Ernst-Thälmann-Platz in Volkmarsdorf: Grüne wollen Rückbenennung in Volkmarsdorfer Markt
Ralf Julke
11.08.2011
Ernst-Thälmann-Platz in Volkmarsdorf.
Foto: Ralf Julke
Am Montag, 8. August, strahlte der MDR einen jener Filme aus, die den mitteldeutschen Heimatsender dann und wann auch für das jüngere Publikum interessant machen: In der Reihe "Geschichte Mitteldeutschlands" gab es um 22:05 Uhr die Folge "Ernst Thälmann - Wie er wirklich war".
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Eigentlich gehört Ernst Thälmann (1886 - 1944), seit 1925 Vorsitzender der KPD, eher in die Lokalgeschichte Hamburgs und Berlins. Andererseits ist ohne seine Person und seine Abhängigkeit von Moskau die Geschichte der Weimarer Republik und die unselige Rolle der KPD nicht zu verstehen. "Stalins Marionette oder Held der Arbeiterklasse - wer war Ernst Thälmann wirklich?", fragte der MDR in der Ankündigug schon einmal suggestiv. In der Sendung wurde auf Material zurückgegriffen, das jahrzehntelang unter Verschluss lag, weil es das Heldenbild "Teddy" Thälmanns in der DDR beeinträchtigt hätte.
Etliche Dokumente zeigen, wie stark die Abhängigkeit der deutschen KP-Führung von Stalin war. Historiker halten den grotesken Kampf der Thälmann-KPD gegen die "Sozialfaschisten" der SPD in der Endzeit der Weimarer Republik für einen der wesentlichen Gründe, warum diese erste deutsche Republik am Ende zur Beute der Nationalsozialisten wurde.
Ernst-Thälmann-Platz in Volkmarsdorf.
Foto: Ralf Julke
Die MDR-Sendung zeichnete dabei nicht nur das Bild eines der üblichen politischen Führer, sondern zeigte auch, warum der als Raufbold verschrieene Thälmann bei seinen Anhängern trotzdem beliebt war - und auch, dass er keineswegs der ewige Funktionär war, den die DDR-Geschichtsschreibung aus ihm machte.
"Wie sehr Thälmann die Nazis unterschätzte, merkte er erst, als er wenige Tage nach dem Reichstagsbrand am 3. März 1933 in Berlin von der Polizei verhaftet wurde – übrigens in der Wohnung seiner Geliebten", schreibt der MDR dazu. Die Unterschätzung teilte Thälmann nicht nur mit seiner Partei. Bei der konkurrierenden SPD führte das zu den Reichspräsidentenwahlen 1932 dazu, dass sie nicht mit einem eigenen Kandidaten antrat und auch nicht den Schulterschluss mit der KPD suchte, sondern den greisen Feldmarschall und Royalisten Paul von Hindenburg unterstützte, der im ersten Wahlgang die notwendige absolute Mehrheit knapp verfehlte. Hinter ihm landete Adolf Hitler auf Rang 2. Der KPD-Vorsitzende Thälmann, dessen Partei darauf spekuliert hatte, zahlreiche SPD-Stimmen für ihn zu sammeln, weil ein stockkonservativer Hindenburg nicht wirklich ein Kandidat für sozialdemokratische Wähler sein konnte, landete im zweiten Wahlgang mit 10,1 Prozent der Stimmen auf Rang 3. Die KPD hatte sich verspekuliert, obwohl ihre Wahlplakate bis heute als hellsichtige Voraussage dessen gelten, was dann kam. Der Slogan darauf: "Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler. Wer Hitler wählt, wählt den Krieg."
Thälmann erreichte in diesem zweiten Wahlgang nicht einmal das eigene Wählerpotenzial. Bei den Reichstagswahlen zwei Monate später kam die KPD auf 14,3 Prozent der Stimmen. In die Zeit dieser Wahlkämpfe fällt auch Thälmanns Auftritt auf dem damaligen Volkmarsdorfer Markt. Das ist der Platz, auf dem die 1893 nach Plänen von Julius Zeißig erbaute Lukaskirche steht. Der Platz drumherum erhielt 1907 offiziell den Namen Volkmarsdorfer Markt. Vorher war es schlicht der Markt von Volkmarsdorf, welches 1890 zu Leipzig eingemeindet wurde und in den 1920er Jahren wie die benachbarten Ortsteile Neustadt und Neuschönefeld eines der typischen Arbeiterviertel im Osten der Stadt war.
