Ein großes Geschenk für die Stadt Leipzig: Nachlass von Hugo Licht kommt ins Stadtarchiv
Ralf Julke
13.10.2011
Wilhelm Hoppe bestaunt den Nachlass von Hugo Licht.
Foto: Ralf Julke
Solche Pressetermine hat auch Verwaltungsbürgermeister Andreas Müller (SPD) nicht oft: Am Mittwoch, 12. Oktober, durfte er im Ratsplenarsaal den Nachlass von Hugo Licht offiziell entgegen nehmen. Stellvertretend natürlich. Denn letztlich ist das Stadtarchiv, wo schon ein Großteil seiner Unterlagen liegt, der Adressat. An Hugo Licht kommt in Leipzig keiner vorbei.
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2005 hatte er seine ganz große Schau. Da fand im Alten Rathaus die Ausstellung "monumental. Hugo Licht 1841 - 1923" statt, die den einstigen Stadtbaudirektor und Baurat in einem Umfang würdigte, der die Besucher beeindruckte. Der Anlass damals war der Geburtstag seines wichtigsten Leipziger Bauwerkes, des Neuen Rathauses. Das war 100 Jahre zuvor feierlich eingeweiht worden. Viele Sammlungsstücke in der Ausstellung beschäftigten sich mit diesem Bau, für den Hugo Licht schon 1896 - nachdem er den Wettbewerb für den Neubau gewonnen hatte - von seinem Amt als Stadtbaurat beurlaubt wurde.
Aber nicht nur mit dem Neuen Rathaus machte sich der 1841 in Niederzedlitz bei Posen Geborene zu einem der wichtigsten Architekten des Historismus. Schon seit 1879, als ihn Oberbürgermeister Otto Georgi zur Übernahme des Leipziger Bauamtes für das Hochbauwesen bewegte, veränderte er die Stadt maßgeblich. Einige seiner beeindruckendsten Arbeiten wurden im 2. Weltkrieg zerstört - darunter die Städtische Markthalle, der Erweiterungsbau des Bildermuseums am Augustusplatz und das Schiff der Johanniskirche. Andere prägen noch heute das Stadtbild. Dazu gehört das alte Grassi-Museum, in dem künftig wieder die Stadtbibliothek ihr Zuhause finden wird, das Predigerhaus am Nikolaikirchhof mit seinem auffallend bunten Ziegeldach und das Polizeipräsidium in der Dimitroffstraße, das in seinem heutigen kümmerlichen Aussehen nur noch vage an die frühere Würde erinnert.
Die schönsten Stücke aus dem Nachlass von Hugo Licht werden bestaunt.
Foto: Ralf Julke
Im Stadtarchiv war schon aus historischen Gründen alles aufbewahrt, was Hugo Licht an Unterlagen und Entwürfen in seiner Zeit als Stadtbaudirektor und Stadtbaurat produziert hat. Dazu gehört neben Planungen und Entwürfen auch seine Personalakte. Doch das ist nur der amtliche Mensch. Die umfangreichen Bestände waren eine wahre Fundgrube für die Ausstellung von 2005. Und damals kamen auch die Kontakte zu den Nachfahren von Hugo Licht zustande.
Doch wie das so ist: Eine Familie wird im Lauf der Zeit recht groß und verstreut sich in alle Winde.
Wilhelm Hoppe, ein Nachfahre Hugo Lichts, und Annett Müller vom Stadtarchiv beim Begutachten der Briefe und Fotos.
Foto: Ralf Julke
Hugo Licht selbst hatte vier Töchter: Franziska, Susanne, Josefa und Henriette, geboren zwischen 1874 und 1880. Ein Frauenhaushalt, den ihm seine Frau Clara organisierte. Das ist vielleicht der spannendste Teil dessen, was Prof. Dr. Christa Heilmann als Vertreterin der Nachkommen Hugo Lichts am Mittwoch an Andreas Müller übergab. Denn der Nachlass enthält auch einen umfangreichen Briefwechsel zwischen Clara, geborene Heckmann (1847 - 1913) und Hugo Licht, darunter seine Briefe von einer Italienreise kurz vor der Hochzeit, in denen er ausführlich über seine Reiseerlebnisse berichtet.
Aber nicht nur hier bekommt Clara eine Stimme, auch ihr Haushaltsbuch kommt ins Stadtarchiv, in dem sie ab 1900 in ihrer feinen, sauberen und ruhigen Schrift alle Ausgaben des Haushalts Licht verzeichnete. Das Haushaltsbuch reicht sogar bis 1917. "Ich hätte nur zu gern gewusst, wer es nach Clara weiterführte", sagt Dr. Anett Müller, Bestandsreferentin im Stadtarchiv Leipzig, die den Nachlass für das Stadtarchiv in Obhut nahm.
