen Selbstmord auf jeden Fall nicht aus. Hädrich: "Ein vertuschter Mord an Schrepfer scheint mir aber eher unwahrscheinlich – dazu wäre der Mundschuss zu aufwändig; ein Nahschuss in die Schläfe oder das Herz wären einfacher zu bewerkstelligen."
Und es ist nicht das einzige Rätsel um Johann Georg Schrepfer, dem Förster in seinem Buch nachgeht. Das nächste ist ja: Wo ist die Leiche abgeblieben? - Dazu wusste Otto Werner Förster 2005 selbst nicht die richtige Antwort. Jetzt weiß er sie.
Dazu morgen Mehr an dieser Stelle.
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