Eine Tafel zum Geburtstag: Schönefelder erinnern an den Philosophen Moritz Lazarus
Gernot Borriss
13.09.2011
Linde und Straßenschild in der Lazarusstraße.
Foto: Richard Gauch
An den Philosophen und Psychologen Moritz Lazarus (1824 - 1903) erinnert ab dem kommenden Donnerstag, 15. September, in Schönefeld eine Erläuterungstafel. An der Kreuzung Lazarusstraße/ Ecke Leostraße besaß Lazarus einst ein Sommerhaus. Als Jude musste er lange dafür kämpfen, in deutschen Landen Professor zu werden.
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Seit 2004 wohnt die Liedermacherin Brigitte Lange in der Lazarusstraße in Schönefeld. In gewohnter Neugier habe sie damals den Straßennamen hinterfragt. Dabei ist sie "auf komplexe Kultur- und Geistesgeschichte, ein ganzes 19. Jahrhundert und einen gewaltigen antisemitischen Rufmord durch Propaganda, Büchervernichtung und Totschweigen gestoßen", wie Brigitte Lange der L-IZ erzählt.
Die Person Lazarus ließ sich nicht mehr los. Wenn sich am kommenden Donnerstag der Geburtstag des Philosophen jährt, werden Schönefelder an ihn erinnern.
Um 18 Uhr werden der Bürgerverein Schönefeld, die Gruppe "Gedenkmarsch", die örtliche Bundestagsabgeordnete Dr. Barbara Höll MdB (Die Linke) und Barbara Lange eine Erläuterungstafel zum Straßenschild Lazarusstraße enthüllen. An der Ecke zur Leostraße, wo sich einst das Sommerhaus von Moritz Lazarus befand.
Ab 19 Uhr wird Brigitte Lange über Person und Leben des Namenspatrons ihrer Straße sprechen. Ihre Erläuterungen wird die "Liedertante", wie sie sich selbst nennt, mit jiddischen und eigenen Liedern musikalisch umrahmen. Diese Veranstaltung findet im Wahlkreisbüro von Barbara Höll in der Gorkistraße 120 statt.
Noch ohne Erläuterungstafel: Straßenschild Lazarusstraße.
Foto: Richard Gauch
Lazarus sei bereits im 19. Jahrhundert von antisemitischen Kreisen diskriminiert worden, nennt Brigitte Lange als einen Grund für ihr Engagement. Später hätten die Nationalsozialisten die Bedeutung, wie auch das Andenken an ihn beinahe gänzlich getilgt. Deshalb "habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, mit diesem Erläuterungsschild, und idealerweise später mit einem Gedenkstein oder einer Erinnerungstafel an genannter Stelle, wenigstens im Straßenbild auf ihn hinzuweisen", so Lange weiter.
Die Politikerin Barbara Höll will mithelfen, "an einen Menschen zu erinnern, der als jüdischer Mitbürger in Leipzig als Wissenschaftler von europäischem Rang viel für die Entwicklung der Israelitischen Gemeinde beigetragen hat." Die kurze und missverständliche Bezeichnung "Lazarusstraße" werde dieser Bedeutung nicht gerecht. In der Tat denkt man bei dem Straßennamen eher an eine biblische Figur, als an einen Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts.
Sein vielfältiges Wissen und seine humanistische Bildung hätten Lazarus nicht nur zu bedeutenden Leistungen wie der Völkerpsychologie, die später von Wilhelm Wundt weiterentwickelt wurde, befähigt, so Höll weiter. Ihm gelang auch das Knüpfen von Netzwerken zwischen so bekannten Künstlern wie Theodor Fontane und Clara Schumann. Letztere zählte zu jenen, die im Lazarus'schen Sommerhaus in Schönefeld verkehrten.
Die Linde in der Lazarusstraße wird auch in zeitgenössischen Quellen erwähnt.
Foto: Richard Gauch
"Lazarus war zu seiner Zeit ein hochberühmter Philosoph und Psychologe, den heutzutage außer den Gelehrten und den ewig Fragenden kaum noch einer kennt", resümiert Brigitte Lange. Seine geistige Erfindung, die "Völkerpsychologie", sei damals sehr geachtet gewesen. Seine Theorien bilden aus Sicht von Lange so etwas wie die Basis für unsere heutige Sozio- und Kulturwissenschaft.
Geboren wurde Moritz Lazarus in der Nähe des heutigen Poznan. Die Gegend gehörte damals zu Preußen. In Braunschweig holte er das Abitur nach und studierte ab 1847 in Berlin Philosophie und Psychologie.
Ab 1862 wirkte Lazarus als Professor für Psychologie und Völkerpsychologie im schweizerischen Bern. Alsbald avancierte er dort zum Dekan der Philosophischen Fakultät und schließlich zum Rektor der Universität.
In deutschen Landen war ihm, wie allen Juden, der Zugang zu Lehrstühlen noch versperrt. Erst 1873 wurde er als Folge der damaligen staatsbürgerlichen Gleichstellung der Juden Professor in Berlin.
In Leipzig verweilte er mehrfach. Im Jahre 1869 präsidierte er in der Messestadt einer jüdischen Synode, die zur Gründung eines jüdischen Gemeindeverbundes in Leipzig führte, wie Brigitte Lange hervorhebt. Das Sommerhaus in Schönefeld entstand um 1872.
Idyllische Zeiten waren es damals keineswegs. Auch das deutsche Kaiserreich erlebte ein erstes antisemitisches Vorbeben. "Das antisemitische Kesseltreiben gegen Lazarus begann bereits in den 1870er und 1880er Jahren im Rahmen des allgemeinen Antisemitismusstreits" jener Jahre, betont Lazarus-Forscherin Lange. Der unrühmliche Gipfelpunkt sei 1933 erreicht worden, als "die Hitler-Regierung die Bibliothek der von Lazarus gegründeten Hochschule für Jüdische Wissenschaften in Berlin - dem heutigen Leo-Beck-Institut und Sitz des Zentralrats der Juden - ausräumte und
vernichtete".
Seinen Lebensabend verbrachte Lazarus von 1897 bis 1903 in Meran.
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