Windmühlenstraße im Fokus: Ein Atelierhaus erzählt seine Geschichte
Daniel Thalheim
28.10.2011
Das heutige Atelierhaus geht auf einen Fabrikbau des Leipziger Architekten Max Bösenberg (1874 - 1916) zurück.
Foto: Daniel Thalheim
Der Leipziger Denkmalschützer Stefan Krieg hat über ihn geschrieben, ebenso Wolfgang Hocquél. Der Leipziger Architekt Max Bösenberg hatte in Leipzig vor hundert Jahren seine Spuren hinterlassen. Bösenberg ist ein Kind des 19. Jahrhunderts. Die Windmühlenstraße 31 b geht auf Bösenberg zurück.
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Auf sein Konto gehen vorrangig die Villen in der Leipziger Mörikestraße, das Pfarrhaus der Peterskirche in der Riemannstraße und einige Industriebauten. Auch das heutige Atelierhaus auf dem Grundstück der Windmühlenstraße 31 b geht auf Bösenberg zurück. Paule Hammer zeigt sich wie die anderen Künstler auf dem heutigen Grundstück des Atelierhauses erstaunt. Schon 1912 soll hier eine Fabrik gestanden haben. Ursprünglich gingen die Maler davon aus, dass das Gebäude auf die Zwanziger Jahre zurück geht und einem jüdischen Pelzfabrikanten gehört habe. Damit wäre nach Ausschlussverfahren nur ein Architekt für den Überrest des damaligen Industriegebäudes in Frage gekommen: Wilhelm Haller. Aber dem ist nicht so, wenn man der Auskunft der Leipziger Stadtverwaltung Glauben schenkt.
Aus dem Dezernat für Bau und Stadtentwicklung heißt es am 27. Oktober: "Aus der Bauakte ergeben sich folgende Hinweise: Das Gebäude Windmühlenstraße 31 b wurde im Jahre 1912 für gewerbliche Zwecke nach Entwürfen des Leipziger Architekten Max Bösenberg als Hinterhaus eines tiefen, bis zur Windmühlenstraße reichenden Grundstücks erbaut. Nach Süden grenzte es mit dem kleinen Innenhof an das Nachbargrundstück und besitzt deshalb nur drei gestaltete Fassaden."
Jener Max Bösenberg wurde 1874 in Leipzig geboren und verstarb hier 1916. Der Architekt lehrte an der hiesigen Baugewerkeschule, sein bekanntester Schüler war der Architekt Clemens Thieme, der den Bau des Völkerschlachtdenkmals und des Hauptbahnhofs vorantrieb. Er und Bösenberg gehörten der Freimaurerloge "Apollo" an, Bösenberg baute sogar das 1905 wiederum abgerissene Haus der Loge "Minerva zu den drei Palmen“ in der Schulstraße (der heutigen Ratsfreischulstraße).
Vernachlässigt und dennoch ein Lebensort für Kreativwirtschaftler: Atelierhaus Frühauf.
Foto: Daniel Thalheim
Einer der Künstler zeigt auf die Einfahrt zum Grundstück. Hier ging es herein zu dem ursprünglichen u-förmigen Bau. Heute ist von dem Ursprungsgebäude nicht mehr viel zu sehen. Kriegszerstörungen haben der kleinen Fabrik den Garaus gemacht. Was der junge Mann aber erzählt, ist, dass unmittelbar neben der Bösenberg-Fabrik von 1912 Leipzigs ältestes Lichtspieltheater stand. Dazu heißt es aus der Stadtverwaltung: "Im Vorderhaus lag der Zugang zu dem einst bekannten Kino 'Astoria'. Vordergebäude und Kinosaal wurden nach schwerer Kriegsbeschädigung 1963 abgebrochen. Der noch 1972 geplante Abbruch des gleichfalls stark beschädigten, aber noch teilweise nutzbaren Hintergebäudes wurde später aufgegeben." Darin haben sich seit zehn Jahren ebenjene Künstler des Atelierhauses "Frühauf" eingerichtet.
"Seit seiner Erbauung hatte das Haus unterschiedliche Nutzer, u. a. eine Autowerkstatt, eine Buchdruckerei, eine Fabrik für Kinderbekleidung. Über eine Glaserei ließ sich in den uns vorliegenden Unterlagen nichts ermitteln. Ob eine jüdische Familie enteignet wurde, war gleichfalls nicht festzustellen", heißt es zu den Angaben der Frühauf-Künstler. Außerem, dass hier einst auch eine Pelzwarenfabrik gewesen sein könnte und nach der Wende auch mehrere Baufirmen das mitgenommene Haus in Beschlag nahmen und recht unschön veränderten.
Die Künstler beschreiben, wie sie 2002 die Keller ausgeräumt hatten und Berge von Müll heraus schafften, die die Leipziger seit Jahren dort abluden. Waschmaschinen, E-Herde und Möbel, Krempel, Wäsche. Einer zeigt auf den Hintereingang und beschreibt anhand eines bei der damaligen Aufräumaktion gefundenen Polaroid-Fotos, dass hier heraus ein riesiger Müllberg quoll, vor dem ein Mercedes Benz stand.
1912 als Industriebau erbaut: Atelierhaus Frühauf heute.
Foto: Daniel Thalheim
"Das Liegenschaftsamt der Stadt Leipzig teilte mit, dass bei dem ehemaligen sogenannten volkseigenen Grundstück die Eigentumsfrage nach der Friedlichen Revolution offen war", heißt es aus dem Dezernat für Stadtentwicklung weiter. "Das Objekt wurde deshalb im Auftrag der Stadt Leipzig treuhänderisch verwaltet. Das Grundstück Windmühlenstraße 31 b gehört entsprechend aktueller Auskunft aus dem Grundbuch nunmehr der Bundesrepublik Deutschland (Bund). Es wurde nach dem Vermögenszuordnungsgesetz im Jahr 2007 dem Bund zugeordnet."
Damit ist das Bundesamt für Immobilienangelegenheiten gemeint, das ein Angebot für den Grundstückskauf von 450.000 Euro in Aussicht gestellt hatte. Dieses Angebot läuft zum heutigen Freitag, 28. Oktober, aus. "Das Haus steht nicht unter Denkmalschutz", heißt es weiter von der Stadtverwaltung. Wer der Käufer sein könnte, weiß man auch hier nicht: "Dem Dezernat für Stadtentwicklung und Bau ist nicht bekannt, an wen das Gebäude verkauft werden soll und was dieser plant. Im Rahmen der Möglichkeiten wird die Stadt zu gegebener Zeit auf einen möglichen zukünftigen Käufer zugehen, um eine Entwicklung im Sinne einer ausgewogenen Stadtentwicklung zu unterstützen."
Gibt es also Hoffnung für den Komplex an der Windmühlenstraße? Es ist eine zurückhaltende Botschaft an die Kreativwirtschaftler auf dem bald zu sanierendem Komplex. Von Unterstützung ist die Rede, nicht aber von einem stadteigenen Konzept für nachhaltige Stadtentwicklung unter Berücksichtigung alternativer Entwicklungen. Nicht ohne Grund, denn seit 2008 ist zumindest das Grundstück Windmühlenstraße 31 b in den Händen des Bunds. Erster kleiner und augenzwinkender Protest regt sich ab Freitag auf dem Grundstück der Windmühlenstraße auf dem die schmutzig-gelben Fünfziger-Jahre-Bauten stehen.
Es regt sich kleiner aber augenzwinkender Protest gegen die Gentrifizierung in Leipzig.
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