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Neuer Historischer Leipzig-Kalender: Eine Stadt mit allerlei Wasser

Ralf Julke
Kalenderpräsentation am Elstermühlgraben.
Kalenderpräsentation am Elstermühlgraben.
Foto: Ralf Julke
Auch für 2012 gibt es wieder einen - groß, olivgrün und historisch: den Kalender "Historisches Leipzig", den die Leipzig Tourismus und Marketing GmbH seit ein paar Jahren gemeinsam mit dem Stadtgeschichtlichen Museum herausgibt. Das Markenzeichen des Kalenders sind die großformatigen Fotografien aus dem Archiv des Museums. Auch 2012 geht's auf diese Weise retour ins 19. Jahrhundert.

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Das Titelbild ist diesmal wieder eines aus der Fotowerkstatt des legendären Leipziger Fotografen Hermann Walter, der die Stadt in ihrer größten Umbauphase abgelichtet hat. Deswegen gibt es von ihm auch zahlreiche Fotos, die noch das alte Leipzig zeigen mit seiner kleinteiligen Bebauung. Und in diesem Fall auch den Elstermühlgraben, wie er mitten durch den Ranstädter Steinweg floss. Ein Foto von 1875, also quasi fast in letzter Minute aufgenommen.

Denn dieses Stück Mühlgraben war das erste, das in Leipzig überwölbt wurde. In diesem Fall nicht, weil die Brühe, die durchfloss, stank - so wie das in den 1950er Jahren der Fall war, sondern weil die alte Straße in ihrer kompletten Breite als Magistrale gebraucht wurde. Unter anderem auch für das neue Transportmittel: die Pferdebahn.

Die rollte seit 1872 durch Leipzig - auch in den Leipziger Westen. Doch nicht durch den Ranstädter Steinweg, sondern über die Weststraße, die heutige Friedrich-Ebert-Straße. Im Ranstädter Steinweg - man sieht es auf Walters Bild - war gar kein Platz für irgendwelche Gleise. Die Straße rechts und links des Mühlgrabens war noch genauso schmal wie zur Zeit der Völkerschlacht, als Napoleons Truppen genau hier ins Dilemma gerieten und eine Elsterbrücke zu früh gesprengt wurde. Es gab zwar noch einzelne Stege bis hin zum Schulplatz (vorm heutigen Naturkundemuseum) und der Frankfurter Brücke - aber das war für zehntausende flüchtende Soldaten natürlich viel zu wenig.

Das Kalendertitelblatt zeigt den Elstermühlgraben um das Jahr 1875.
Das Kalendertitelblatt zeigt den Elstermühlgraben um das Jahr 1875.
Foto: Ralf Julke

In der Perspektive des Fotos von Hermann Walter dominiert noch das Haus "Zur goldenen Sonne", seinerzeit Frankfurter Steinweg 2. Es stand dort, wo heute das markante Haus mit dem Restaurant "Rodizo" steht und seit 2008 die Treppe neben der Brücke hinunterführt zum Elstermühlgraben. Die südliche Seite des Ranstädter Steinwegs wird noch von den vielen schmalen Häusern des Naundörfchens bestimmt, die nördliche von den alten Gasthöfen, in denen zu Messezeiten die Fuhrleute abstiegen.

Wenn das Foto wirklich 1875 aufgenommen worden sein sollte, dann war schon drei Jahre später alles ganz anders - denn dann wurde der Elstermühlgraben hier in einer Röhre verpackt. 1881 wurden oberhalb dieser Röhre dann die Gleise der Pferdebahn verlegt, die am 24. Dezember 1881 erstmals durch den Ranstädter Steinweg und die Frankfurter Allee Richtung Plagwitz fuhr. Ab 1896 rollte dann auch hier die Elektrische. Bis 2005, bis der Umbau der Jahnallee (wie das Straßenstück mittlerweile hieß) begann. Im gleichen Jahr wurde die Straße in Ranstädter Steinweg rückbenannt. Der Elstermühlgraben wurde auf die Südseite der Straße verlegt, dorthin, wo auf Walters Foto noch die Häuser des Naundörfchens stehen. Der alte Mühlgraben wurde verfüllt. Dort, wo er auf Walters Foto noch friedlich gen Frankfurter Brücke fließt, strömt heute der Auto- und Straßenbahnverkehr.

