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Eine Gedenktafel in der einstigen Auenstraße: Wer war eigentlich Rudolf von Gottschall?

Ralf Julke
Das Stadtpalais in der Hinrichsenstraße.
Das Stadtpalais in der Hinrichsenstraße.
Foto: Ralf Julke
Manchmal bieten sich ja solche sonnigen Feiertage im Frühherbst geradezu an. Man spaziert durch die Ecken der Stadt, die man in der Hast des Alltags meist links oder rechts liegen lässt. Schaut sich um, freut sich, wie liebevoll in dieser Stadt seit 20 Jahren saniert und wiederhergestellt wurde. Und liest dann unverhofft eine Tafel, die man vorher nie wahrgenommen hat.

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Etwa am im letzten Jahr eindrucksvoll sanierten Wohnhaus Hinrichsenstraße 1b. "Stadtpalais" beschreibt der Sanierer, die Limes Wohnbau GmbH, das, was hier entstanden ist. Ein kleines Palais ist es auch geworden. Man sieht ihm nicht mehr an, dass es 1870 vom Leipziger Architekten Otto Klemm für einen Schokoladen- und Bonbonfabrikanten als Produktions- und Kontorhaus errichtet wurde.

Die Produktion war im Erdgeschoss. Die große Toreinfahrt sieht man noch rechts vom Haus. Dahinter verbirgt sich heute ein kleines Atrium, das zur Wohnung im Erdgeschoss gehört. Wohnen, wo einst Schokoladen und Pralinen hergestellt wurden, in Leipzig ist das sogar mitten im Waldstraßenviertel möglich. Links neben dem Haus stand einmal die große Heizungsanlage. Sie ist mittlerweile verschwunden. Im ersten Geschoss hatte der Süßigkeitenfabrikant sein Kontor. Das große helle Chefzimmer blickt auf den Elstermühlgraben hinaus. Trotzdem wohl nicht vorstellbar, wie das hier mal aussah in jener Zeit, als Möbel noch aus schweren dunklen Hölzern geschnitzt waren, Schreibtische wuchtige Immobilien waren und Fenster mit schweren Stoffen umkleidet wurden. Als man auch noch dunkle Tapeten, Böden und Türfarben bevorzugte. Ein wenig davon zu erkennen ist auf einem Foto, das irgendwann zwischen 1888 und 1909 entstand: Es zeigt den berühmtesten Bewohner des Hauses, den Schriftsteller, Dramatiker, Literaturkritiker und Herausgeber Rudolf von Gottschall.

Ihm ist auch die Tafel gewidmet, die der Verein für die Geschichte Leipzigs, Vorgänger des heutigen Leipziger Geschichtsvereins, an der Fassade anbringen ließ: "Hier wohnte und starb Rudolf von Gottschall. 30. Sept. 1823 - 21. März 1909". Mehr steht nicht da, der Passant darf sich etwas denken. Wenn er aus Gohlis kommt, hat er den Namen zumindest schon einmal gelesen. Dort gibt es seit 1909 die Gottschallstraße. Benannt eben nach diesem Mann, der 1888 in das obere Stockwerk der Schokoladenfabriksvilla zog.

Das Schild liest sich so, als müsste man den Mann kennen. So wie Johann Christoph Gottsched und Henriette Goldschmidt, um mal zwei nahe liegende Leipziger Namen zu nennen. Oder wie Gustav Freytag, nach dem in der Leipziger Südvorstadt eine Straße benannt ist. Den Schriftsteller, der in Leipzig von 1848 bis 1870 die Zeitschrift "Die Grenzboten" herausgab, kennt man zumindest dem Namen nach. Seine bekanntesten Bücher werden sogar heute noch immer wieder aufgelegt - "Soll und Haben" heißt eins, "Die Ahnen" ein anderes, ein drittes "Bilder aus der deutschen Vergangenheit".

Fenster im Erdgeschoss mit der Gedenktafel für Rudolf von Gottschall.
Fenster im Erdgeschoss mit der Gedenktafel für Rudolf von Gottschall.
Foto: Ralf Julke

Er wohnte sogar einmal ganz in der Nähe: Rosenthalgasse 2, "bei Hutmacher Haugk". Das war 1846. Es wäre zu hübsch gewesen, sich das auszumalen, wie sich der 1816 geborene Freytag und der 1823 geborene Gottschall auf der Gustav-Adolf-Brücke begegnen. Der eine aus der Rosenthalgasse kommend, der andere aus der Hinrichsenstraße, die damals auf diesem Teilstück am Elstermühlgraben noch Auenstraße hieß. Begegnet sind sie sich hier aber nicht. Als Gottschall 1888 in die Schokoladenvilla zog, war Freytag schon fortgezogen - 1879 verließ er Leipzig.

Rudolf Gottschall war 1864 in die Stadt gekommen. Noch ohne "von". Das "von" musste er sich erst verdienen. Für sein Frühwerk hätte er es nicht bekommen. Das ging Manchem so, der im 1871 gegründeten Kaiserreich preußischer Nation zu Ehren kam. Vorher war man da manchmal sehr rebellisch. Manchmal erfasst der widerborstige Geist auch Söhne aus staatstreuer Familie. Gottschall wurde 1823 als Sohn eines preußischen Artillerieoffiziers in Breslau geboren. Papa schickte ihn zum Studium. In Breslau und Königsberg studierte der junge Mann Jura und Philosophie, was Nützliches und was Schöngeistiges. Jura war, wenn man es richtig anstellte, das Eintrittsbillett in den Staatsdienst.

