Diskussion um Ernst-Thälmann-Platz: Wie korrigiert man eine Legende?
Ralf Julke
19.09.2011
Ernst-Thälmann-Platz in Volkmarsdorf.
Foto: Ralf Julke
Eine heftige Diskussion löste Grünen-Stadtrat Ingo Sasama im August aus, als er für seine Fraktion einen Antrag ins Verfahren brachte, den Ernst-Thälmann-Platz in Volkmarsdorf umzubenennen in Volkmarsdorfer Markt. Dabei wurde er auch persönlich angegriffen. Die Linksfraktion verwies auf eine Diskussion Anfang der 1990er Jahre. "Doch seither hat sich eine Menge geändert", sagt Sasama.
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Offiziell trägt der Platz seit dem 1. August 1945 den Namen Ernst Thälmann, vorher hieß er zwölf Jahre lang Horst-Wessel-Platz und davor - von 1907 bis 1933 - Volkmarsdorfer Markt.
Politische Benennungen von Straßen und Plätzen sind immer problematisch. Nicht nur, weil Zeiten und Wertungen sich ändern. Die Jahre 1933, 1945 und 1990 brachten ganze Fluten von Änderungen. Sehr zur Freude von Stadtplan-Produzenten. Sehr zum Ärger von Postboten und Anwohnern. Dass man den Platz, auf dem seit 1893 die Lukaskirche steht, wieder rückbenennen könnte in Volkmarsdorfer Markt, hätte - vor dem Hintergrund einiger anderer jüngerer Umbenennungen von Straßen - zumindest eine Logik.
Aber warum muss nun der Name Thälmann dran glauben? - Weil wir heute mehr über die Person Ernst Thälmann wissen als bei der letzten Diskussion 1990, sagt Sasama. "Eine Benennung nach Ernst Thälmann scheint uns auf Grund der grundlegend veränderten Bewertung der Person der letzten Jahre und der geschichtlichen Rolle von Ernst Thälmann auch auf Grund neu gefundener Dokumente, die bislang unbeachtet im Berliner Bundesarchiv schlummerten, nicht mehr gerechtfertigt. Diese Aufarbeitung geschah leider weitgehend unbemerkt und unter aktiver 'Deckelung' der neuen Tatsachen und Bewertungen durch Die Linke."
Mit Einschränkungen, denn auch Die Linke ist ein durchaus bunter Haufen. Am 16. April 2011 schrieb auch das "Neue Deutschland": „Der Thälmann-Mythos in der DDR hatte mit der historischen Person nur noch wenig zu tun. Ernst Thälmann wird als kämpfender, irrender, strategisch überforderter, leidender, standhafter, Stalin dienender und zugleich von diesem gedemütigter und fallengelassener Kommunist gezeichnet. Thälmann ist keine Ikone mehr.“
Das war er in DDR-Zeiten. Nicht nur war eine kritische Auseinandersetzung mit der Person des 1886 geborenen KPD-Vorsitzenden, der 1944 auf persönlichen Befehl Hitlers ermordet wurde, unerwünscht - Thälmann musste auch als eine jener vielen, glatt gebügelten Heiligenfiguren des sozialistischen Propagandismus herhalten, die in ihrer Helden-Präsenz schon früh erstarrten. So wie Karl Liebknecht und Rosa Luxemberg. Die öffentlichen Biografien waren redigiert, kritische Forschung unerwünscht.
Was auch mit der Rolle der KPD in der Weimarer Republik, in der Hitlerzeit und der Installation des Ulbrichtschen ZK ab 1945 zu tun hatte. Auch deshalb hatte die SED-Führung 1988 so eine Angst vor der sowjetischen Glasnost, denn man wusste sehr wohl, dass in sowjetischen Archiven einige Dokumente lagen, die ein neues und nicht allzu erfreuliches Licht auf die Rolle der alten KPD-Führung, die ab 1945 den Zugriff auf die Macht in der sowjetischen Besatzungszone bekam, werfen würden. Die eigenen Archive hatte man noch unter Kontrolle. Die sozialistischen Säulenheiligen waren aufgeteilt und wurden von besonders vertrauenswürdigen Genossinnen und Genossen betreut. Die Biografien, die veröffentlicht wurde, waren gesäubert - und in der Regel derart mit parteipolitischem Kauderwelsch gespickt, dass sie auch unlesbar waren.
Die 1980 im Dietz Verlag veröffentlichte zweibändige Thälmann-Biographie von Günter Hortzschansky gehört dazu. Die wirklich kritischen biografischen Arbeiten zum einstigen KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann konnten erst eine ganze Weile nach den gesellschaftlichen Veränderungen von 1989/1990 erscheinen. Auch Forschung braucht Zeit. Erst recht, wenn sie trotzdem der Person gerecht werden will, über die sie schreibt.
Ernst-Thälmann-Platz in Volkmarsdorf.