Die Lukaskirche auf dem Ernst-Thälmann-Platz.
Foto: Ralf Julke
Mit entsprechenden Spuren in der Gebäudesubstanz: Hier war billig gebaut worden und die alten Straßenzüge fielen in der DDR-Zeit als erste in sich zusammen. Hier wurde in den 1980er Jahren deswegen schon flächenmäßig abgerissen. Dafür entstanden all die Plattenbauten, die heute auch den Platz um die Volkmarskirche umgeben. Ein Platz, der für den Passanten namenlos bleibt. Ein Straßenschild findet sich nicht. Ausgeschildert sind nur die angrenzenden Straßen: Lukas-, Elisabeth-, Zollikofer und Dornberger Straße.
Am 9. April 1932, einen Tag vor dem zweiten Wahlgang zur Reichspräsidentenwahl, sprach Ernst Thälmann hier zu seinen Anhängern. Immerhin ein Ereignis, das die Leipziger auch über die nächsten 13 Jahre hin nicht vergaßen. Am 1. August 1945 benannten sie den Platz um. Seitdem heißt er Ernst-Thälmann-Platz. "Zum ehrenden Gedenken des ehemaligen, von den Nationalsozialisten ermordeten Vorsitzenden der KPD und Reichtagsabgeordneten Ernst Thälmann hatte in der DDR jede Stadt eine Thälmann-Straße, eine Thälmann-Schule oder ein Denkmal", stellt nun die Grünen-Fraktion im Leipziger Stadtrat fest.
Am 10. August, zwei Tage nach der eindrucksvollen MDR-Sendung, formulierte sie einen Antrag, der schon am 24. August in die Ratsversammlung soll. Man liest aus dem Antrag heraus, welchen Eindruck die Sendung gemacht hat: "Ernst Thälmann, dem allerdings auch nicht unumstrittenen Arbeiterführer, der langjährig inhaftiert 1944 im KZ Buchenwald ermordet wurde, gebührt ohne Zweifel ein gewisses historisches Verdienst und eine Würdigung als Opfer der Naziherrschaft. Allerdings bestehen nur sehr geringe Bezüge zur Stadt Leipzig, die eine Benennung eines Platzes nicht rechtfertigen. Zudem ist dieser Platz im Volksmund immer der 'Volkmarsdorfer Markt' geblieben, der Name, der ihm 1907 verliehen wurde. Insofern sollte hier eine Rückbenennung mit stadträumlichem Bezug erfolgen."
Sie wollen, dass der Platz rückbenannt wird in „Volkmarsdorfer Markt“, so wie er von 1907 bis 1933 hieß. 1933 war das Jahr, als in Deutschland "jede Stadt" eine Horst-Wessel-Straße oder - wie in Leipzig - einen Horst-Wessel-Platz bekam.
Die Leipziger Ernst-Thälmann-Straße war übrigens die Eisenbahnstraße, die 1991 wieder rückbenannt wurde. Den Namen Ernst-Thälmann-Platz behielt man bei - wohl auch deshalb, weil nicht jeder "Volksmund" ihn Volkmarsdorfer Markt nannte. So ganz vergessen ist auch in Volkmarsdorf nicht, dass das alte Arbeiterviertel auch einmal ein Viertel war, in dem SPD und KPD ihre Stimmen einsammelten.
Die Thälmann-KPD bekam in Leipzig zur Reichstagswahl 1932 immerhin 20,2 Prozent der Stimmen (SPD: 34,1 %). Und auch noch zur Reichstagswahl am 5. März 1933, als die KPD längst verboten war, bekam sie in Leipzig 18,2 Prozent der Stimmen. Zwei Tage vorher war Ernst Thälmann verhaftet worden.
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