Dabei ist weder der Ranstädter Steinweg noch der Elstermühlgraben Hauptthema des Kalenders. "Grüne Stadt am Wasser" heißt diesmal das Oberthema für die ausgewählten 13 Fotografien von Hermann Walter, Alfred Naumann und Max Merseburger, die die alte Wasserstadt Leipzig im späten 19. Jahrhundert zeigen.

Volker Bremer, Marit Schulz und Volker Rodekamp mit dem neuen Kalender am heutigen Elstermühlgraben.
Volker Bremer, Marit Schulz und Volker Rodekamp mit dem neuen Kalender am heutigen Elstermühlgraben.
Foto: Ralf Julke
"Anlass", so erzählt Marit Schulz, Prokuristin des LTM, "war die Tatsache, dass die Wasserstadt in diesem Jahr so viel Wirbel machte mit der Eröffnung von Kurs 1." Das ist die Paddelstrecke, die im Frühsommer eröffnet wurde und auf der die sportlichen Wasserwanderer mittlerweile vom Schreberbad über Connewitzer Wehr und Floßgraben bis zum Cospudener See paddeln können. Die Unsportlichen fahren mit den motorbetriebenen Booten der Leipzigboot-Klasse mit, trinken ihren Kaffee dabei und lassen sich von den Bootskapitänen was erzählen über den Wassertourismus des 19. Jahrhunderts, über Flussbäder, Wassermühlen, Ausflugslokale und das Hamburg-Projekt des Kaufmanns Karl Heine.

Etliches davon ist mit eindrucksvollen und eher selten veröffentlichten Fotos in diesem Kalender abgebildet. Kleine Texte erzählen dazu die jeweilige Historie. Nicht alles liegt direkt an "Kurs 1". Denn Wasser schwappt ja auch in den Teichen im Johannapark, auf denen damals eifrigst Schlittschuh gelaufen wurde, oder im Mühlgraben in Connewitz.

Der Elstermühlgraben am Ranstädter Steinweg heute.
Der Elstermühlgraben am Ranstädter Steinweg heute.
Foto: Ralf Julke
Aber wie man sehen kann: Es gehörte damals in vielfältiger Weise zum Stadtbild."Und man sieht in diesen Fotos, wie beeindruckend Leipzig einmal war", sagt Volker Rodekamp, Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums, "wie beeindruckend es vielleicht heute sogar wieder ist." Für ihn sind die Kalender der Reihe "Historisches Leipzig" ein Imageträger für die Stadt. "Wenn ich Leute in anderen Städten damit beschere, bekomme ich immer ein großes Staunen darüber zu hören, wie schön Leipzig damals war."

Und noch einen Effekt hat der Kalender für das Museum: Er hat dem Fotoarchiv des Hauses schon viele hundert Neuzugänge an historischen Fotos beschert. "Die Leute rufen - wenn sie ein Motiv im Kalender entdecken - bei uns an und fragen: Wollt ihr noch mehr davon haben", erzählt Rodekamp. Natürlich sagt er da nicht nein. Manche dieser Bilder wird man künftig in Ausstellungen oder in weiteren Kalendern bewundern dürfen.

Und Volker Bremer, Geschäftsführer des LTM, sieht noch einen weiteren Effekt: "Als wir mit der Reihe begannen, war die Aufmachung des Kalenders ein Alleinstellungsmerkmal. Heute kommt man in den Buchladen und sieht gleich ein Dutzend Kalender mit alten Leipziger Stadtansichten."

Den LTM und das Stadtmuseum ärgert das nicht mal. Denn ihren Kalender drucken sie Jahr für Jahr nur in einer Auflage von 2.500 Stück. Und die richtigen Sammler, die es längst gibt, scharren schon mit den Hufen, noch bevor er in den Buchläden erscheint. Den Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums freut der Boom sogar, denn so spürt er selbst, wie das Interesse der Leipziger für die Geschichte ihrer Stadt wächst.

Der Kalender „Historisches Leipzig“ wird bereits seit über zehn Jahren herausgegeben und ist mittlerweile zum Liebhaberstück geworden. Er ist für 19 Euro im Buchhandel und in der Tourist-Information (Katharinenstraße 8) erhältlich. Er erscheint im Hochformat 40 x 50 cm mit Schwarz-Weiß-Fotografien. Partner der „Leipziger Freiheit“ ist das Stadtgeschichtliche Museum. Die Bestell-Nummer lautet 4260014530122.


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