Foto: Ralf Julke
Das Buch, das das "ND" im Frühjahr zu seinem recht eindeutigen Urteil brachte, war das im April im Olzog Verlag erschienene Buch von Armin Fuhrer "Ernst Thälmann. Soldat des Proletariats". Für ähnliche Furore sorgte auch das 2003 im Aufbau-Verlag erschienene Buch "Der Thälmann-Skandal. Geheime Korrespondenzen mit Stalin" von Hermann Weber und Bernhard H. Bayerlein. Für Sasama ebenfalls wichtig: Eine 2006 bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen erschienene Broschüre des Berliner Historikers und Thälmann-Forschers Ronald Sassning.
Wobei für ihn die Arbeit von Armin Fuhrer durchaus aufschlussreich war: "Der Konservative Historiker Fuhrer bekundet gegen Ende zwar seinen persönlichen Respekt für Thälmann, hatte dieser doch in NS-Haft nicht andere Genossen denunziert. Gleichwohl macht der Autor deutlich, dass Thälmann durch die Fixierung auf die Sozialdemokratie als Hauptfeind (Sozialfaschismus-Theorie) und die Unterschätzung des Nationalsozialismus zumindest indirekt zum Weg der Hitler-Partei an die Macht beigetragen hatte. Unter Thälmanns Leitung konzentriert sich die KPD vor allem auf die politische Bekämpfung der SPD und nennt deren Mitglieder in Übereinstimmung mit Stalin 'Sozialfaschisten'. Er schwächte so die SPD als wichtigsten Verteidiger der Demokratie durch den ständigen massiven Druck entscheidend."
Für die starke Fixierung auf diesen Aspekt wurde Fuhrer auch schon vehement kritisiert. Doch das Problem der Weimarer Republik war es tatsächlich, dass es eigentlich nur eine Partei gab, die wirklich für den Erhalt dieser demokratischen Republik einstand - die Sozialdemokraten. Während die meisten bürgerlichen Parteien im Verlauf der Weimarer Republik immer deutlicher nationalistische und republikfeindliche Töne anschlugen. Besonders exemplarisch: die Deutschnationale Volkspartei, deren Vorsitzender 1928 der mächtige Verleger Alfred Hugenberg wurde, dessen Medienimperium das Seine dafür tat, die Republik und ihre Vertreter zu diskreditieren und den Nationalsozialisten den Weg an die Macht zu bereiten.
In so einem Spannungsverhältnis spielt es eine entscheidende Rolle, ob eine Partei wie die KPD ebenfalls in ihrem Sinne auf den Sturz der Republik hinarbeitet und dabei auch noch den Hauptteil ihrer Kraft darauf verwendet, die ungeliebte Konkurrenz als "Sozialfaschisten" zu bekämpfen. Was die KPD nach der Wahl Ernst Thälmanns und dem Sturz der Vorsitzenden Ruth Fischer 1925 immer stärker tat. Schon der Sturz der 1895 in Leipzig geborenen Ruth Fischer war von Stalin eingefädelt. Genauso wie die Installation Thälmanns als Vorsitzender und seine Rettung 1928 im Wittorf-Skandal. Danach verschärfte er auf Moskauer Weisung die Attacken auf die SPD. Sein Versuch, nach der "Machtergreifung" Adolf Hitlers 1933 einen gemeinsamen Generalstreik mit der SPD zu initiieren, kam viel zu spät. Zu dem Zeitpunkt hatte auch der Aktionismus der KPD dazu geführt, dass die Weimarer Republik sturmreif geschossen war für die Übernahme durch skrupellosere Parteigänger.
Das Tragische an Thälmann ist seine große Hoffnung gewesen, dass Stalin, dem er so treu und widerspruchslos gedient hatte, ihn aus der Haft befreien würde. Im Sommer 1935 schrieb er in einem geschmuggelten Brief: „Warum seid ihr solche Schweinekerle und lasst mich hier im Stich.“
Sasama: "Ein Befreiungsversuch war gescheitert, ein anderer von Stalin persönlich im letzten Augenblick abgesagt. Der sowjetische Diktator, dem Thälmann jahrelang als Marionette unterwürfig gedient hatte, hat ihn, wohl auch auf Intervention des damals in Moskau lebenden Ulbricht, fallen gelassen."
Ernst-Thälmann-Platz in Volkmarsdorf.
Foto: Ralf Julke
Eben jener Walter Ulbricht wurde ab 1945 nicht nur der neue starke Mann im Osten Deutschlands. Er sorgte auch dafür, dass um den geopferten "Teddy" Thälmann all jene Legenden gestrickt wurden, die das Thälmann-Bild in der DDR prägten - ob in Büchern oder in den großen, aufwändig produzierten Thälmann-Filmen. Ganz zu schweigen von den vielen Thälmann-Denkmälern, -plätzen und -straßen im Land. Als toter Held konnte er dieser Vereinnahmung nicht mehr widersprechen.