Christa Heilemann, Urenkelin von Hugo Licht, mit einem Tagebuch von Clara Licht.
Foto: Ralf Julke
Möglich, dass es eine von Claras Töchtern war. Denn über Tochter Susanne (die in einem ihrer Briefe freudig über die kommende Verlobung mit einem Arzt berichtet) kam der Nachlass Hugo Lichts an die Mutter von Christa Heilemann, die heute als Sprechwissenschaftlerin an der Uni Marburg lehrt. Die verschiedenen Inhaber des Nachlasses wünschten sich zwar immer wieder, den Nachlass irgendwann aufzubereiten. Aber sie kamen alle nicht dazu.
Seit 2005, seit der großen Ausstellung im Alten Rathaus, so berichtete Christa Heilmann, war man innerhalb des großen Familienverbandes in der Diskussion darüber, was man mit dem Nachlass machen wollte. Dass er dauerhaft in einer verlässlichen Einrichtung untergebracht werden sollte, darüber waren sich alle einig. Dreizehn Familienmitglieder kamen am Mittwoch in den Ratsplenarsaal, um das Finale der Bemühungen zu erleben. Der Raum ist praktisch der letzte im Neuen Rathaus, der den 2. Weltkrieg unbeschadet überstanden hat und heute noch das Flair jenes Gebäudes ausstrahlt, das Hugo Licht 1896 entworfen hatte.
Wilhelm Hoppe beim Begutachten der Fotos aus Hugo Lichts Nachlass.
Foto: Ralf Julke
Der jetzt überreichte Nachlass enthält auch - Beispiel: Susanne - die Briefe von anderen Familienmitgliedern sowie Freunden und Bekannten. Er enthält Fotos von Hugo Licht und einzelnen Familienmitgliedern, den Briefwechsel zwischen Oberbürgermeister Georgi und Licht zur Berufung Lichts nach Leipzig, Skizzen und Entwürfe verschiedener Grabmale, Unterlagen zum Besitz der Familie in Crossen an der Oder sowie Fotos und Zeitungsberichte zum Neuen Rathaus. Letztere hat wohl Licht selbst gesammelt, sichtlich stolz auf sein Meisterstück.
Daneben befinden sich im Nachlass einige Urkunden, so zur Ernennung Lichts zum Geheimen Baurat und zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde der Stadt Crossen, sowie das Prunkwappen der Familie Licht mit Wappenchronik. Ein besonderes Stück ist auch das sogenannte Weihnachtsbuch, in dem Clara penibel alle Weihnachtsgeschenke für die Familienmitglieder und die Dienstboten aufgelistet hat. "Wer einmal zu den Frauen hinter den großen Männern forscht, ohne die diese großen Männer ihre Arbeit gar nicht hätten tun können, findet hier reiches Material", sagt Anett Müller.
Kleiner Höhepunkt des Tages: Die Übergabe eines Tagebuches von Clara Licht an Bürgermeister Andreas Müller. Es ist eines von mehreren, in denen Clara in ihrer feinen Schrift ihr Leben an der Seite des berühmten und viel gefragten (und oft abwesenden) Architekten schildert. Eine Lektüre, auf die sich Annett Müller schon jetzt freut, denn solche tiefen Einblicke in das Leben und den Haushalt des gehobenen Leipziger Bürgertums vor 100 Jahren bekommen auch Archivare und Forscher selten.
Zeitlich erstrecken sich die Unterlagen von etwa 1870 bis 1938. Der Nachlass ist grob vorsortiert und wird nun durch das Stadtarchiv erschlossen, wobei jedes einzelne Stück mit seinen Merkmalen in eine Datenbank aufgenommen und beschrieben wird. Parallel dazu werden noch einige Recherchen erfolgen. "Ich werde die Familie wohl noch oft kontaktieren müssen, denn die Familienverhältnisse sind doch recht unübersichtlich", sagt Annett Müller.
Die Ergebnisse der Verzeichnungsarbeiten und Nachforschungen werden im Stadtarchiv in einem Findbuch zusammengestellt, welches nach Abschluss der Arbeiten im Lesesaal einsehbar sein wird. Die Briefe werden sämtlich digitalisiert, damit sie auch ohne Zerstörung durch Forscher gelesen werden können. Der Nachlass wird somit öffentlich zugänglich und für Interessierte und Wissenschaftler gleichermaßen nutzbar.
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