Doch Rudolf G. war ein kritischer Kopf. Das buntgefleckte Deutschland steckte im so genannten Vormärz. Das sind die Jahre vor der missglückten Revolution von 1848. Man ging noch nicht auf die Barrikaden. Aber man griff zur Feder und löckte wieder den Stachel des zensurierten Biedermeier. Das tat auch Carl Rudolf. Das war Gottschalls Pseudonym. Und für all das, was er bis 1848 veröffentlichte, hätte er niemals ein "von" bekommen.

Aus der Villa mit Fabrik und Kontor wurde ein schmuckes Stadtpalais.
Aus der Villa mit Fabrik und Kontor wurde ein schmuckes Stadtpalais.
Foto: Ralf Julke
"Lieder der Gegenwart" von 1842 hört sich noch brav an. "Censur-Flüchtlinge" von 1843 schon nicht mehr. Und wer 1843 ein Drama "Ulrich von Hutten" benannte und 1845 eines gar "Robespierre", der stand zumindest schon halb im Publikationsverbot. Fast folgerichtig, dass Rudolf G. sowohl die Uni in Königsberg als auch die in Breslau wegen politischer Betätigung verlassen musste. Seinen Doktortitel in der Juristerei erwarb er dann 1846 in Berlin. Jetzt hätte er, um doch noch Karriere machen zu können, brav werden müssen.

Aber 1848 war auch mal richtige Revolution in Deutschland. Zumindest der Versuch einer solchen. Die Deutschen sind nicht wirklich zu kräftigen Umstürzen geboren. Sie schreiben lieber Bücher mit Feuer drin. "Barrikaden-Lieder" zum Beispiel, womit sich Carl Rudolf 1848 mehr als nur aus dem Fenster lehnte. 1849 packte er noch eins drauf: "Die Marseillaise. Dramatische Gedichte".

Eine Kostprobe aus dem Gedicht "Den Berliner Helden" aus den "Barrikaden-Liedern":

"Die Fahne steht; die Fahne sinket nicht!
Zum blut’gen Freiheitskampf, ihr theuern Brüder;
Das Herz ist ganz, ob auch das Auge bricht!
Die Furien des Bürgerkrieges wüthen;
Mit Blut und Feuer tauft der große Tag!"

Davon erzählt die Tafel am Haus in der Hinrichsenstraße nichts. Und der Geschichtsverein, der sie anbringen ließ, hätte sich 1909 auch gehütet, derartiges auch nur zu erwähnen. Wen man da tatsächlich ehrte, das war der Carl Rudolf, der sich ab 1855 zu einem der namhaftesten Autoren des Landes entwickelt. 1855 legte er eine Fleißarbeit vor: "Die deutsche Nationalliteratur in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts", zwei Bände. Parallel machte er sich als Autor von Dramen einen Namen, die nicht mehr ganz so revolutionär waren, dafür mehr national oder lustig. Womit er nicht der einzige Autor im Land war, der sein frühes Brennen für eine große deutsche Republik sublimierte, wie es später Doktor Freud so schön benannte.

Hoffmann von Fallersleben ist auch so ein Typ gewesen. Man flüchtete seine frühe revolutionäre Begeisterung hinein in das Herbeisehnen einer einigen großen Nation. Sie wissen ja: Einigkeit und Recht und Freiheit. Deswegen gibt es von Carl Rudolf auch einen Band "Janus. Friedens- und Kriegsgedichte". Erschienen 1873. Das "von" bekam er möglicherweise für seinen 1876 erschienenen dreibändigen Roman "Im Banne des schwarzen Adlers".

Da lebte Rudolf Gottschall schon eine Weile in Leipzig. Seit 1864 genau. Hier arbeitete er - ganz wie zuvor auch Kollege Gustav Freytag - als Herausgeber. Die Monatszeitschriften, die Gottschall betreute, erschienen beide bei F. A. Brockhaus. "Unsere Zeit" hieß die eine, "Blätter für literarische Unterhaltung" die andere.

Die Gedenktafel im Erdgeschoss erinnert daran, dass Rudolf von Gottschall im dritten Stock seinen Lebensabend verbrachte.
Die Gedenktafel im Erdgeschoss erinnert daran, dass Rudolf von Gottschall im dritten Stock seinen Lebensabend verbrachte.
Foto: Ralf Julke
Bis 1888 fungierte Rudolf von Gottschall als Herausgeber. Als er in die Auenstraße zog, war das also das Ende seines Berufslebens. Das Ende seiner Zeit als Autor noch lange nicht. Er blieb so produktiv wie zuvor, 1892 kam der zweibändige Roman "Verkümmerte Existenzen" heraus, 1896 der zweibändige Roman "Moderne Streber", 1897 "Der steinerne Gast". 1898 veröffentlichte er sogar eine Autobiographie: "Aus meiner Jugend". Besonders beliebt waren seine Dramen.

Das stilvoll sanierte Palais trägt heute seinen Namen. Bis zu seinem Tod im Alter von 85 Jahren lebte Gottschall mit seiner Familie im obersten Geschoss des Hauses. Und in seinem Todesjahr war er so bekannt, dass er nicht nur eine Straße bekam, sondern auch eine Tafel, auf der der Geschichtsverein Leipzigs glaubte, nicht einmal den Beruf angeben zu müssen. Gottschall kannte augenscheinlich jeder. Heute sucht man seine Bücher vergeblich. Antiquarisch sind sie da und dort noch aufzutreiben. Vielleicht liest sie auch dann und wann noch ein geschäftstüchtiger Verleger und schüttelt den Kopf und bedauert, dass das alles heute so verschollen klingt wie das wilhelminische Kaiserreich.


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