Die neueren Forschungen zeigen Ernst Thälmann durchaus mit seinen Irrtümern, Vorurteilen, Abhängigkeiten. Was ihn sympathischer, weil menschlicher macht. Damit wird aber auch das alte Schisma der Linken wieder sichtbar - nämlich das zwischen Persönlichkeiten wie Ruth Fischer, die wie viele andere "Ultralinke" aus der thälmannschen KPD gedrängt wurde, und jenen, die meinten, sie müssten diese Partei zu einer "Partei neuen Typs" nach stalinschem Muster machen und ihre Anweisungen künftig aus Moskau empfangen.
Und es waren stets die Letzteren, die in der DDR das Sagen hatten. Und der Kult um Ernst Thälmann, aber auch um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, diente immer auch dazu, diese Tatsache zu verschleiern.
"Zahlreiche Persönlichkeiten in der KPD, die Thalheimer, Brandler, Ewert, Meyer usw., die zu einer wirklichen Analyse der politischen Verhältnisse und zu den notwendigen Schlussfolgerungen für die Politik der KPD fähig gewesen wären, waren in den Jahren zuvor unter entscheidender Mitwirkung von Thälmann - und in nicht wenigen Fällen auf seine persönliche Initiative hin - aus der Partei gedrängt oder innerhalb der Partei mundtot gemacht worden", erklärt Sasama, nachdem er sich eingehender mit der Rolle Ernst Thälmanns und der KPD in der Weimarer Republik beschäftigt hat. "Im September 1927 beklagte Clara Zetkin gegenüber Nikolaj Bucharin die 'Kliquentreibereien', die das ganze Parteileben vergifteten. Thälmann, 'kenntnislos und theoretisch ungeschult', sei in 'kritikloser Selbsttäuschung und Selbstverblendung' befangen, 'die an Größenwahn grenzt'."
"Alle diese Fakten sind inzwischen anerkannt – auch, und das war mir hier besonders wichtig – von Historikern, die zweifelsfrei der Linkspartei zuzurechnen sind", sagt Sasama. "Ihm gebührt ohne Zweifel eine Würdigung als langjähriger Inhaftierter der Nazis, der wohl in seiner Haft auch niemanden verraten hat. Ebenso dafür, dass er von den Nazis heimtückisch ermordet wurde. Dies jedoch rechtfertigt allein keine Benennung einer Straße oder eines Platzes."
Nur hilfsweise könnte noch ein Leipzig-Bezug Anlass geben, so Sasama. Doch außer seinen Reden auf Kundgebungen 1926 im Felsenkeller, 1929 in der Kongresshalle und 1932 auf dem Volkmarsdorfer Markt gibt es da nichts. Das sei zu wenig, sagt Sasama.
Und ein guter Redner sein Thälmann wohl auch nicht gewesen: "Publizistin und KPD-Mitglied Margarete Buber-Neumann, die später durch ihre persönlichen Erinnerungen an die Hitler- und die Stalin-Diktaturen bekannt wurde, schrieb: 'Ich war erschüttert vom Niveau seiner Reden. Sie schienen mir ein Gemisch aus primitivstem Gefasel und missverstandenem marxistischen Jargon zu sein.'"
Für Sasama ist klar: "Als Fazit ist zusammenzufassen, dass aus historischer Sicht eine Benennung nach Ernst Thälmann nicht mehr zu rechtfertigen ist." Der Mythos sei nicht mehr zu halten. Und wenn mittlerweile andere Erkenntnisse vorlägen, sei auch durchaus eine Diskussion wie 1990 unter neuen Gesichtspunkten zu führen.
"Ich möchte zunächst der Legendenbildung vorbeugen und daran erinnern, dass wir als Fraktion sehr um ein differenziertes Geschichtsbild bemüht sind", sagt Sasama. "So darf ich daran erinnern, dass an den Stimmen meiner Fraktion und der meinen die Umbenennung der Georg-Schumann-Straße, dieses aufrechten Widerstandskämpfers gegen Hitler, gescheitert ist. Ebenso haben wir mit der Ehrung von Pater Aurelius Arkenau und der differenzierten Bewertung der Teilumbenennung der Jahnallee in Ranstädter Steinweg verantwortungsvolles Handeln gezeigt. "
Die Um- oder Benennung von Straßen und Plätzen sei immer Angelegenheit der ganzen Bürgerschaft und könne nur teilweise von der Stimmung vor Ort beeinflusst werden. "Uns liegen durchaus viele positive Meinungsäußerungen dazu vor", sagt er. Auch zur Rückbenennung in Volkmarsdorfer Markt.
Der Antrag wurde auf der letzten Ratsversammlung zur Diskussion in die Ausschüsse zurückverwiesen. Ist damit also nicht vom Tisch. In den Ausschüssen sind jetzt wieder die Fachvertreter der Fraktionen gefragt, sich ein Urteil zu bilden.
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